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Alte Sprachen : Was uns fremd scheint, ist uns so nah

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Griechisch und Latein haben bildungspolitisch keinen leichten Stand. Warum soll man antike Texte heute noch lesen? Weil wir sonst den Zugang zur europäischen Phantasie verlieren.

          Alle Jahre wieder wird die Frage nach dem Nutzen der in Schulen und Universitäten verhandelten Bildungsgegenstände gestellt, und sie richtet sich bevorzugt an die Geisteswissenschaften. Leider wird unter Nutzen zunehmend eine schlicht gefasste Vorstellung von praktischer Anwendbarkeit verstanden: „Was bringt mir das?“, fragen orientierungslose Schüler, die den lateinischen Aphorismus „non scholae, sed vitae discimus“ längst nicht mehr kennen. Auch Studenten finden ihr Studium oftmals zu „theoretisch“. Als Reaktion darauf werden die Gegenstände von übereifrigen Bildungspolitikern zu lebensweltlichen Kompetenzen umdefiniert. Eine selbst in manchen gehobenen Medien verbreitete Theoriefeindlichkeit trägt ihr Scherflein zur Marginalisierung des „nicht gebrauchsfertigen Wissens“ bei.

          Es kommt nicht von ungefähr, dass in diesem Zusammenhang rasch die beiden Klassischen Philologien – Griechisch und Latein – in den Blick rücken, sozusagen als Stellvertreter der randständigen Fächer mit ihren obsoleten Gegenständen. Griechisch wird zumeist mit einem nostalgischen Seufzer aus der Diskussion verabschiedet: Bleibt das Lateinische als Inbegriff des leidigen, aber hartnäckigen Überbleibsels aus der humanistischen Bildungstradition mit ihren doch irgendwie überflüssigen Wissensbeständen. Es gehört mittlerweile zum Standardrepertoire der fragwürdigen Hypothesen aus Hirn- und Bildungsforschung, dass das Erlernen dieser „toten Sprache“ weder das logische Denken fördere noch positive Effekte auf den Erwerb moderner Fremdsprachen verzeichne.

          Dem Mythos entwachsen: Das trojanische Pferd ist als Symbol so bekannt, dass es gerne auch in anderen Zusammenhängen verwendet wird.
          Dem Mythos entwachsen: Das trojanische Pferd ist als Symbol so bekannt, dass es gerne auch in anderen Zusammenhängen verwendet wird. : Bild: dpa

          Die Anwälte des Alten richten indes meistens auch mehr Schaden als Nutzen an, wenn sie die antiken Texte zu liebreizenden Kleinodien verklären und Leser oder Hörer dabei nicht selten mit klischeebeladenen Anekdoten über ihre schrulligen, weltfremden Lateinlehrer von anno dazumal langweilen.

          Und doch liegt hier die eigentliche Erklärung für den schweren Stand, den Latein als Repräsentant „der“ Antike in modernen Zeiten hat. Zuweilen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, das Fach arbeite selbst an seiner Abschaffung. Gewiss genügt es längst nicht mehr allen Fachvertretern, sich in geschützten Zonen einzurichten, auf musealen Inseln, die mit dem wissenschaftlichen und kulturellen Leben der Gegenwart kaum Berührungen aufweisen: Man versammelt sich, an lauen Sommertagen auch gerne mal in eine Toga gehüllt, im öffentlichen Raum zum Lateinsprechen oder Römisch-Kochen, um sich von den Zuschauern belächeln zu lassen. Bestenfalls wird man im Anschluss zum Sektempfang beim Staatssekretär eingeladen, um eine fruchtlose Petition einzureichen.

          Relikt aus der Vergangenheit: Das Tor der Agora in Athen
          Relikt aus der Vergangenheit: Das Tor der Agora in Athen : Bild: AP

          Den meisten scheint ohnehin das bloße Interesse einer gebildeten Minderheit an der europäischen Gründungskultur als Bestandsgarantie auszureichen. Doch die Hoffnung könnte trügen, denn solche Schutzzonen sind allzu anfällig für Übergriffe, die im schlimmsten Falle zur Eliminierung der Gegenstände aus dem Bildungskanon führen können. Denn die „Modernen“, die bildungspolitisch Verantwortlichen der Gegenwart, warten nur auf die Gelegenheit, das ungeliebte Erbe in die Bedeutungslosigkeit zu verabschieden. Die Moderne verleugnet ihre Herkunft, weil sie fürchtet, die Auseinandersetzung mit ihr könnte sie überfordern - oder ihr gar ihre eigene Banalität vor Augen führen.

          Wo die Hüter des Alten doch zu Rate gezogen werden, da will man von ihnen freilich keine Antworten auf moderne Fragen, sondern giert nach einem schadlosen Realienwissen: Die Schrittfrequenz des römischen Heeres etwa möchte man kennen, man möchte wissen, wie Caesar seine Epilepsie therapierte oder ob sich hinter Homer ein kastrierter assyrischer Schreiber verbarg. Erweckt doch mal einer den Eindruck, er habe Vertrauen in das modernetaugliche Potential der alten Texte, so entpuppt er sich früher oder später als Geschichtsphilosoph, der nur die Relevanz seiner eigenen Gegenstände dartun will.

          Was aber ist so besonders an der klassischen antiken, hier vor allem der lateinischen Literatur, das ihr das Bleiberecht auch künftig sichern sollte? Zunächst gilt für die Beschäftigung mit ihr in besonderer Weise alles, was von jeder literatur-, kunst- und musikwissenschaftlichen Analyse zu erwarten ist: Sie schult das Denken und Fühlen, vermehrt das Wissen, beflügelt die Phantasie und lehrt das Deuten, die „kulturelle Kompetenz“ schlechthin. Denn auch der scheinbar so praktische Teil der Welt besteht schließlich in nichts anderem als in der Kunst, Zeichen zu entschlüsseln. Textdeutung ist Welt- und Selbstdeutung, kurzum: Die Beschäftigung mit Literatur ist eine höchst sinnvolle und zutiefst sinnliche Angelegenheit.

          Zweierlei Maß: Das Kolosseum in Rom ist ein selbstverständlicher Bestandteil europäischer Kulturgeschichte – Latein nicht.
          Zweierlei Maß: Das Kolosseum in Rom ist ein selbstverständlicher Bestandteil europäischer Kulturgeschichte – Latein nicht. : Bild: dpa

          Die wichtigste Voraussetzung für eine sachgerechte Deutung ist jedoch eine gewisse Distanz zum Gegenstand. Und hierin liegt nun die besondere Eignung von „toten“ Sprachen begründet, uns eine lebensweltliche Schlüsseltechnik zu vermitteln: wie wir uns nämlich aus unserer unvermeidlichen Distanz zu den Menschen und Gegenständen – uns selbst eingeschlossen – in der Welt einrichten können. Schon aus sprachlich-grammatikalischen Gründen hält uns die antike Literatur zunächst auf Abstand; um ihn zu verringern, müssen wir Widerstände und Umwege in den Kauf nehmen, wir müssen lernen, ganz genau hinzuschauen. Wie produktiv wirkt sich die Bewältigung solcher Unwegsamkeiten auf das eigene Textverständnis aus!

          Erst der Blick in die Originalsprachen kann diese Vorzüge richtig entfalten, ist es doch eine Binsenweisheit, dass jede Übertragung immer auch eine Vereinfachung darstellt. Das Ergebnis freilich ist überwältigend: Haben wir die intellektuellen Herausforderungen halbwegs gemeistert, offenbart sich uns die Schönheit der Sprache und der Texte, der gedanklichen und stilistischen Präzision. Und selbstverständlich hält die antike Literatur auch ein reichhaltiges Angebot an differenzierten Antworten auf zeitlose Fragen und aktuelle Probleme parat. Es müsste nur entdeckt und vermittelt werden. Wer das bezweifelt, der hat noch nie wirklich Homer oder Platon, Catull, Vergil, Properz oder Horaz gelesen.

          China ist eine moderne Weltmacht, aber Chinesisch ist trotzdem nicht das neue Latein. Frühlingsfest vor dem Himmelstempel in Peking.
          China ist eine moderne Weltmacht, aber Chinesisch ist trotzdem nicht das neue Latein. Frühlingsfest vor dem Himmelstempel in Peking. : Bild: dpa

          Aber gilt das alles nicht ebenso gut für das Erlernen etwa der chinesischen Sprache und Literatur, wie jüngst ein vorbildlich globalisierter Lateinkritiker zu bedenken gab? Nur sehr eingeschränkt, denn, mit Verlaub, China gehört nicht zu Europa. Man nehme etwa Ovid, von dem niemand Geringeres als Hans Blumenberg vermerkt hat: „Die europäische Phantasie ist ein weitgehend auf Ovid zentriertes Beziehungsgeflecht.“ Das mag eine leichte Übertreibung sein, trifft aber den Punkt: Wenn es überhaupt so etwas wie eine europäische Identität gibt, dann bietet die antike Literatur als unser „nächstes Fremdes“ (Uvo Hölscher) deren zentralen Baustein.

          Das ist wahrlich keine neue Erkenntnis, wird aber immer wieder unterschätzt, vergessen oder gar geleugnet – und ist gerade darin symptomatisch für das poröse Fundament unseres europäischen Selbstverständnisses. Verabschieden wir die Selbstverleugnung, und bekennen wir uns wenigstens zu einer gemeinsamen europäischen Phantasie! Von ihr sind nicht zuletzt die Fantasy-Blockbuster der Hollywood-Industrie inspiriert, und auch die Weltliteratur besteht zu einem beträchtlichen Teil aus der – ausdrücklichen oder impliziten, fragmentierenden, kritischen, radikalen, verfremdenden – Auseinandersetzung mit den Texten der Antike. Die Aktualität der Antike ist ein wesentliches Merkmal der Gegenwartskultur. Es ist an den Klassischen Philologen, den Weltbürger, vor allem aber jeden modernen Europäer dazu zu verführen, diese Erfahrung auch selbst zu machen. Dazu braucht es nicht mehr als eine gute Bibliothek und den Griff ins Regal.

          Quelle: F.A.Z.

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