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Judith Butler wird 60 : Die umstrittene Natur der Sache

Judith Butler durchmisst die Spannweite zwischen Natur und Kultur Bild: dpa

Als Israel-Kritikerin neben der Spur, als Gender-Theoretikerin Avantgarde: Zum sechzigsten Geburtstag der Philosophin Judith Butler, die lehrte, einfachen Unterschieden zwischen den Geschlechtern zu misstrauen.

          Es gibt Menschen, die so klug sind, dass sie sich leicht ins Bein schießen, wenn sie auch mal aufs einfach Gedachte zielen und es simpel sagen wollen. Als die Denkerin Judith Butler in einer mündlichen Debattensituation ihre Einwände gegen die Politik Israels an dem furchtbar einfachen Gedanken eichen wollte - dass die Feinde meiner Feinde meine Freunde seien -, gab sie, die ihr halbes Arbeitsleben dem systematisch ausgearbeiteten Misstrauen gegen erpresserische zweiseitige Unterscheidungen gewidmet hat, eine aberwitzige Nutzanwendung des Links-rechts-Schemas zum Besten: „Ja, ich glaube, es ist extrem wichtig, Hamas und Hizbullah als soziale, progressive Bewegungen zu verstehen, die zur Linken gehören, die Teil der globalen Linken sind.“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Man kann gegen binäre Begriffskippschalter wie „links/rechts“ eine Menge geistreicher Argumente vorbringen. Wenn man aber diesen speziellen Schalter überhaupt betätigen will, wenn das Ding noch irgendeinen kategorialen oder operativen Sinn haben soll, dann muss man sich gerade von Philologie und Philosophie, Butlers Heimatdisziplinen, belehren lassen, dass Theokraten und Vorkämpfer von Geburtsvorrechten ethnisch bestimmter Kollektive wie die Hamas und die Hizbullah erstens nach allem, was die Archive textlich hergeben, im alten Frankreich, wo das Links-Rechts-Schema herkommt, nicht links, sondern rechts vom König saßen und dass zweitens die logische Valenz der Vokabel „progressiv“ in ihrer Trennschärfe gegenüber dem Gegenteil „reaktionär“ davon abhängt, dass der damit benannte Sprech- oder sonstige Akt (Philosophie!) jedenfalls nicht auf die Vorväter, ihre Scholle oder ihren Glauben setzt.

          Butler hat sich mit jener törichten Einlassung unter anderem Proteste gegen die Ehrung ihres Werkes mit dem Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt im Jahr 2012 eingebrockt - und daraufhin versucht, ihre Lage nicht nur im Hinblick auf die besondere deutsche Situation zu verstehen, in der ihr nunmehr ein „linker deutscher Antiimperialismus“ auffiel, der die antisemitischen Züge der eigenen Argumentation nicht beachtet habe. Sie erinnerte sich und andere also daran, dass die Feinde meiner Feinde manchmal auch meine Feinde sind.

          Kritik des kleinen Unterschieds

          Die entschiedenste Feindschaft überhaupt hat ihr indes ihr nicht zu übersehender Beitrag zu etwas eingetragen, das unter anderem ihres Sprachgebrauchs wegen heute weltweit „Gender Studies“ heißt. Einer der lesefaulsten Vorwürfe, die gegen Butler immer wieder erhoben werden, unterstellt ihr, sie leugnete ebenso rundheraus wie störrisch das Vorhandensein biologischer Geschlechtertatsachen. Mehr: Butler, so wird behauptet, sage, das, was wir so nennen, sei als Bündel unüberprüfter Vorannahmen einerseits und verinnerlichter Folgen gesellschaftlicher Praxis andererseits als Geschlechtszuweisungsordnung, die sie eben „Gender“ nennt, aus nichts als Worten und Gesten gemacht. Denkt sich Butler in wirkmächtigen Büchern wie „Gender Trouble“ (1990, deutsch: „Das Unbehagen der Geschlechter“) und „Bodies that matter“ (1993, deutsch: „Körper von Gewicht“) tatsächlich eine Menschenwelt ohne Zeugungsorgane, Hormone, Physiologie? Dass all das existiert, bestreitet sie keineswegs.

          Von den Naturwissenschaften hält sie sich freilich fern; wäre sie damit vertrauter, fiele ihr vielleicht auf, dass man dort seit langem weiß, was sie auf ihrem Feld mühsam als wertvolle Einsicht durchzusetzen sucht: dass wir nur über das reden können, wofür wir Namen haben oder worauf wir zu zeigen vermögen, dass jedoch diese Benennungs- und Zeigegewohnheiten von keiner höheren Macht in eine zwingende Harmonie mit außersprachlichen Tatsachen gezwungen werden, die uns daran hindern könnte, auch von Dingen zu reden, die es eben nicht gibt. Selbstverständlich darf man voraussetzen, dass Dinge, die man weder bereits benannt hat noch gestisch bezeichnen kann, zur Welt gehören, aber über sie kann man halt nichts sagen.

          Umgekehrt lassen sich sogar Sachen „erforschen“, die nicht mehr sind als ein Wort, zum Beispiel das berühmte „Phlogiston“, das die Chemie einst für den Stoff hielt, der Verbrennung ermöglicht. Später begriff man, dass Zeug meistens dadurch verbrennt, dass es sich mit Sauerstoff verbindet. Dass man von der Existenz einer fiktiven Substanz und Essenz ausging, bis eine bessere, nämlich pragmatisch nützlichere und theoretisch aufwandsärmere Erklärung des betreffenden Zusammenhangs gefunden war, sollte als Mahnung zu skeptischem Gebrauch nicht nur geschlechtlicher, sondern auch biologischer und überhaupt naturalistischer Begriffe eigentlich genügen.

          Was liegt in der Natur der Sache?

          Aber Butlers akribische Analyse der eben nicht selbstverständlichen, sondern von allerlei Machtverhältnissen überlagerten Problematik solcher Sortierkriterien stößt auf den härtesten Widerstand interessanterweise gerade da, wo sie, um ihr Unternehmen mit Beispielmaterial zu versehen, von Phänomenen redet, die in den gegebenen Sortiersystemen nur als Sonderfälle geführt werden: von Minderheiten der Anatomie oder des Begehrens. Da würden, heißt es dann, sobald Butlers inzwischen beachtliche Anhängerschaft aus diesen Untersuchungen etwa konkrete Folgen für das Titelwesen oder die Toilettenbeschilderung ableitet, absolut nachrangige, anteilsmäßig für die Demographie nicht ins Gewicht fallende Daten grotesk überschätzt.

          Dieser Vorwurf ignoriert halsstarrig die Erfahrungen moderner Gemeinwesen in Sachen Vermittlung des Besonderen mit dem Allgemeinen. Die vielbeschworene Meinungsfreiheit etwa ist nur dann allgemein, wenn sie insbesondere diejenigen Meinungen aushält, die der Mehrheit, den Mächtigen oder beiden nicht gefallen. Dass Idi Amin ein toller Kerl sei, darf man schließlich auch unter Idi Amin sagen, und umgekehrt haben Leute, die sich beschweren, es gebe wohl zu viele Behindertenparkplätze, da die ihnen bekannten immer leer seien, nicht begriffen, dass ein besetzter Behindertenparkplatz, der Nutzungsberechtigte zwingt, durch die halbe Stadt zu fahren, um einen freien zu finden, völlig nutzlos ist. Dass die Zurückführung von Bezeichnungs- und Wahrnehmungskriterien auf Mehrheits- und andere Machtumstände zu Streit führt, liegt nach alledem in der Natur der Sache. Aber diese „Natur“ ist einmal mehr Metapher für etwas von Menschen Gemachtes; also ein klassischer Fall für Judith Butler, die an diesem Mittwoch sechzig Jahre alt wird.

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