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Deutsch Die gebellte Sprache

27.09.2007 ·  Die Sprachscham der Deutschen ist der Schlüssel zu der sprachpolitischen Verwahrlosung eines Landes, das alles dafür tut, dass die Muttersprache seiner Bürger in Bedrängnis gerät. Von Jürgen Trabant.

Von Jürgen Trabant
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Der berühmte britische Komiker John Cleese hat in einem Interview mit dieser Zeitung Folgendes bemerkt: „Viele Engländer, die wie ich ihre Jugend damit verbrachten, im Kino dauernd zu sehen, wie sich Engländer aus deutschen Kriegsgefangenenlagern befreien, denken, Deutsch sei eine Sprache, die gebellt wird“ (F.A.Z. vom 26. Mai 2006). Dass das Deutsche gar keine gesprochene, sondern eine gebellte Sprache ist, ist nicht nur eine irgendwie ulkige englische, sondern eine ziemlich schreckliche gesamteuropäische Erfahrung. Ganz Europa hat das deutsche Gebell gehört, es hat sich tief in das Gedächtnis der Völker eingegraben. Die mediale Endlosschleife bellt das Deutsche ewig in die Ohren der Völker. Wenn man heute irgendwo auf der Welt den Fernseher einschaltet, wird einem in kürzester Zeit gebrülltes Deutsch entgegenschallen: „Jawoll, Herr Obersturmbannführer!“, „Antreten!“, „Raus!“

Nicht nur das hörende Europa, auch die Nachfahren der Beller können es nicht vergessen. Jeder Sprecher des Deutschen, der vor dem Krieg stolz war, ein Sprecher der schönen und großen Sprache Goethes zu sein, weiß nach dem Krieg, dass er nun auch ein Sprecher der Sprache Hitlers ist, der diese Sprache in Europas Ohr gebrüllt hat, oder ein Sprecher jener Sprache, deren Gebell die Opfer der KZs auf ihrem Weg in den Tod begleitete. Dieses Wissen hat eine „Sprachscham“ erzeugt, deren Langzeitwirkung auf die deutsche Sprache wir erst jetzt allmählich begreifen: Die Deutschen sprechen seitdem in jeder Hinsicht erheblich leiser. Durch die deutsche Sprachscham erhalten die historischen Veränderungen der Sprachverhältnisse im deutschen Sprachraum seit Kriegsende ihre besondere Färbung und Dramatik.

Die deutschen Eliten haben ihre Sprache aufgegeben

Die Wirkung der Sprachscham ist am eindeutigsten und klarsten am Sprachverhalten der Eliten nach dem Krieg zu beobachten. Bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung und bis zur Emigration Einsteins war das Deutsche - zusammen mit dem Englischen und dem Französischen - eine internationale Sprache der Wissenschaften. Es hatte diese Position erst im neunzehnten Jahrhundert erreicht und über den Ersten Weltkrieg hinaus halten können, der seinem internationalen Ansehen schon erheblich geschadet hatte. Die von den Deutschen überfallene Welt hatte nun aber endgültig keine Lust mehr, diese Sprache zu lesen oder zu hören, geschweige denn zu lernen. Nach dem Krieg wurden daher immer weniger Werke auf Deutsch von Nichtdeutschen geschrieben. Vor allem beeilten sich die deutschen Wissenschaftler, zunächst die Naturwissenschaftler, ihre Publikationen auf Englisch umzustellen.

Diese Entwicklung ist nicht nur eine Folge der überwältigenden Vorrangstellung der anglo-amerikanischen Forschung und Kultur. Die besondere Folgsamkeit, die besondere Eile, mit der die Deutschen zum globalen Englisch (Globalesisch) überwechselten, hatte auch damit zu tun, dass sie ihre eigene Sprache für politisch kontaminiert hielten. Sprachloyalität, wie die Linguisten das nennen, war unter diesen Umständen von deutschen Forschern nicht zu erwarten. Auch der Diskurs der Wirtschaft ist seit langem ins Globalesische übergegangen, in den Zentralen der großen Konzerne wird englisch gesprochen und geschrieben. In der Diplomatie spricht Deutschland - natürlich - besonders leise deutsch: Die deutsche Diplomatie hat das Deutsche in den internationalen Beziehungen aufgegeben, in Europa seit dem Eintritt der Briten in die Europäische Gemeinschaft und erneut nach dem Fall der Mauer. Als das viel besser Deutsch als Englisch sprechende Osteuropa die europäische Bühne betrat, hat Deutschland nicht deutsch mit ihm gesprochen, sondern englisch. Osteuropäer sprechen daher nun ihrerseits - fünfzehn Jahre danach - mit den Deutschen immer weniger deutsch. Das erweiterte Europa ist anglophon. Die Werbung äfft die Prestige-Diskurse nach.

Die deutschen Eliten haben also in den internationalen Prestige-Diskursen das Deutsche aufgegeben. Sie sprechen globalesisch mit der Welt und untereinander. Dass dies so ist, ist nicht nur der Effekt der anglo-amerikanischen Weltdominanz, sondern, in seiner besonderen Willfährigkeit, Geschwindigkeit und Gründlichkeit, auch eine Folge der durch das Sprachgebell erzeugten Sprachscham. Englisch sprechend distanziere ich mich von der Bellgemeinschaft. Englisch sprechend bin ich nicht nur international, sondern vor allem auch nichtdeutsch, nicht schuldig.

Das Deutsche als Dragqueen

Das Deutsche ist damit auf die nationalen Verwendungsweisen reduziert, also auf die Presse, Literatur, Verwaltung, Rechtsprechung und nationale Politik. Das ist zwar immer noch ganz schön, aber durch den Verlust der höchsten (internationalen) Redefelder sinkt der Status, das Ansehen der Sprache innerhalb der Sprachgemeinschaft. Eine Schwächung des Status hat immer auch Konsequenzen für den Ausbau der Sprache, für die Arbeit an den Wörtern und Formen, am Korpus der Sprache. Der Statusverlust des Deutschen schwächt dramatisch die Liebe der Deutschen zu ihrer Sprache und folglich auch ihr Interesse an der Pflege dieser Sprache. Natürlich sind alle Sprachen der Welt den Einflüssen des mächtigen Englisch ausgesetzt. Das bleibt bei der Dominanz der amerikanischen Kultur und Politik nicht aus und ist für eine lebendige Sprache auch ganz bekömmlich. Aber keine andere europäische Sprache hat sich in solchem Maße den amerikanischen Spracheinflüssen geöffnet wie das Deutsche. Es kommt in vielen Redekontexten daher wie eine Dragqueen, aufgeputzt mit allerlei Tinnef aus dem amerikanischen Englisch beziehungsweise aus dem, was Deutsche dafür halten. Es erübrigt sich, dafür Beispiele zu geben. Vor allem werde ich mich davor hüten, die puristische Klage anzustimmen. Reflexartig geht nämlich der Hammer auf jeden nieder, der solches tut: Wer über zu viele, überflüssige (“Service Point“) und einfach blöde (“brain up“) englische Wörter klagt, wird sofort des Nationalismus geziehen. Jede Sorge um die deutsche Sprache - cura linguae - ist hierzulande nämlich politisch kompromittiert und steht von vornherein unter Nazi-Verdacht. In der Tat lockt die Kritik an den englischen Wörtern Leute an, mit denen man nichts zu tun haben möchte.

Die Statusschwächung der gemeinsamen Kultursprache der Deutschsprachigen hat des Weiteren einschneidende Konsequenzen für die Beziehungen zwischen dem Deutschen und seinen Dialekten: Zwischen Globalesisch und Dialekt wird die Stellung der Kultursprache zunehmend prekär. Der deutsche Sprachraum war bisher durch eine Sprachkonstellation gekennzeichnet, die die Linguisten „Diglossie“ nennen: Für die alltägliche Kommunikation, vor allem auch in den Familien, wurde der Dialekt verwendet (low), für die „höheren“, formaleren und öffentlichen Redesituationen und für die schriftliche Kommunikation die Standardsprache, das sogenannte Hochdeutsch (high). Diese Situation veränderte sich natürlich historisch, sie bewegte sich in Richtung auf die Ausbreitung der Hochsprache.

Diese Bewegung kommt aber in jüngster Zeit im deutschen Sprachraum zum Halt, ja sie kehrt sich sogar um. Durch den Funktions- und Statusverlust der Hochsprache gewinnen die Dialekte an Terrain, am deutlichsten im Süden des deutschsprachigen Gebiets: In der Schweiz wurden ja nur die höchsten Diskurse - vorwiegend schriftliche - auf Hochdeutsch realisiert, das die Schweizer daher auch zumeist „Schriftdeutsch“ nennen. Nun geht dort der wichtigste Teil der „Schrift“ noch rascher als in Deutschland ins Englische über: Die Wissenschaft, die Banken, die Universitäten, alles Internationale, von dem es in der Schweiz eine Menge gibt, schreiben und sprechen englisch. Wie das Englische „von oben“, so dringt der Dialekt „von unten“ in Domänen des Deutschen vor: Im Fernsehen ist die Wettervorhersage soeben ins Schweizerdeutsche abgedriftet. Noch wird in der Schule das Schriftdeutsche gelernt, sie ist einer der wenigen Orte, wo diese Sprache auch gesprochen wird. Ansonsten aber scheinen die Schweizer auf dem Weg, die Sprachgemeinschaft mit den Deutschen zu verlassen. Die Schweizer Diglossie der Zukunft ist nicht mehr: oben Deutsch, unten Schweizerdeutsch, sondern: oben Englisch, unten Schweizerdeutsch (mit immer weniger Schriftdeutsch dazwischen).

Verlorenen Sprachloyalität

Dieses Schweizer Modell ist nun offensichtlich ausgesprochen attraktiv für andere deutsche Stämme. Nicht nur souveräne deutschsprachige Staaten, auch Bundesländer der Bundesrepublik Deutschland betreiben den Ausstieg aus der gemeinsamen Sprache. Baden-Württemberg lobt sich in einer Werbekampagne mit: „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ (gemeint war natürlich: „Mir könnet elles“). Dieser berühmt gewordene Slogan ist wirklich pfiffig und witzig, spielt er doch mit den notorischen Schwierigkeiten der Schwaben bei der normgerechten Realisierung der Nationalsprache einerseits und mit ihrem ebenso notorischen Fleiß und ihrer Intelligenz andererseits. Was aber nicht so witzig ist, das ist die mit diesem Slogan ebenfalls festgestellte Überflüssigkeit des Hochdeutschen. Der Slogan besagt nämlich auch: Das Hochdeutsche können wir nicht, weil wir es nicht brauchen. Die wahre Absicht des Werbespruchs hat der Ministerpräsident des Landes, Herr Oettinger, ausgesprochen. Er verordnete seinen Schwaben das Englische als „Arbeitssprache“: „Deutsch bleibt die Sprache der Familie, der Freizeit, die Sprache, in der man Privates liest, aber Englisch wird die Arbeitssprache“.

Da nun aber, wie der Werbespruch des Landes feststellte, das Deutsche in den schwäbischen Familien gar nicht verbreitet ist, bedeutet dies letztlich, dass das Deutsche - bis auf passive (Lese-)Kenntnisse - aus Baden-Württemberg verschwindet. Die Diglossie Baden-Württembergs tendiert also zu derjenigen der Schweiz: oben - bei der Arbeit - Englisch, unten - in der Familie - Schwäbisch (mit Lesekenntnissen des Deutschen).

Auf alle deutschen Länder hochgerechnet, würde dies das Ende der deutschen Sprachgemeinschaft bedeuten. Statt des Deutschen würde das Englische zukünftig als gemeinsame Arbeitssprache die Vielzahl der deutschen Dialekte überdachen. Das wäre der sprachliche Triumph des - typisch deutschen - postnationalen Zusammenspiels von Föderalismus und Internationalismus. Die deutsche Sprachnation wäre auf jeden Fall mausetot oder auch: „Nie wieder Deutschland“, diesmal nicht von links, sondern aus der politischen Mitte. Und noch einmal: Die von Herrn Oettinger skizzierte neue diglossische Konstellation (high Englisch - low Schwäbisch) ist nicht, wie er vielleicht glaubt, eine notwendige Konsequenz der Globalisierung, sondern in ihrer totalen Lieblosigkeit gegenüber dem Deutschen eine Langzeitwirkung der Scham vor der gebellten Sprache und der verlorenen Sprachloyalität.

Mitten in unserer Schuld

Schließlich ist auch das Verhältnis der deutschen Sprache zu den Sprachen der Einwanderer in Deutschland von der historischen Erinnerung an die gebellte Sprache geprägt und schafft hier eine besonders schwierige Sprachkonstellation. Das Deutschland der Nachkriegszeit hat bekanntlich lange Jahre die Illusion genährt, die aus der Fremde zu uns kommenden Arbeitskräfte seien „Gastarbeiter“, die, nachdem sie hier gearbeitet haben, das Land wieder verlassen. Folglich hat es jahrzehntelang keine Politik der Immigration gegeben, für Gäste braucht man keine Politik. Als Deutschland bemerkte, dass die Gäste Immigranten waren, hat es keine Politik der Integration entwickelt, sondern für den Multikulturalismus optiert, der in Deutschland so fest verankert ist, weil man nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus den anderen Menschen auf keinen Fall die eigene - schuldige - Sprache und Kultur aufzwingen wollte.

Allerdings: Statt des erträumten multikulturellen und vielsprachigen Austauschs haben sich inmitten einer eher indifferenten als multikulturell offenen Gesellschaft monokulturelle und einsprachige Inseln gebildet, die wenig Kontakt mit der deutschen Gesellschaft haben. Die Arbeitslosigkeit hat viele Immigranten aus kommunikativen Beziehungen mit Deutschen gelöst. Die Parabolantenne hat das Fenster geschlossen, das die eingewanderte Bevölkerung früher einmal auf die Deutschen und auf das Deutsche hatte: das Fernsehen. Die Schule ist daher praktisch der einzige Ort der Begegnung. Die Kinder der Immigranten, die ohne Kontakt mit der deutschen Sprache und Kultur aufwachsen, begegnen dieser notgedrungen in der Schule.

Wie heillos die dabei notwendig auftretende Sprachfrage wieder mit der an der deutschen Sprache haftenden Erinnerung verwoben ist, zeigte der Fall der Berliner Hoover-Schule, in dem es um das Deutsche als Sprache des Schulhofs ging: Schüler, Lehrer und Eltern waren angesichts sprachlich bedingter Konflikte zwischen den Schülern übereingekommen, die Schüler dazu zu verpflichten, Deutsch auf dem Pausenhof zu sprechen. Alle Beteiligten waren glücklich mit der Lösung, bis die Presse von der Sache Kenntnis erhielt. Zunächst klagte eine türkische Zeitung über diese Herabsetzung der türkischen Sprache. Dann charakterisierte ein deutsches Fernsehmagazin die Aktion als „Zwangsgermanisierung“. Mit diesem bösen Wort sind wir wieder mitten in der deutschen Vergangenheit, wir sind mitten in Krieg und Nazi-Terror, wir sind mitten in unserer Schuld. Die Erinnerung an die gebellte Sprache ist immer präsent, sie dramatisiert die Situation - und erschwert die Lösung.

Verstärkung des deutschen Sprachunterrichts

Dennoch wird gerade an diesem Fall sichtbar, dass man - ohne deswegen das historische Gedenken zu eliminieren - Bewegung in das Denken über die deutsche Sprache bringen kann, indem man den gesunden Menschenverstand walten lässt. Es gibt ja ein Modell für die Behandlung des Problems des Verhältnisses der „Nationalsprache“ zu den anderen Sprachen der Bewohner des Landes, das sich gar nicht so schlecht bewährt hat, nämlich die traditionelle Diglossie zwischen dem Hochdeutschen und den Dialekten des Deutschen: oben Hochdeutsch - unten Dialekt. Man darf nicht vergessen, dass auch die Deutschen mehrheitlich nicht das (Hoch-)Deutsche zur Muttersprache haben, sondern einen deutschen Dialekt. Auch die Deutschen müssen zumeist die Sprache Deutsch erst in der Schule lernen. Die Schule ist auch für die meisten Deutschen immer noch der Ort, an dem sie „ihre“ Sprache lernen, die sie zur Teilnahme am beruflichen Leben (“Arbeitssprache“), an der Literatur, an der Kultur, am politischen Leben ihres Landes befähigt. Sie lassen dann ihre „alte“ Sprache zurück, teilweise und zeitweise jedenfalls. Dasselbe geschieht nun auch bei den Immigranten. Die Schule ist der Ort der Ankunft in der neuen Sprache und damit in weiteren und „höheren“ sprachlichen Aktionsfeldern. Die Familie kann - wie bei den Deutschen auch - der Ort der alten Sprache bleiben. Und übrigens kann dann vielleicht auch der Schulhof ein Ort der alten Sprache bleiben, es ist ja ein Ort der Pause, des Ausruhens von der Anstrengung des Sprechens und Schreibens der neuen Sprache.

Das Erlernen der Kultursprache ist nicht einfach. Es war und ist auch nicht einfach für bayerische, hessische und schwäbische Kinder. Aber es ist möglich. Es ist auch für türkische und arabische Kinder möglich und machbar. Doch - und dies ist dann doch ein wichtiger Unterschied - da es in der Tat für diese etwas schwerer ist als für Bayern, Hessen und Schwaben, brauchen diese Kinder die großzügigste Hilfe und Förderung durch die deutsche Sprachgemeinschaft. In Amerika gibt es an jeder Schule Extralehrer für ESL, English as a Second Language. Hierzulande sind aber ganz offensichtlich die Programme und Mittel hierfür ungenügend. Wenn sie hinreichend wären, würden unsere Schüler bei den internationalen Vergleichstests besser abschneiden.

Über die ganz offensichtlich ungenügenden Sprachfördermaßnahmen hinaus gibt es nun allerdings ein neues und wirklich gravierendes - weil strukturelles und ideologisches, nicht nur finanzielles - Hindernis für eine großzügige und intensive Sprachausbildung im Deutschen: Angesichts der desaströsen Testergebnisse der Schüler deutscher Schulen im Sprachbereich hätte man eigentlich als dringendste Maßnahme nach Pisa 2001 eine energische Verstärkung des deutschen Sprachunterrichts erwartet. Stattdessen hat man aber in den letzten Jahren vor allem den Englischunterricht massiv verstärkt. Herr Oettinger ist - wie alle anderen Schulpolitiker des Landes - stolz darauf, dass es Englisch jetzt von der ersten Klasse in der Grundschule an gibt. Es wird vielerorts sogar schon im Kindergarten eifrig Englisch gelernt (mit schwäbelnden und berlinernden Kindergärtnerinnen!). Gerade hier sollte aber eigentlich fleißig Deutsch geübt werden. Und weil solch invasiver Englischunterricht noch nicht genug ist, werden an den Gymnasien nun die wichtigsten Fächer zunehmend auf Englisch angeboten. Der sogenannte Immersionsunterricht (Content and Language Integrated Learning, CLIL) ist der letzte pädagogische Schrei der deutschen Schule. In Wirklichkeit stellt er eine in der Öffentlichkeit überhaupt nicht diskutierte Transformation des deutschen Schulwesens dar, die einer sprachlichen und kulturellen Revolution gleichkommt: In ein paar Jahren können junge Deutsche über die wichtigsten Gegenstände (Wissenschaften, Politik, Geschichte, Geographie, Wirtschaft) nicht mehr auf Deutsch sprechen, sie haben das dann alles nur auf Englisch sprachlich parat. Natürlich fördert CLIL die Englisch-Kompetenz, der Nachteil ist nur, dass es das Deutsche aus den wichtigsten Redefeldern vertreibt. Das Ziel deutscher Schulpolitik ist ganz offensichtlich - Herr Oettinger hat es ja in aller Deutlichkeit gesagt - die Abschaffung des Deutschen als „Arbeitssprache“, als wichtigster in der Schule zu erlernender Sprache.

Sprachgerechtigkeit

Dies erleichtert nun die Integration türkischer oder arabischer Kinder in die deutsche Sprachgemeinschaft nicht, genauer: Dies macht sie letztlich unmöglich. Denn wozu sollen die Immigrantenkinder überhaupt Deutsch lernen, wenn die wichtige, die Arbeitssprache dieses Landes Englisch ist? Wenn das Deutsche nur eine Familiensprache ist (“Deutsch bleibt die Sprache der Familie, der Freizeit, die Sprache, in der man Privates liest“) wie das Bairische, das Hessische und das Plattdeutsche, wozu, bitte sehr, sollen Immigranten diese Sprache denn dann lernen? Für den Pausenhof? Eine Familiensprache haben die Türken, Russen und Araber schon, sie brauchen keine zweite. Sie suchen eine Arbeitssprache. Aber da, wo sie hinwollen, zu einer Arbeitssprache nämlich, ist in der deutschen Schule zunehmend die große weite Welt, no man's land. Deutschland ist da jedenfalls nicht mehr. Die deutsche Schul-Sprachpolitik verhindert die Ankunft der Immigranten in diesem Land.

Oder vielleicht doch nicht? Denn die Deutschen sollen ja nach dem Willen ihrer Politiker in den relevanten Redefeldern (Arbeit) gar nicht mehr deutsch reden, sondern englisch. Das Deutsche bleibt ja in den Familien (also außerhalb der Schule). Die Immigranten sollen daher natürlich mit den Deutschen, mit denen sie arbeiten (aber keine Familien gründen!), gar nicht deutsch, sondern englisch sprechen! Also doch: Welcome in Germany am Service Point, und dann brain up!

Mit dieser Schul-Sprachpolitik ist ganz offensichtlich die echt deutsche Lösung der deutschen Sprachfrage auf den Weg gebracht: Weg mit der gebellten Sprache! Damit das richtig funktioniert, sollte man aber keine halben Sachen machen, sondern endlich das ganze Erziehungswesen auf Globalesisch umstellen: CLIL total. Da dann die in der Schule gelernte und verwendete Sprache - zunächst - für keinen die Muttersprache wäre, gäbe es - zunächst - keine Benachteiligung von Immigranten. Bayern, Türken, Deutsche, Niederdeutsche und Russen würden alle in einer fremden Sprache beschult. Sprachgerechtigkeit wäre hergestellt. Von Zwangsgermanisierung und Nazi-Infizierung könnte also auch nicht mehr die Rede sein. Und vor allem würde die globalophone Schule endlich die schuldige Sprache aus den Köpfen der Deutschen eliminieren. Keiner brauchte sich mehr zu schämen, die Sprache Hitlers, diese gebellte Sprache, (leise) weiter sprechen zu müssen.

Es entsteht dann schnell - das zeichnet sich ja ohnehin schon beim bildungsbeflissenen, ehrgeizigen deutschen Teil der Bevölkerung dieses Landes ab - eine neue, postnationale Sprachgemeinschaft auf dem Territorium des ehemaligen Deutschland, die wie die herrschende Klasse in Indien ein Teil der großen englischen Sprachgemeinschaft wäre. Damit wäre die historische Erinnerung, die an der (Nazi-)Sprache hängt, weitgehend getilgt. Die Kinder der neuen Sprachgemeinschaft würden entspannt aus History Books lernen, dass es früher einmal auf diesem Territorium eine Nation von Killern gegeben hat mit einer schrecklichen Sprache, die eher gebellt als gesprochen wurde. Aber dies wäre eben Geschichte - beziehungsweise History.

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