Home
http://www.faz.net/-gso-x5p3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Deutsch als dritte Geige Die hilflosen Anwälte unserer Sprache

 ·  Umfragen zeigen immer wieder, dass eine solide Mehrheit der Deutschen den Zustand ihrer Sprache als bedenklich und deren Entwicklung als beunruhigend empfindet. Die Gründe liegen in erster Linie beim vermeintlichen Einfluss des amerikanischen Englisch, sind aber nicht dort allein zu suchen.

Artikel Lesermeinungen (0)

Umfragen der letzten Jahre zeigen immer wieder, daß eine solide Mehrheit der Deutschen den Zustand ihrer Sprache als bedenklich und deren Entwicklung als beunruhigend empfindet. Die Gründe liegen in erster Linie beim vermeintlichen Einfluß des amerikanischen Englisch, sind aber nicht dort allein zu suchen. Das Gefühl einer Absenkung des allgemeinen Sprachniveaus durch die Medien, der Zunahme einer für die Deutschen ungewohnten Viel- und Mehrsprachigkeit sowie nicht zuletzt einer Verwirrung und Sprachzerstörung durch die Neuregelung der Orthographie kommen hinzu.

Dieser Befindlichkeit steht eine kaum überschaubare Menge von Institutionen gegenüber, die sich des Deutschen in jeder nur denkbaren Hinsicht annehmen möchten. Eine Broschüre, die vom Institut für Deutsche Sprache (Mannheim) und von der Gesellschaft für deutsche Sprache (Wiesbaden) zusammengestellt wurde, weist nicht weniger als 135 Einrichtungen aus, die sich der „Förderung der Sprachkultur in Deutschland“ (so der Titel der 1999 in Wiesbaden erschienenen, fast dreihundert Seiten starken Schrift) angenommen haben. Aber damit hat es nicht sein Bewenden, wir propagieren und gründen weiter.

Chefsache Rechtschreibung?

So wurde im Frühjahr des vergangenen Jahres unter Beteiligung des Goethe-Instituts, des Instituts für Deutsche Sprache und der Gesellschaft für deutsche Sprache ein Deutscher Sprachrat ins Leben gerufen. Er sieht seine Aufgabe darin, „durch Sensibilisierung des Sprachbewußtseins die Sprachkultur im In- und Ausland sowie die Stellung der deutschen Sprache im Ausland zu fördern“. Das ist nicht besonders spezifisch, und so ist der Sprachrat in der Öffentlichkeit bisher vor allem durch die Auslobung des schönsten deutschen Wortes bekannt geworden, eine Aktivität, die unter Sprachwissenschaftlern eher Kopfschütteln hervorruft. Im laufenden Jahr erblickte in Berlin die Stiftung Deutsche Sprache das Licht der Welt. Sie ist ein Derivat des von dem Dortmunder Statistiker Walter Krämer geführten Vereins zur Bekämpfung von Anglizismen. Die Stiftung möchte private Mittel akquirieren und mit deren Hilfe alles tun, was „dem Schutz der deutschen Sprache und ihrer Fortbildung“ dient. Mit teilweise ähnlicher Zielstellung wurde auf dem gerade beendeten Germanistentag in München die Idee einer Agentur für die deutsche Sprache lanciert, der es um zerstörende (Fremd-)Einflüsse, um einen Rechtschreibkompromiß und die Stellung des Deutschen in der Europäischen Union gehen soll. Schließlich erwarten wir noch im Oktober die Gründung einer Einrichtung, die das Erbe der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung antreten soll. Auch dies dürfte zur Sprache kommen, wenn die Konferenz der Ministerpräsidenten heute über die Rechtschreibung berät.

Es gibt weitere Initiativen und natürlich viele weitere Vertretungsansprüche. Wenn nicht alles trügt, geht es im Augenblick um die Besetzung einer zentralen Position, was die Zuständigkeit für Sprachfragen betrifft. Nach einer längeren Periode mit vergleichsweise wenig Bewegung spitzt sich die Lage offenbar zu. Bisherige Hemmnisse sind außer Kraft oder werden hintangestellt. Die unselige Geschichte des Sprachpurismus in Deutschland, die schwierige Frage nach der Rolle der Sprache in Zeiten staatlicher Teilung, die schwierige Frage einer Zuständigkeit des Bundes angesichts des Kulturföderalismus auf der einen und des zu mehreren Staaten gehörenden Sprachgebiets auf der anderen Seite gehören dazu.

Eine Beschreibung möglicher Aufgaben der Sprachvertretung beginnt am besten mit dem, was sie nicht tun soll. Die Sprachvertretung sollte sich vor allem sprachkritischer Aktivitäten enthalten. Sie sollte weder den Bedeutungsverlust des Deutschen als Wissenschaftssprache noch den vermeintlichen Verfall des allgemeinen Sprachvermögens, noch den Einfluß des Amerikanischen auf das Deutsche von sich aus thematisieren, ohne allerdings bei solchen Themen in Berührungsängsten oder Überlegenheitsgesten zu erstarren. Wenn man auf solchen Feldern überhaupt etwas erreichen kann, dann indirekt über eine Vertretung des Deutschen dort, wo sich ohne Zweifel Wirkung erzielen läßt.

Spracharbeit

Ein erstes, weites Feld für mögliche Aktivitäten der Sprachvertretung sind rechtliche Regelungen, die die Sprache selbst betreffen und sich nicht auf sprachliche Normen beziehen. Es gibt mehr von ihnen, als gemeinhin bewußt ist, beispielsweise im Namenrecht, im Markenrecht, im Erbrecht, als Regelungen des Sprachgebrauchs in öffentlichen Institutionen wie Gerichten und Schulen, als Regelungen zur Erstellung amtlicher Übersetzungen und so weiter. Seit längerer Zeit wird, etwa von dem Bamberger Germanisten Helmut Glück, eine Sichtung des Sprachenrechts gefordert. Wir wissen nicht, wie es insgesamt aussieht und wie es unter ein Dach gebracht werden kann, aber wir wissen, daß es uneinheitlich gehandhabt wird, Lücken und Inkonsistenzen aufweist.

Ein anderes Feld wird, sozusagen in umgekehrter Blickrichtung, mit der Sprache des Rechts sichtbar. Es gibt eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Initiativen, die eine Durchdringung des Verhältnisses von Sprache und Recht zum Ziel hat, auch in Zusammenarbeit von Sprachwissenschaftlern und Juristen. Praktische Auswirkungen haben solche Bemühungen bisher kaum. Das ist anders beispielsweise in der Schweiz. Bei der schweizerischen Bundeskanzlei sind die sogenannten zentralen Sprachdienste angesiedelt. Die Dienste werden von Mitarbeitern aus mehreren Disziplinen wahrgenommen, unter ihnen Sprachwissenschaftler und Juristen. Eine der Kernaufgaben ist die Überarbeitung von für die Öffentlichkeit wichtigen Texten unter den Gesichtspunkten sprachliche Qualität und Verständlichkeit. Die Dienste genießen ein hohes Ansehen bei den Regierungsstellen, mit denen sie gemeinsam an Formulierungen arbeiten und Entscheidungen treffen. Die Ergebnisse sind eindrucksvoll, einmal was die Texte selbst und zum anderen was ihre mittelbare Wirkung betrifft.

Zu einem dritten Großbereich gehören Fragen der Standardisierung, sei es in speziellen Terminologiebereichen oder im allgemeinen Sprachgebrauch, doch ist hier wohl weniger zu tun, als man meist annimmt. Regelungsbedarf besteht vor allem für die Orthographie. Wir sind weit von einer Institution entfernt, die über die wissenschaftlichen und technischen Mittel zur Erhebung des allgemeinen Schreibgebrauchs verfügt und auch noch seine Umsetzung in ein orthographisches Regelwerk und Wörterverzeichnis betreiben könnte. Die Arbeit der Dudenredaktion vor Inkrafttreten der Neuregelung war sicher in mancher Hinsicht unvollkommen, sie kam der Forderung nach flexibler Umsetzung des allgemeinen Schreibgebrauchs in eine orthographische Norm aber zweifelsfrei näher als die weitgehend freischwebend arbeitende Kommission für deutsche Rechtschreibung.

Sprachpolitik in der EU

Als vierter und letzter Aufgabenbereich ist die internationale Vertretung des Deutschen, insbesondere die innerhalb der Europäischen Union, zu nennen. Ausgangspunkt von Überlegungen dazu sollte sein, daß für die Politik wie für die Administration der EU alle Sprachen prinzipiell gleichberechtigt sind, was ihren Status als Amts- und Arbeitssprache betrifft. Bei zwanzig Sprachen ergeben sich dann ungefähr zweihundert Sprachenpaare, zwischen denen Texte abzugleichen und zu übersetzen sind. Man ist deshalb nicht erst seit der jüngsten Erweiterung mit dem Zwang zu einer Sprachpraxis konfrontiert, die einerseits den rechtlichen Anforderungen genügt, andererseits die Arbeitsfähigkeit der Institutionen nicht schon am Spachproblem scheitern und die Kosten für Übersetzungsdienste ins Unermeßliche steigen läßt.

Den Extremfall beim Auseinanderfallen von Größe und Sichtbarkeit unter den Sprachen Europas stellt das Deutsche dar. Es hat mit weitem Abstand die meisten Sprecher, spielt aber mit ebenso weitem Abstand nach dem Englischen und Französischen allenfalls eine dritte Geige. Findet das Englische als Lingua franca seinen Weg ohne Stützung, sind alle übrigen auf eigene Bemühungen angewiesen. Sprachpolitisch besonders aktiv sind derzeit die Franzosen und die Spanier. Absehbar scheint, daß das Polnische etwas an Boden gewinnen wird. Das Deutsche hat einen guten Stand in mehreren mittelosteuropäischen Ländern. Das könnte neben der hohen Sprecherzahl zur Verbesserung seines Status beitragen, wenn die deutschsprachigen Länder zu einer überlegten, kontinuierlichen Sprachpolitik finden.

Selbstverständlich hätte es diese Sprachpolitik nicht in erster Linie mit Prestigefragen zu tun, sondern mit der Durchsetzung handfester wirtschaftlicher und politischer, auch bildungspolitischer Interessen. Zu ersteren gehören beispielsweise sprachliche Regelungen im europäischen Patent- und Wettbewerbsrecht wie bei der praktischen Abwicklung der Vergabe von Fördermitteln. Zu letzteren gehört beispielsweise das Image einer Sprache, das mit darüber entscheidet, wie begehrt sie als Fremdsprache ist. Es ist ein Unterschied, ob eine nach Europa wirkende Sprachpolitik von den deutschsprachigen Ländern aus betrieben wird oder ob man sie ganz den Deutschsprechenden in Brüssel, Straßburg und Luxemburg überläßt. Auch sollte sie vom politisch Zufälligen befreit werden. Es klingt meist ein wenig opportunistisch oder gar populistisch, wenn wieder einmal ein hochrangiger Politiker über die geringe Bedeutung des Deutschen in der EU schimpft und jeder sieht, daß dies folgenlos bleibt. Eine Sprachvertretung mit Eigengewicht könnte das ändern.

Der Verfasser ist Sprachwissenschaftler an der Universität Potsdam und hat den Kompromißvorschlag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zur Rechtschreibreform erarbeitet.

Quelle: F.A.Z. vom 4.10.2004
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Regen in Paris

Von Nils Minkmar

Acht Monate lang durfte Regisseur Patrick Rotman den französischen Präsidenten Hollande begleiten. Entstanden ist ein Film über Regen und Depression. In Frankreichs Kinos scheint er zu floppen. Mehr 5