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Die neue Popkritik Ganz schön schmerzfrei

 ·  Enttäuschte Hoffnungen: Weil jede Avantgarde früher oder später einmal Mainstream wird, hat ein neues Magazin die Popkritik von den einstigen Ansprüchen befreit.

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© Thomas Brill Vergrößern Hat den Pop durch ein sympathisches Moment des Zweifeln bereichert: Ariel Pink, hier bei einem Konzert mit seiner Band „Haunted Graffiti“ in Köln

Da kommt ein neues Popmagazin auf den Markt, und dann sagt einem keiner, warum. Auf ein einleitendes Editorial hat die Zeitschrift „Pop. Kultur und Kritik“ jedenfalls verzichtet. Wer sich nun fragt, wozu die Welt ein halbjährliches Popmagazin braucht, der muss sich Antworten aus der Ausgabe zusammenklauben. Am Schluss wird er feststellen, dass der Verzicht auf ein Editorial programmatisch ist und dass Pop nichts mehr will, ja vielleicht nie etwas anderes wollte als sich selbst.

Von vorne: Ein schönes Layout hat das Magazin schon mal. Es kommt in übersichtlichem Schwarzweiß, die 170 Seiten lassen sich gut konsumieren. „Zur Zeit“, „Essays“ und „Forschungsbeiträge“ heißen die Rubriken des Heftes. In der ersten sollen die Autoren Analysen und Kommentare zum Zeitgeschehen liefern. So beschreibt Wolfgang Ullrich unter dem Stichwort „Marketing“ den Menschen in der Leistungsgesellschaft als Borderliner zwischen den zwei Imperativen „Alles ist möglich!“ und „Überbeanspruche dich nicht!“. Das Shampoo, das „in seiner Struktur geschädigtes Haar“ wieder aufbaut, nutze diese Energiemetapher ebenso wie Soziologen vom Schlage Alain Ehrenbergs mit ihren Diagnosen des „erschöpften Selbst“.

Gestus der Subkultur

Georg Seeßlen widmet sich in der Kategorie „Film“ der gesellschaftlichen Funktion der „Feelgood Movies“. Deren Protagonisten sind Menschen, die behindert, schwächer oder zumindest unglücklicher als der Zuschauer selbst sind. Ihre Rebellion gegen das Unglück bleibt jedoch immer auf der individuellen oder familiären Ebene. Filme wie „Ziemlich beste Freunde“ preisen so die guten alten Werte wie Freundschaft, Respekt und den „sozialen Akt des Sichkümmerns“. Ein gutes Feelgood Movie erkenne man daran, dass das gerührte Lächeln anhält, wenn der Zuschauer in die brutale Wirklichkeit entlassen wird.

An dieser Rückkopplung haben die meisten Beiträge jedoch kein Interesse mehr: Der Anspruch, Pop und Politik zu verbinden, löst bei den meisten Autoren des Magazins starke Abwehrreflexe aus. Das liegt zum einen an der Abgrenzung vom alten Popdiskurs, der männerdominierten „(Geheim-)Wissenschaft“ und „Penisfechterei“, wie Nadja Geer schreibt, zum anderen daran, dass die Schlachten längst geschlagen sind, wie Chefredakteur Thomas Hecken in seinem Essay darlegt. Den Gestus der Subkultur, die Kritik an der Kulturindustrie, habe der Pop längst eingebüßt. Und weil die Hoffnung fehlgeleitet war, mit der Musik von David Bowie bis hin zu Frank Zappa die liberal-kapitalistische Gesellschaft gefährden zu können, gelte es nun, das Feld des Pop anders zu vermessen.

Zweifelnder Fortschritt

Hecken schlägt zu diesem Zweck sieben Mittel vor: Oberflächlichkeit (nur die Form zählt, der Nutzen spielt keine Rolle), Funktionalismus (Pop ist moralisch desinteressiert und will nur den Körper in Bewegung bringen), Konsumismus (Pop mag die Berieselung), Äußerlichkeit und Immanenz (Pop bezieht sich nur auf das sinnlich Gegebene), Künstlichkeit (Plastik, Schneideraum, Sampler-Software und Spraydosen sind die wichtigsten Bestandteile des Pop) und Stilverbund (jeder Titel ist mit einer Frisur, einer Hose, einer Attitüde verbunden).

Es sind schöne Texte in dem Heft, zur Logik der Serie, zum „Hypnagogic Pop“ eines Ariel Pink, in dem „ein Retro der Zweifler und Zauderer“ als großer Fortschritt für den Pop beschrieben wird. Dennoch wird man den Eindruck nicht los, dass mit Heckens Definition - der Abgrenzung des Pops von „Massenkultur“ und „Populärkultur“, der Stilisierung einer Popsphäre, die weltanschauliche Fragen, wie Hecken schreibt, „ignoriert, so gut es geht“ - die Beschäftigung mit Popphänomenen selbst etwas poppig ausfallen kann. Als habe man sich selbst den Boden unter den Füßen weggezogen.

So liest man, dass die Weigerung der Occupy-Aktivisten, Forderungen zu stellen, ihr größtes Verdienst gewesen sei, und dass die Aktivisten dem Kapitalismus stattdessen Räume der gegenseitigen Verbundenheit entgegenstellten. Man kann das ja schreiben - aber unter dem Stichwort „Ökonomie“? Gilt für sie die gleiche Aufforderung, mit der der Text zur „Literatur“ schließt - nämlich nicht ständig nach dem Realen zu suchen, „das vermeintlich wirklicher ist als die Simulakren unserer Medienkultur“?

Es folgt ein Plädoyer an Geisteswissenschaftler, sich stärker in diese Medienkultur einzubringen, eine „offensive Selbstmedialisierung“ zu betreiben. Ja, möchte man nun beipflichten, aber - und da sind wir wieder beim fehlenden Editorial: Worum könnte es ihnen dort überhaupt noch gehen? Pop hat darauf noch nie Antworten geliefert. Aber Anreize geben, sie zu suchen, das könnte er schon.

Zwei Aufsätze, die durch ein „double blind peer review“ mussten, beschließen das Magazin. In einem geht es um Lady Gaga. Nach dem intensiven Studium von Madonna und Judith Butler laute deren Botschaft, „sich in Sachen Liebe und Sexualität auf die virtuelle Welt zu beschränken“. Man könnte das als Reaktion des Pop auf seine Geschichte verstehen. Weil es mit dem Verändern nicht geklappt hat, beschränkt er sich nun darauf, die Realität möglichst schmerzfrei zu ertragen.

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