http://www.faz.net/-gqz-8z5av
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 26.06.2017, 08:00 Uhr

Peter Sloterdijk wird siebzig Entfesselungskünstler

Peter Sloterdijk illuminiert das stellenweise sehr graue Haus der Philosophie in feurigen Farben. Heute wird der Meister des Assoziativen siebzig Jahre alt.

von
© dpa Seine Themen sind die der Gegenwart: Der Philosoph Peter Sloterdijk.

Was Peter Sloterdijk neulich an Helmut Kohl als Vorsprung durch Geistesgegenwart rühmte, könnte der Philosoph aus Karlsruhe auch als eine gültige Selbstbeschreibung anführen: nämlich nicht einer vorgefertigten Agenda zu folgen, sondern hellwach zufällige Chancen zu ergreifen. Das Okkasionelle ist Sloterdijks Metier der Selbstentzündung. Er pflegt in diesem Zusammenhang an eine Wendung Napoleons zu erinnern, die der Feldherr seinem Memoirenschreiber diktiert hatte: Die Wahrheit ist, so Napoleon, dass ich niemals Herr meiner Handlungen war, sondern immer nur auf Gelegenheiten reagiert habe. Was will der Essay, zu dessen Großmeistern Peter Sloterdijk gehört, anderes sein als eine geistreiche, von den Fesseln wissenschaftlicher Methodik befreite Gelegenheitsarbeit? So legt sich dieses Genre jedenfalls der Autor etlicher Bücher und anderer Abhandlungen zurecht, darunter die zweibändige „Kritik der zynischen Vernunft“, ein großer Wurf, mit dem Sloterdijk Anfang der achtziger Jahre auf sich aufmerksam machte und das echauffierende Gespräch über den Rang einer Philosophie erzwang, welche in alle Wissensbereiche auszustrahlen hätte.

Christian Geyer-Hindemith Folgen:

Tatsächlich ist Sloterdijk auch als ein Entfesselungskünstler zu bestaunen. Die Fesseln eines strengen Belegzwangs, einer penibel Kausalitäten und Korrelationen scheidenden Analyse, solche Fesseln streift er kühn ab zugunsten der freien philologischen Assoziation und fruchtbaren Analogiebildung. Das Verfahren ist so produktiv wie angefeindet, führt es doch einen ganz eigenen Erkenntnisbegriff mit sich, der dem diskursiven Zugriff nur begrenzt zugänglich ist. Oder besser gesagt: in der Diskursivität, die Sloterdijk für sich beansprucht, kommt dem Argument eine höhere, von zufälligen Passungsverhältnissen bestimmte Mobilität zu als dies in der strengen Observanz etwa der Frankfurter Diskursschule auch nur denkbar wäre.

Wandbehang zu Peter Sloterdijk © dpa Vergrößern Der Autor als Kunstgegenstand: Margret Eichers Wandteppich „Peter Sloterdijk vor der heiligen Inquisition des Trivialgeschmacks“

Sloterdijk, der angibt, bei den Frankfurtern sozialisiert worden zu sein, bevor er sich von ihnen lossagte und Fühlung zu indischen Philosophien aufnahm, setzt Versatzstücke der kommunikativen Rationalität immer wieder gekonnt als Requisiten ein. Seine Auftritte sind im Wortsinn Bühnenstücke, bei denen das Publikum als exklusives angesprochen und von vornherein als Mitwisser auch kompliziertester Sloterdijkscher Konstruktionen in Haft genommen wird.

Mehr zum Thema

Denn bei Sloterdijk wird grundsätzlich alles als bekannt vorausgesetzt. Man achte bei ihm nur einmal auf den souveränen Umgang mit dem Wörtchen „bekanntlich“: „Das wirkungsvollste Schema für eine agierbare Hysterie hat bekanntlich Karl Marx geliefert“. Bekanntlich? Ja doch, was soll der Mythos von der Wiederkehr der klassenlosen Gesellschaft, um den es Sloterdijk hier geht, auch sonst sein als ebendies: das wirkungsvollste Schema für eine agierbare Hysterie? Wer könnte Evidenzen so simsalabim auf- und wieder abbauen wie Sloterdijk? Es ist wie beim Kunststück „Zersägte Jungfrau“ oder bei Schwebevorführungen: sie funktionieren in dem Umfang, wie sie an einen geschützten, fürs Publikum unsichtbaren Raum gekoppelt sind. Dort, in diesem unsichtbaren space, wird mit Fäden, Stangen und anderen Hilfsmitteln jene übernatürliche Illusion erzeugt, die abzulehnen schwerfällt, will man sich nicht als positivistischer Spielverderber fühlen.

Unser Angebot für Erstwähler
Unser Angebot für Erstwähler

Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

Zum Angebot

Das trifft im Falle Sloterdijks namentlich beim Thema Gott zu, dem sich der an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe lehrende Sloterdijk – im besten Sinne altersgemäß – zuletzt noch einmal in Buchform widmete („Nach Gott“). Mit Religionswissenschaftlern wie Rudolf Otto, dessen Klassiker über „Das Heilige“ eine ganze Bibliothek hervorgebracht hat, ist Sloterdijk schnell fertig. Denn Otto habe nun einmal verkannt, dass die Äußerungsformen des Heiligen ins Fach der Stress-Theorie fallen statt in jenes der Transzendenz. Religiöse Gläubigkeit als eine Form der Stressreaktion – was an diesem schmissigen Befund als Kategorienvertauschung stutzig machen könnte, nämlich die Verwechslung des religiösen Gehalts mit seiner therapeutischen Wirkung, ebendies wird von Sloterdijk hier effektvoll in Szene gesetzt. Konflikte um Wahrheitsfragen erscheinen auf dieser Bühne als obsolet. Werden sie hier doch konsequent an funktionale Fragen angeglichen.

In den Worten des Magiers Sloterdijk: „Um solche Konflikte zu würdigen, müsste man sich vorstellen, dass Benutzer von Prozac und Benutzer von Valium sich wechselseitig Häresie vorwürfen, um für den Fall der Nichtbekehrung der anderen zum eigenen Medikament sich jenseitige Strafen in Aussicht zu stellen.“ Der Vorhang fällt, und wer will bei einem solch sprühenden Einfall dem Autor von „Nach Gott“ schon den drögen Rat erteilen, sich, wie Sloterdijk selber das nennt, „in den Sumpf der Diskurse (zu) begeben, die von der Spannung zwischen Glauben und Wissen handeln?“

Peter Sloterdijk illuminiert das stellenweise sehr graue Haus der Philosophie in feurigen Farben. Heute wird er siebzig Jahre alt.

Glosse

Roboterkrieg

Von Andrea Diener

Das Zeitalter der paranoiden Androiden dämmert, und sie können einem leidtun: Die Jobs des Niedriglohnsektors zermürben auf Dauer sogar Roboter. Eine Glosse. Mehr 2 15

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“

Zur Homepage