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Die Erfindung der Moralpolitik

10.03.2007 ·  Vor zweihundert Jahren beschloss Großbritannien die Abschaffung des Sklavenhandels

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Es war Daniel Defoe, der 1713 eine unheimliche Rechnung aufmachte, in der der Sklavenhandel die ausschlaggebende Größe war: "Kein afrikanischer Handel, keine Neger. Keine Neger, kein Zucker. Kein Zucker, keine Inseln, keine Inseln, kein Kontinent, kein Kontinent, kein Handel. Und das alles sagt Lebewohl zu Eurem amerikanischen Handel, Eurem westindischen Handel . . ." Fast ein Jahrhundert hat es denn auch gedauert, bis man sich dieser Logik zu entwinden vermochte. Seit dem Juni 1806 wurden in Großbritannien nach einer zwanzigjährigen Kampagne gegen den Sklavenhandel die parlamentarischen Prozeduren eingeleitet, die im März 1807 Jahres zur Verabschiedung der "Bill for the Abolition of the Slave Trade" führten. Von nun an kontrollierte die britische Navy die Handelswege. Britische Kapitäne, die auf ihren Schiffen Sklaven beförderten, machten sich strafbar, und Schiffe anderer Nationen mit Sklaven an Bord konnten als Piratenschiffe behandelt werden.

Humanitäres Symbol

Ein Erfolg wie dieser hat viele Väter und viele Sympathisanten. Die 1787 in England von Quäkern gegründete "Society for the Abolition of Slave Trade", die auch Nichtquäker aufnahm, wandte sich gleich nach ihrer Gründung mit einer Petition an die britischen Parlamentsmitglieder. In deren Kreis fand sie vor allem durch den Abgeordneten William Wilberforce Unterstützung. Ihm war es wohl zu verdanken, dass im britischen Parlament schon 1788 zum ersten Mal ein Antrag eingebracht wurde, den Transport und Verkauf von Sklaven zu untersuchen. Besonders durch die Initiative von Wilberforce kam es dann 1807 zu der folgenreichen Gesetzesvorlage gegen den Sklavenhandel mit britischen und anderen Kolonien, die am 7. März mit großen Mehrheiten in beiden Häusern des Parlaments verabschiedet wurde. Folgenreich wurde dieses Gesetz allerdings erst vier Jahre später, als der Transport menschlicher Fracht zu einem Kapitalverbrechen erklärt wurde.

Als Pioniere der Moralkampagne gegen die Sklaverei können auch Charles Darwins beide Großväter gelten, Josiah Wedgwood und Erasmus Darwin. Beide spielten in der Anti-Sklaverei-Bewegung eine Rolle. Josiah Wedgwood, dessen Keramikproduktion nach griechischen Mustern in ganz Europa berühmt war, nutzte sein erfolgreiches blau-weißes Porzellan für die Kampagne gegen die Sklaverei, indem er das Medaillon eines knienden Schwarzen in Ketten hinzufügte und mit dem Spruch versah: "Am I not a man and a brother?" Dieser Spruch wurde im Jahre 1787 auch von der britischen "Anti Slavery Society" übernommen.

Dass ein kommerzielles Gut, das im Haushalt Verwendung fand, zum Träger einer humanitären Botschaft gemacht wurde, war etwas völlig Neues. Damit war nicht nur ein humanitäres Symbol erfunden, sondern zugleich eine neue Form der Moralpropaganda, die das politische Handeln nicht direkt, dafür aber auf höchst wirksame Weise indirekt zu beeinflussen suchte.

Die Lebensverhältnisse der Sklaven in den britischen Kolonien wurden dadurch freilich zunächst ebenso wenig verbessert wie die Verhältnisse in den französischen, spanischen und portugiesischen Kolonien. Es war wiederum William Wilberforce, der 1820 durchsetzte, dass die Sklavenhaltung in britischen Territorien abgeschafft wurde. Aber es dauerte noch einmal acht Jahre, bis die freien Farbigen in den Kolonien den Weißen gleichgestellt wurden. Alle diese von Einzelgängern in die Wege geleiteten Initiativen wurden in England von der ersten humanitären Massenbewegung begleitet. An ihr nahmen Millionen Menschen teil, 1 309 913 Unterschriften wurden 1833 an das britische Parlament geleitet, das daraufhin die allgemeine Befreiung der Sklaven im Britischen Empire beschloss, ein Beschluss, der nach 1838 in Kraft trat.

Im französischen Herrschaftsbereich brachte das Revolutionsjahr 1848 das Ende der Sklaverei, während die Plantagenbesitzer im amerikanischen Süden der Vereinigten Staaten ihre Sklaven erst 1865 freilassen mussten, entschädigungslos. In der spanischen Kolonie Kuba endete die Sklaverei 1886, die Befreiung der mehr als 1,2 Millionen Negersklaven Brasiliens ließ noch länger auf sich warten. In diesen Zusammenhang gehört auch die Aufhebung der bäuerlichen Leibeigenschaft in Russland 1861. Bis dahin waren die Leibeigenen nicht von persönlichem Sacheigentum unterschieden. In allen diesen einzelnen Reformschritten hat man zu Recht eine der großen weltgeschichtlichen Tendenzen des neunzehnten Jahrhunderts gesehen, die das Ende der von Weißen geführten Sklavenhaltersysteme herbeiführten.

Die in Großbritannien besonders früh ausgeprägte Neigung, auf die Politik einwirken zu wollen, beruhte auf einer breiten Sentimentalisierung und Moralisierung der Politik - einer Art Gegenpolitik. In einem fesselnden (in der Reihe der Carl Friedrich Siemens-Stiftung erschienenen) Vortrag bemerkt Jürgen Osterhammel: "Die Sklaverei war in jenem Moment dem Untergang geweiht, als mit jedem Löffelgriff in die Zuckerdose das Seufzen der fernen und unsichtbaren Sklaven zu ertönen schien." Die Propaganda, sich des auf Plantagen mit Sklaven erzeugten Zuckers zu enthalten, war, wie Osterhammel weiter erläutert, der erste moralisch motivierte Konsumboykott: "Der Abolitionismus als wichtigster Ausdruck einer neuen humanitaristischen Denkweise und Haltung holte die Leidenschaften in die Politik zurück und stellte sie frontal gegen die Interessen, partikulare und nationale gleichermaßen." Doch dies seien nicht mehr die heroischen Leidenschaften einer früheren Epoche gewesen, sondern die emphatisch universalisierten Leidenschaften einer Weltbürgergesellschaft, die sich im Zeichen der Pax Britannica abzuzeichnen begann.

Alexis de Tocqueville, der Verfasser des berühmten Buches über die Demokratie in Amerika, dürfte der Erste gewesen sein, der diese Initiativen zur Sklavenbefreiung in ihrer Eigenart ganz erfasste. Er bemerkte nicht nur, dass die Sklavenemanzipation nicht das Werk der Regierenden, sondern von Einzelnen war, die durch die öffentliche Meinung unterstützt wurden.

In Artikeln, die er 1843 in der Zeitschrift "Le Siecle" veröffentlichte, sah Tocqueville in der Sklavenbefreiung einen historisch beispiellosen Vorgang: eine Befreiung, die nicht durch die Verzweiflungstat der Unterdrückten, sondern "durch den aufgeklärten Willen des Herrn" zustande gekommen sei. Was das Christentum in Jahrhunderten nicht durchzusetzen vermochte, sei in fünfzig Jahren durch den Druck des Zeitgeistes, der Ideen und Leidenschaften der europäischen Gesellschaften zustande gebracht worden. Er übersah dabei nicht, dass es nicht die Ideen der Französischen Revolution waren, die den Ausschlag gegeben hatten, sondern das Selbstbewusstsein der kommerziellen Gesellschaft Großbritanniens.

Die Moralbewegung, die Tocqueville ins Auge fasste, habe nicht nur gewisse Kerngedanken des Christentums zum ersten Mal konsequent angewendet und in einen Katalog von Pflichten gebracht, die auch für die Politik maßgebend wurden. Diese philanthropische Bewegung habe sich zugleich, wie Tocqueville meinte, vom Christentum unabhängig gemacht. Die moralische Sensibilität war ansprechbar durch Vorgänge in weiter Ferne: Man fühlte sich moralisch mitverantwortlich und protestierte gegen die ungewollte Befleckung des eigenen Gewissens im Namen der Zivilisation - derselben Zivilisation, die auch von den Sklavenhaltern in Anspruch genommen wurde, wenn sie vorgaben, die Schwarzen zu zivilisieren.

Macht der Philanthropie

Man hat im Zusammenhang mit dieser philanthropischen Bewegung von einer Politisierung der Gefühle gesprochen, die zum ersten Mal der Politik die Aufgabe stellten. Ein solcher Umschlag von philanthropischen Regungen in Politik war auch noch für den ungeheuren Erfolg von Harriet Beecher-Stowes Roman "Onkel Toms Hütte" verantwortlich, das bis heute nicht überbotene Beispiel dafür, dass moralische Überzeugungen sich wie ansteckend verbreiten können und dadurch politisch folgenreich werden.

Und noch die jüngsten Kampagnen, mit denen gegenwärtige Regierungen veranlasst werden sollen, sich für historisches Unrecht ihrer Länder zu entschuldigen, liegen auf der Linie jener Moralpolitik, die mit dem Verbot des Sklavenhandels vor zweihundert Jahren ihren ersten Sieg errungen hat. Das Jubiläum der Abschaffung des Sklavenhandels, das in diesen Tagen gefeiert wird, bietet nun die willkommene Gelegenheit, sich zugleich als Erfinder jener Moralpolitik zu feiern, in deren Namen die Entschuldigung für historisches Unrecht gefordert wird. Henning Ritter

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