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Tilman Allert wird siebzig : Nichts im Leben ist trivial

Blick fürs Große und für Details: Tilman Allert. Bild: Matthias Lüdecke

Ein Schuss philosophische Anthropologie und etwas Phänomenologie: Zum Siebzigsten des Soziologen Tilman Allert, der einen Blick für das hat, was sich gerade abspielt.

          Aus Theorien werden Geschichten: So kann man die Entwicklung von Tilman Allerts Generation versuchsweise charakterisieren. Eine Metamorphose, bei der doch der ursprüngliche theoretische Impuls dieses Soziologen nicht einfach verlorenging: Erkenntnis bleibt das große Genuss- und Rauschmittel der Intellektuellen, ja, sie steigert ihre Leistung so sehr, dass man ihr die theoretische Anstrengung und Eifersucht nicht mehr ansieht. Es scheint dann, als wäre nur gerade von diesem und jenem die Rede: von einer Bahnfahrt, vom Tomatensaft im Flugzeug, von einem Jil-Sander-Kleid und einem Zoobesuch, von einem Mann, der „guten Tag“, und von einem Teenie, der „genau!“ sagt. Eine „erzählende Philosophie“ hatte sich Schelling erträumt, bei Tilman Allert beobachten wir eine erzählende Soziologie. Und plötzlich baut sich aus dem Mosaik all dieser verspielten Szenen und Dinge: Deutschland.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Man braucht für solche Beschäftigungen eine gespannte Wachheit; einen Blick für das, was sich gerade abspielt; nichts darf man für trivial halten. Im vergangenen Jahr hat Tilman Allert in dem Buch „Der Mund ist aufgegangen“ die Geschichte seiner Kindheit und Jugend im Spiegel der Genüsse aufgefangen; die fünfziger Jahre steigen, wie durch eine Madeleine heraufgerufen, aus der Tiefe der Jahre und stellen sich mit ihren Namen vor, wie sie damals dem Kind begegneten: Nappo, Maoam, Vivil, und der schlimme Lebertran ist auch dabei. Dafür braucht man nun doch mehr als eine Soziologie, nämlich einen Schuss philosophische Anthropologie (Allert ist ein großer Kenner von Helmuth Plessner) und ein paar Spritzer von der sinnlicheren, den Genüssen näheren Phänomenologie von Franzosen wie Maurice Merleau-Ponty.

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          In Lübbecke wurde Tilman Allert geboren. Die abenteuerliche Geschichte seines Vaters Mikail Allahwerdi, der aus Aserbaidschan nach Deutschland gekommen war, um Arzt und unter dem Namen Allert ausgerechnet im September 1939 Deutscher zu werden, hat er in dieser Zeitung mitgeteilt (F.A.Z. vom 26. Februar 2011). Der aserbaidschanische Großvater väterlicherseits war Bäcker; so früh also wurde schon für den aufgegangenen Mund gesorgt, obwohl die Anthropologie der oralen Genüsse noch fernlag. Allert ist emeritierter Professor für Soziologie und Sozialpsychologie in Frankfurt. Die Theorie mündet nicht nur in Erzählung, sondern auch in ein enormes bürgerschaftliches Engagement – so, als müsste dieser Mann persönlich zeigen, wie Gesellschaft entsteht und sich erhält. Heute feiert Tilman Allert seinen siebzigsten Geburtstag.

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