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Die Lehre vom Nichtwissen : Alles, was man nicht wissen muss

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Warum sollte man wissen wollen, was man nicht weiß? Und welches Unwissen ist von Vorteil? Für solche Fragen gibt es die Agnotologie. Ihre Vertreter tauschten jetzt in Bielefeld ihr Wissen aus.

          Wenn Stuart Firestein an der Columbia University Neurowissenschaften unterrichtet, dann tut er es gründlich: Molekularbiologie, Physiologie, und zum Nachlesen empfiehlt er ein Standardwerk mit 1414 Seiten, verfasst selbstredend von einem Nobelpreisträger. Es kostete Firestein einige Jahre, bis er bemerkte, dass die Studenten mit einer Haltung aus seinem Kurs gingen, die er ganz und gar nicht beabsichtigt hatte: Sie glaubten, die Neurowissenschaften seien vollendet, alle interessanten Fragen seien beantwortet. Seither unterrichtet er „Ignorance“, Nichtwissen, und lädt Kollegen aus verschiedenen Disziplinen ein, den Studierenden zu erzählen, was sie nicht wissen, gerne wissen würden oder vor zehn Jahren noch nicht gewusst haben.

          Das passt zu einer interdisziplinären Unternehmung, die gedeiht, seit der Wissenschaftshistoriker Robert Proctor (Stanford) ihr vor einigen Jahren einen Namen gab: Agnotologie, die Lehre vom Nichtwissen. Agnotologie ist der Schatten der Erkenntnistheorie, wie der Philosoph Martin Carrier (Bielefeld) auf einer Tagung zum Umgang mit Nichtwissen am Bielefelder Zentrum für interdisziplinäre Forschung erklärte. Sogar eine Maßeinheit für das Unwissen gibt es: sie heißt BUSH.

          Proctor selbst sprach über einen besonders krassen Fall der Aufrechterhaltung von Nichtwissen. „Unser Produkt ist der Zweifel, denn Zweifel ist das beste Mittel gegen Fakten“, zitierte er ein Memo der Zigarettenindustrie. Diese betreibe unter dem Deckmantel der Forschungsförderung die „tödlichste Verschwörung der Welt“, so Proctor. Er zeigte detailliert, wie es der Zigarettenindustrie gelingt, sogar den allgemeinen Sprachgebrauch gezielt zu verändern und in den Vereinigten Staaten etwa die Rede vom minderjährigen Raucher durch die vom „jungen erwachsenen Raucher“ zu ersetzen.

          Vom Vorteil, unwissend zu sein

          Unwissenheit hat viele Gesichter. Philip Kitcher (Columbia University) unternahm den Versuch, sie zu systematisieren. Das Wissen um die Grenzen des eigenen Wissens, das Forscher antreibt, sie auszudehnen, ist ebenso nützlich wie dasjenige, das aus kognitiver Arbeitsteilung resultiert. Zudem gibt es unter dem nicht Gewussten viel unnützes Zeug, mit dem man sich am besten auch gar nicht erst belastet. Und eine Frage offenzulassen ist immer besser, als etwas Falsches zu glauben.

          Übel ist es hingegen, wenn Menschen Dinge nicht wissen, die sie wissen müssten, um ihre Lebensziele möglichst gut zu erreichen, so Kitcher. Ihm geht es um die Verteilung von Wissen. Agnotologie, so Kitcher, ist immer sozial. Unwissen müsse so verteilt sein, dass nur diejenigen unwissend bleiben, für die das Wissen keine Rolle spielt. Spielt es für niemanden eine Rolle, sollte man die Forschung drangeben. Aber wie kann man vorher wissen, ob es eine Rolle spielen wird?

          Vom politischen Umgang mit Wissen

          Der Soziologe Peter Weingart (Bielefeld) beleuchtete das Verhältnis von Regierungen und Wissen. Seit einiger Zeit habe sich der Staat immer mehr von seinen Fachbeamten getrennt und setze seither auf den Rat von Experten. Damit liefert er sich auch der Logik der von Natur aus skeptischen Wissenschaftskultur aus. Da der Staat die Ergebnisse der Wissenschaften aber zugleich zur Legitimation seiner Handlungen benötigt, wird diese Legitimation brüchig, und es stellt sich die Frage, wann das Expertenwissen die politische Legitimität bedroht.

          Regierungen seien oft einfach zu langsam und zu selektiv, um zu bemerken, wo sich ein neues Handlungsfeld auftue, so Weingart. Manchmal will die Regierung einfach nicht wissen und ignoriert den Expertenrat, manchmal weiß sie etwas, gibt es aber lieber nicht zu, manchmal nimmt sie nur wahr, was ihr gerade passt. So ignorierte die japanische Regierung die Warnung eines Seismologen, der die Wahrscheinlichkeit für ein starkes Erdbeben in den nächsten dreißig Jahre auf neunzig Prozent geschätzt hatte, und folgte lieber einem Atomenergieanhänger, der argumentiert hatte, dann könne man ja gar nichts mehr bauen.

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