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Martha Nussbaum wird siebzig : Die zornige Philosophin

Temperament, Energie, analytische Strenge: Martha Nussbaum. Bild: debeeldunie.nl / Visum

Dass Martha Nussbaum den „Nobelpreis der Philosophie“ erhielt, ist kein Wunder: Ohne Unterlass bearbeitet sie die gesellschaftlich drängenden Fragen. Heute wird die Streitbare siebzig Jahre alt.

          Gut, dass es Martha Nussbaum gibt. Mit ihrem Temperament, mit ihrer Energie und mit ihrer analytischen Strenge bearbeitet sie die gesellschaftlich drängenden, zugleich hoch riskanten Themen mit links. Dass sie keinen Elfenbeinturm bewohnt, sondern verlässlich dort zur Stelle ist, wo menschliche Not nach Klärung von Kategorien verlangt – das hat man ihr mit vielfältigen Ehrungen gedankt, mit vierzig Ehrendoktortiteln in aller Welt und jüngst noch mit dem Kyoto Prize, auch „Nobelpreis der Philosophie“ genannt.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Drängend, ja bestürmend sind für Nussbaum heute Fragen wie die nach den Minderheiten und ihrem politischen und rechtlichen Status, Fragen nach der Gewichtung von Herkunft, Religion, Geschlecht und Sexualität – nach menschlichen Merkmalen also, die in einem universalistischen Politikverständnis nie und nimmer zu Diskriminierung und Verächtlichmachung Anlass geben dürfen, in einer Unkultur des Zorns dagegen nur allzu oft als Blitzableiter fungieren. Bei Martha Nussbaum weiß man diese Themen auch deshalb in guten Händen, weil sie scharfsinnig genug ist, über genügend intellektuelles Risikobewusstsein verfügt, um nicht in die Falle der Moralisierung zu tappen, eine Falle, in welcher derzeit so viele Wohlmeinende stecken, die Gestikulationen von Gefühltem als Gedachtes ausgeben.

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          Für Martha Nussbaum indessen sind Emotionen seit je ein zentrales Feld der philosophischen Untersuchung, sie holt Gefühle wie Liebe, Hass und Zorn mit der Reflexion ein, denkt sie durch, nicht weg. So werden sie, die Emotionen, bei Nussbaum stets doppelt ansichtig: als Einlagerungen des Politischen wie als Triebkräfte der persönlichen Existenz. Martha Nussbaum, die als Professorin an der University of Chicago den Fakultäten für Recht, Theologie und Philosophie angehört, zählt zu den einflussreichsten Gerechtigkeitstheoretikern der Vereinigten Staaten. Als „linke Aristotelikerin“ (Roland Kany) ist sie mit einer wunderbar aufflammenden, akribischen Dissensbereitschaft gesegnet, weswegen einem auch nicht ganz wohl sein kann, sie freiweg als Schülerin von John Rawls und Bernard Williams zu bezeichnen. Denn was, bitte, heißt bei dieser großen Eigensinnigen schon „Schülerin“?

          Wer die Probe auf ihre Provokationslust machen will, lese ihr neues Buch über „Zorn und Vergebung“. Mit wie viel Lebenserfahrung und Witz warnt sie dort vor dem Imperativ der „Aufarbeitung“, wie er die therapeutische Literatur durchzieht! Und streitet etwa gegen „die weit verbreitete Ansicht, dass die Menschen (und in erster Linie die Frauen) es sich um ihrer Selbstachtung schuldig seien, sich ihren Zorn – auch wenn Zorn schlecht ist – einzugestehen, ihm Nahrung zu geben und ihn öffentlich zu bekunden. Tut eine Frau das nicht, wird ihr Schwäche vorgeworfen, oder es heißt, sie habe keine Selbstachtung.“ Dass es immer auch anders geht, als alle Welt glauben machen möchte – das ist das wohltuende Credo der Martha Nussbaum, die heute siebzig Jahre alt wird.

          Quelle: F.A.Z.

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