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Dialogunfähig

David Hume, der 1776 starb, hat seine "Dialogues concerning natural Religion" zu Lebzeiten nicht veröffentlicht. Er wollte sich den bei ihrer Publikation zu erwartenden Ärger ersparen, hoffte aber, daß ...

David Hume, der 1776 starb, hat seine "Dialogues concerning natural Religion" zu Lebzeiten nicht veröffentlicht. Er wollte sich den bei ihrer Publikation zu erwartenden Ärger ersparen, hoffte aber, daß es nicht lange dauern würde, ehe sein Ruhm durch diesen Dialog über die miteinander im Streit liegenden Religionsarten, vor allem den Deismus und Theismus, noch wachsen würde. Das Manuskript lag wahrscheinlich schon zu Anfang der fünfziger Jahre fertig vor und kursierte bei Humes Freunden, die vor einer Veröffentlichung warnten. In seinem Testament, das der Philosoph im Januar 1776, kurz vor seinem Tod, aufsetzte, beauftragte er zunächst Adam Smith mit der Veröffentlichung, der aber zögerte, die Aufgabe zu übernehmen. Hume stellte ihm deswegen anheim, wann er das Buch, ja ob er es überhaupt veröffentlichen würde.

Wegen dieser Ungewißheit spielte Hume dann, trotz aller Bedenken, doch noch einmal mit dem Gedanken, seine Religionsschrift selber zu veröffentlichen. Als sich dies nicht realisieren ließ, übertrug er das Publikationsrecht seinem Verleger Strahan und schließlich seinem Neffen David Hume, falls Strahan die "Dialogues" nicht binnen zweieinhalb Jahren veröffentlichen würde. Im Testament änderte Hume diese Frist schließlich in drei Jahre, nachdem sich Adam Smith seinem Willen verweigert hatte. Das Hin und Her gibt Aufschluß über Humes Schwanken in seiner Einschätzung der Gefährlichkeit des Gegenstandes der "Dialogues". Als sie 1774 schließlich erschienen, wurden sie, entgegen der hochgetriebenen Erwartunge, kaum beachtet. Jedenfalls kam es nicht zu den befürchteten öffentlichen Streitigkeiten. Die Zeit war schneller über die Debatte um den Deismus hinweggegangen, als Hume und seine Freunde erwartet hatten.

Heute fällt es schwer, sich in die Befürchtungen Humes hineinzuversetzen. Dafür tauchen ganz andere Bedenken auf, an die der Philosoph und seine Zeitgenossen nicht einmal einen Gedanken verschwendeten. Unlängst ist im "Times Literary Supplement" eine scheinbar harmlose Fußnote in Humes Essay über Nationalcharaktere (Of National Characters) in grelles Licht gerückt worden. Schon das Thema der Nationalcharaktere und der Vorurteile der Nationen gegeneinander wäre heute heikel, auf dieses Glatteis würde sich niemand ohne Not begeben. Aber was Hume dort in aller Unbefangnheit über "Neger" sagt, wäre mit einer Entschuldigung kaum abzubüßen. Er müßte den Essay kassieren, und der Vorfall würde ihn wahrscheinlich seine Stellung kosten.

Hume schreibt: "Ich neige zu dem Verdacht, daß die Neger den Weißen von Natur aus unterlegen sind. Es dürfte kaum eine zivilisierte Gesellschaft von dieser Hautfarbe gegeben haben noch auch irgend ein Individuum, das sich entweder in Taten oder im Denken hervorgetan hätte." Sogar die rohesten und barbarischsten unter den weißen Völkern, die alten Germanen oder die Tataren, hätten in ihrer Kühnheit oder ihrer Regierungsweise immer noch etwas Herausragendes besessen. So könne man sich diesen Unterschied nur als einen natürlichen erklären: "Solch eine gleichförmige und beständige Verschiedenheit konnte in so vielen Ländern und Zeitaltern nicht vorkommen, wenn die Natur selbst nicht einen ursprünglichen Unterschied zwischen diesen Menschenarten gesetz hätte."

Die Neger, fährt er fort, nähmen, wenn sie in den Kolonien oder in Europa unter Weißen lebten, an den Mobilitätschancen einer Gesellschaft nicht teil, in der einfache Leute ohne Erziehung aufsteigen und sich in jeder Berufssparte auszeichnen können. Über den einzigen gebildeten Schwarazen von dem Hume gehört hat, sagt er: "In Jamaika redet man tatsächlich von einem Neger, der ein Mann von Talent und Kenntnissen sein soll. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß er für magere Leistungen bewundert wird wie ein Papagei, der ein paar Worte verständlich spricht." Es wird schwer halten, den Skeptiker Hume in dieser Frage von schweren Vorwürfen freizusprechen. Die heutigen Empfindlichkeiten könnten sogar das Ansehen eine so bedeutenden Mannes ruinieren.

Der Herausgeber der 1985 erschienenen Neuausgabe von Humes "Essays Moral, Political and Literary" (1777), Eugene F. Miller weist an dieser Stelle verlegen darauf hin, daß Hume sich immerhin als entschiedener Gegner der Sklaverei bekannt habe. In seinem Essay "Über den Bevölkerungsreichtum der Völker des Altertums" (Of the Populousness of Ancient Nations) hat er die Sklaverei ausdrücklich gegeißelt und die Haussklaverei, wie sie zu seiner Zeit in den amerikanischen Kolonien und bei einigen europäischen Nationen noch bestand, gesagt: "Die geringe Menschlichkeit, die man gemeinhin an Personen beobachtet, die von ihrer Kindheit an daran gewöhnt sind, eine so große Autorität über ihre Mit-Geschöpfe auszuüben und auf der menschlichen Natur herumzutrampel, würde allein schon genügen, uns Ekel an einer so unbeschränkten Herrschaft einzuflößen. Man kann auch keinen wahrscheinlicheren Grund für die strengen oder, wie ich sagen möchte, barbarischen Sitten des Altertums anführen als die Praxis der Haussklaverei, durch die jeder Mann von Ansehen zu einem kleinen Tyrannen wurde und seine Erziehung inmitten der Schmeichelei, Unterwerfung und Niedrigkeit Gesinnung seiner Sklaven erhielt." Sieht man genauer hin, bemerkt man freilich eine Dialektik von Herr und Knecht, die den Herrn in gewisser Weise zum Opfer der Niedrigkeit seiner Sklaven werden läßt. Deswegen ist der Gesichtspunkt, daß die Sklaverei den Herrn moralisch und menschlich degradiere, noch nicht der entscheidende Schritt zur Wahrnehmung des schlimmen Schicksals der Sklaven. Hume wird es nicht leicht haben in unserer Zeit. Henning Ritter

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