Home
http://www.faz.net/-gso-u71f
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Die Geschichte mit dem Aushang

13.02.2007 ·  Ein Fund zum Thesenanschlag Luthers gibt der widerlegten Legende neue Nahrung

Artikel Lesermeinungen (0)

Spätestens seit den sechziger Jahren galt es innerhalb der protestantischen Kirchengeschichte als unumstritten, dass Luthers Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 nie stattgefunden hat. Der katholische Luther-Forscher Erwin Iserloh hatte seine provozierende These vor allem damit begründet, dass das früheste Zeugnis für Luthers Thesenanschlag erst nach Luthers Tod im Jahre 1546 von Philipp Melanchthon formuliert wurde. Seither galt als gängige Lehrmeinung, Luther habe die Disputationsthesen zunächst an Erzbischof Albrecht von Mainz und später an den Bischof von Brandenburg, vielleicht auch an weitere Bischöfe verschickt.

Luthers Eckermann notiert

Nun fand der Luther-Kenner und Kirchenhistoriker Martin Treu von der Stiftung Luthergedenkstätten Wittenberg in der Jenaer Universitätsbibliothek eine Notiz des engsten Vertrauten Luthers, Georg Rörers. Dieser Fund wird zumindest die Diskussion über die Thesen neu entfachen. In einem Handexemplar der gedruckten deutschen Übersetzung des Neuen Testaments von 1540 (Hans Lufft) fand sich auf dem Schlussblatt über dem Impressum folgender Eintrag: "Anno domini 1517 in profesto omnium Sanctorum . . . Witemberge in valuis templorum propositae sunt . . . de indulgentiis, a Doctore Martino Luther" (Im Jahr 1517, am Vortag des Allerheiligenfestes, hat Doktor Martin Luther in Wittenberg an den Türen der Kirchen seine Ablassthesen bekanntgegeben).

In dieser Bibel finden sich sowohl handschriftliche Anmerkungen Luthers als auch Notizen Rörers, der gewissermaßen der Eckermann Luthers war und dessen Nachlass sich in der Universitätsbibliothek Jena befindet, da die gesamte Wittenberger Bibliothek zu Beginn der Schmalkaldischen Kriege 1547 zunächst nach Weimar und 1549 nach Jena gebracht worden war. Der erste gedruckte Katalog der dortigen Bestände stammt von Johann Christoph Mylius aus dem Jahr 1746. Er erwähnt zu dem NT: "Haec legunter beati Lutheri manuscripta" (Hier lesen wir einen handschriftlichen Eintrag Luthers). Eine Fotokopie dieses Katalogbandes wiederum hatte sich einer der Gründer des amerikanischen Geheimdienstes CIA, Ernest George Schwiebert, der 1995 aber auch zwei Bände über die Reformation verfasste, 1934 mit in die Vereinigten Staaten genommen und sich darüber gewundert, dass es in Deutschland eine Diskussion um den Thesenanschlag gebe.

Treu sah sich durch diese Erwähnung, auf die ihn ein amerikanischer Pfarrer in Wittenberg aufmerksam machte, veranlasst, in Jena genau nachzuschauen, was frühere Luther-Forscher offensichtlich unterlassen hatten. Warum sollten sie auch? Der entsprechende Band des NT ist in der wissenschaftlichen Lutherausgabe Weimarana (WA.DB 4, 281-418) enthalten und interessierte die Herausgeber nur insofern, als er Aufschlüsse über die Entstehung der Bibelübersetzung geben konnte. Im Jahre 1923, als dieser Band der Weimarer Ausgabe ediert wurde, bezweifelte den Thesenanschlag ohnehin niemand.

Luther selbst hat von einem Thesenanschlag nie gesprochen, allenfalls von seinen Disputationsthesen, die sich zu einer Zeit wie ein Lauffeuer verbreiteten, als das akademische Disputationswesen in Wittenberg zum Erliegen gekommen war. Luther hat es erst in den dreißiger Jahren wiederbelebt. Treu ist davon überzeugt, dass der Eintrag Rörers früher zu datieren ist als Melanchthons Erwähnung aus dem Jahre 1546, die sich nur auf die Tür der Wittenberger Schlosskirche bezieht. Treu vermutet, dass der Eintrag in den Jahren 1541 bis 1544 entstand. In dieser Zeit befand sich das Handexemplar in Rörers Besitz.

Um den Bericht eines Augenzeugen handelt es sich trotzdem nicht, denn Rörer studierte 1517 noch in Leipzig und kam erst 1522 nach Wittenberg. Treu hält die schwierigere Lesart, die den Universitätsstatuten gemäß von einem Anschlag an alle Kirchen Wittenbergs spricht, für die ursprünglichere. Bestärkt hat ihn zusätzlich eine zweite Notiz über dem Impressum des Neuen Testaments, die festhält, Melanchthon sei am 20. August 1518 gegen zehn Uhr in Wittenberg eingetroffen - hier gelte das Kontextargument.

Der Jenaer Kirchenhistoriker und Lehrstuhlinhaber Volker Leppin, der im vergangenen Jahr eine Luther-Biographie veröffentlichte und darin Iserlohs These von der Legende des Thesenanschlags übernommen hatte, hält Treus Fund für bemerkenswert, aber für nicht ausreichend als Beleg für den Thesenanschlag. Er erinnert an Iserlohs Argument, dass das Anbringen der Aushänge nach Wittenberger Universitätsstatuten nicht Aufgabe eines Professors, sondern des Pedells war. Die Statuten sprechen außerdem davon, dass Aushänge "valuis ecclesiarum" anzubringen seien. Als Mitarbeiter an der Bibelübersetzung war Rörer der Unterschied zwischen "ecclesia" (personal als Gemeinde verstanden) und "templum" (als Kirchengebäude) ganz geläufig. Deshalb vermutet Leppin, seine Formulierung lehne sich durch die Umformulierung von "ecclesiarum" in "templorum" den Statuten an.

Ein ungehobener Nachlass

Leppin, der Luther von seinem Nimbus als reformatorischer Held befreien und ihn als Getriebenen und Zauderer darstellen will, sieht in Rörers Notiz einen weiteren Beleg für die Legendenbildung um den Thesenanschlag. Im Sinne seiner Luther-Biographie muss er so argumentieren, will er ihr nicht die Grundlage entziehen. Ob allerdings die Deutsche Forschungsgemeinschaft ausgerechnet durch diese Behauptung davon überzeugt werden kann, die Erforschung des Rörer-Nachlasses zu finanzieren, bleibt abzuwarten. Dringend nötig wäre sie ganz unabhängig davon. Bisher fehlt eine Transkription oder Edition der schriftlichen Zeugnisse Rörers, die sich erst im Kontext mit der ebenfalls in Jena befindlichen Bibliotheca Electoralis erschließen. Mit weiteren aufschlussreichen Funden ist durchaus zu rechnen. HEIKE SCHMOLL

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Wulffs Ensemble

Von Martin Otto

Schon Bertholt Brechts Dogsborough konnte Geschenke guter Freunde nicht ablehnen. „Dieses Landhaus hätt’ ich nicht nehmen dürfen“, bekennt die an Reichspräsident Hindenburg angelehnte Figur. Mehr 7 14