29.10.2009 · Im Kampf gegen die Epigonen des deutschen Ernstdiskurses, ohne Rücksicht auf Gedächtnisverluste: Karl Heinz Bohrer zitiert Heinrich Heine, der Saint-Just zitierte. Zur Ironie der Kritik am Beispiel der Sloterdijk-Debatte.
Von Patrick BahnersKarl Heinz Bohrer hat sich in der Attacke auf die „Frankfurter Philosophieprofessoren“ Axel Honneth und Christoph Menke, die am 21. Oktober im Feuilleton dieser Zeitung erschien, auf Heinrich Heine berufen (Lobhudeleien der Gleichheit: Karl-Heinz Bohrer zur Sloterdijk-Debatte). Die Absicht dieser Bezugnahme erschließt sich nicht ohne weiteres, daher sei die Stelle hier im Wortlaut zitiert. „Schon Heinrich Heine hatte in einem Anfall von Großmütigkeit gesagt, das größte Wort, das in der Französischen Revolution gesprochen wurde, sei das Wort St. Justs gewesen, nämlich, das alltägliche Brot sei das Recht des Volkes. Das war die Forderung nach einem jedem - ob arbeitend oder nicht - zustehenden Grundgehalt. Der dann doch zu seriöse Robespierre schickte den eigentlichen Anwalt dieser den Plebs hofierenden Idee schließlich auf die Guillotine. Heinrich Heine hatte die kokette Erinnerung an den Satz ,Le pain est le droit du peuple' auch nur gefasst, weil er einerseits erhabene Sätze liebte, andererseits seinem Freiheitsinstinkt vor solcher Egalität grauste. Aber die Frankfurter sind nicht Heinrich Heine, und vermutlich verstehen sie auch dessen alles andere als nur politische Ironie nicht.“
Bohrer wirft Honneth und Menke vor, dass sie als Verteidiger „des allmählich verkommenden Sozialstaates“ den Primat der Gleichheit vor der Freiheit beweislos voraussetzen (Honneth) beziehungsweise nicht beweisen können (Menke). Heine, so liest man den erratischen Verweis, hat wohl etwas Ähnliches geschrieben, aber - Ironie - etwas anderes gemeint. Schlagen wir nach.
Das von Bohrer zitierte Diktum Heines ist der Schluss des postum veröffentlichten Aufsatzes, dem der Herausgeber den Titel „Verschiedenartige Geschichtsauffassung“ gegeben hat. Heine entwickelt hier gegenüber der Theodizee des Gewordenen in der Historischen Schule und der Heilsökonomie des Künftigen in der Geschichtsphilosophie eine dritte Position, die Bohrer vor neun Jahren in einem Aufsatz über Ironie und Prophetie bei Heine auf den Begriff eines „dezisionistisch-emphatischen Gegenwartsverständnisses“ brachte. „Das Leben“, postuliert Heine, „ist weder Zweck noch Mittel; das Leben ist ein Recht.“ Als das „Geltendmachen“ dieses Rechtes definiert Heine die Revolution. Das Saint-Just-Zitat ist die Schlusspointe.
Das Brot des Reichen ist bitter
Unter Bohrers jüngsten Bemerkungen zu dieser Stelle leuchtet am ehesten die These ein, Heine habe sich von einer Liebe zu erhabenen Sätzen hinreißen lassen. Der von Heine Saint-Just zugeschriebene Satz findet sich in dieser Form nur in der Revolutionsgeschichte von Thiers. Zur Sentenz spitzt Thiers zu, was in Saint-Justs Bericht an den Konvent vom 10. Oktober 1793 ein Argument war, mit dem man die von Peter Sloterdijk vorgeschlagene Umstellung vom Steuersystem auf ein Spendenwesen abwehren kann: „Das Brot, das der Reiche gibt, ist bitter: Es kompromittiert die Freiheit. Das Brot gehört in einem klug verfassten Staat von Rechts wegen dem Volk.“
Nicht evident ist, dass man Heines „Erinnerung“ an Saint-Just kokett nennen sollte; erst recht rätselhaft ist die Behauptung, Heine habe hier das Grausen vor der Egalität die Feder geführt. Im Januar 1989 erschien ein Heft des „Merkur“ mit Beiträgen zum damals bevorstehenden Jubiläum der Französischen Revolution. Der Herausgeber Bohrer erläuterte in einem Aufsatz mit dem Titel „Zeit der Revolution - Revolution der Zeit“ die Form, die die Erinnerung an 1793 am Schluss des geschichtstheoretischen Essays annimmt. Für Heines „Revolutionsimagination“ charakteristisch ist die „Reduktion auf eine sinnbildliche Szene, in der Fern- und Naheinstellung sich ergänzen“. Die „quasi anarchistisch-dezisionistische Beglaubigung der Revolution“ als eines nicht mehr hintergehbaren „Ereignisses“ durch „Heines spezifisch sensualistisches Pathos“ tilgt, möchte man glauben, jeden Spielraum der Koketterie. „Wir sehen, dem Blick Heines folgend, noch einmal Saint-Justs erhabenen Auftritt, den Georg Büchner fast zum gleichen Zeitpunkt imaginierte.“
Wenn Bohrer von einem „Anfall“ des Saint-Just-Rühmens spricht, wird der Leser geneigt sein, auch die Proklamation des Brotrechtes für ein einmaliges Ereignis zu halten. Heine verwendet das Saint-Just-Zitat aber so häufig, dass es Dolf Sternberger als Beispiel für ein Verfahren Heines dienen kann, die „Prägung von Sprüchen“. Als Zitat in Anführungszeichen, aber ohne Nennung des Autors, führt Heine es in seinem Büchlein über „Shakespeares Mädchen und Frauen“ zur Erläuterung des Konflikts im „Coriolan“ ein. Das Volk habe recht, sich dem Kriegshelden zu widersetzen, der angekündigt habe, er wolle als Konsul die Brotverteilung abschaffen. „,Das Brot ist aber das erste Recht des Volks.'“
Die Gottesrechte des Menschen
In der Abhandlung „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ überbietet Heine Saint-Justs Formel mit einer eigenen Variante: „Das große Wort der Revolution, das Saint-Just ausgesprochen: Le pain est le droit du peuple, lautet bei uns: Le pain est le droit divin de l'homme. Wir kämpfen nicht für die Menschenrechte des Volks, sondern für die Gottesrechte des Menschen.“ Heine spricht hier im Namen der „Pantheisten“ und spottet über die jakobinischen Kohlrabi-Apostel: „Wir wollen keine Sansculotten sein, keine frugalen Bürger, keine wohlfeilen Präsidenten: wir stiften eine Demokratie gleichherrlicher, gleichheiliger, gleichbeseligter Götter.“
Die französische Ausgabe des Buches ist Prosper Enfantin gewidmet, dem Papst der Saint-Simonisten. Sollte Heines Ironie verlangen, das hierarchische Gesellschaftsideal des Saint-Simonismus in das Bild der Götterrepublik hineinzulesen? Sternberger weist darauf hin, dass Heine aus saint-simonistischen Predigten über das tägliche Brot, die er möglicherweise gehört hatte, einen Gedanken gerade nicht übernahm: dass das Brot nach Verdienst verteilt werden müsse. „Die Äquivalenz von Glück und Leistung hat keinen Eingang in Heines Sinn gefunden. Götter arbeiten nicht.“
Die Kritik eines Staates, der arbeitende Bürger „um die Pfründe wohlverdienten finanziellen Zugewinns bringt“, lässt sich mit diesem Heine nicht begründen, der im „Wintermärchen“ die pantheistische Steigerung von Saint-Justs Rechtssatz als globales Schlaraffenland ausmalt: „Es wächst hienieden Brot genug / für alle Menschenkinder. / Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust, / und Zuckererbsen nicht minder.“
Was erklärt nun Bohrers Einfall vom „Anfall der Großmütigkeit“? Es handelt sich um ein Zitat. In der Vorrede zur französischen Ausgabe der Berichte, die er vor 1848 aus Paris geschickt hatte, gab Heine tatsächlich dem Grausen Ausdruck, das ihm beim Gedanken an eine kommunistische Revolution erfasste - um dann die unwiderstehliche Anziehungskraft zu beschwören, die die kommunistische Idee auf ihn ausübte: „Ein schrecklicher Syllogismus behext mich, und kann ich der Prämisse nicht widersprechen: ,dass alle Menschen das Recht haben zu essen', so muss ich mich auch allen Folgerungen fügen. Wenn ich daran denke, so laufe ich Gefahr, den Verstand zu verlieren, alle Dämonen der Wahrheit tanzen triumphierend um mich her, und am Ende ergreift eine verzweiflungsvolle Großmut mein Herz, wo ich ausrufe: Sie ist seit langem gerichtet, verurteilt, diese alte Gesellschaft. Mag geschehen, was recht ist!“
Welthistorische Schicksalsmacht
In seinem Aufsatz über Ironie und Prophetie bei Heine macht Bohrer dessen singuläre Stellung daran fest, dass nur bei ihm „Ideologie und Kulturkritik nicht zum Ernstdiskurs führen“, obwohl er den Erfindern dieses Diskurses, den Philosophen des Idealismus, die Funktion einer welthistorischen Schicksalsmacht zuweist. Demonstriert wird diese historische Mission der Durchsetzung des Atheismus durch das ironische Verfahren der durchgehenden Parallelisierung von deutscher Philosophie und Französischer Revolution - von Kant als Robespierre bis Hegel als Louis-Philippe. Die Kraft von Heines Ironie, so ist Bohrer zu verstehen, fließt aus der Anerkennung der Notwendigkeit der Phänomene, zu denen sie Distanz bezieht.
Wenn Bohrer die beiden Frankfurter Professoren des „tierischen Ernstes“ bezichtigt, meint er Heines Kampf gegen den Idealismus fortzusetzen. Wie laut Heine im Krieg der Montagnards gegen die Girondisten der „geheime Groll des Rousseauischen Rigorismus gegen die Voltairesche Légèreté“ zum Ausbruch kam, so verteidigt Bohrer umgekehrt den „freien Geist“ Sloterdijk gegen „Totschlagsversuch“ und „Tötungsabsicht“ der Mini-Robespierres aus der Habermas-Schule. Aber weil Bohrer Honneth und Menke nicht mehr als ernsthafte Gegner gelten lassen will, unterläuft ihm eine kuriose Verzeichnung Heines. Er unterschlägt, dass Heine, obwohl in der Tat in den späteren Schriften der Freiheitsinstinkt des Dichters das Bild der Revolution düsterer färbt, immer das Recht der Egalität verkündet hat. 1989 leitete Bohrer die Radikalisierung von Heines Geschichtsauffassung, die „Konzentration der Perspektive auf das Katastrophisch-Ereignishafte, das jederzeit eintreten kann“, noch aus „dem Dilemma“ ab, „politisch die radikalste Möglichkeit zu fürchten, ihre historische Notwendigkeit aber vorauszusehen und als Theoretiker zu bejahen“.
Christoph auf der Horst hat in „Zur Geschichte der Religion und Philosophie“ ein verborgenes Saint-Just-Zitat entdeckt. „Oser! ist das Geheimnis des Gelingens in der Literatur, eben so wie in der Revolution - und in der Liebe.“ Mit diesem in der Revolutionsgeschichte Mignets gefundenen Wort charakterisiert Heine den Autor, der die deutsche Kritik revolutioniert hat: „Vor dem Lessingschen Schwerte zitterten alle. Kein Kopf war vor ihm sicher.“ Die egalitäre Maschine des Dr. Guillotin hätte er verachtet. „Ja, Polemik war die Lust unseres Lessings, und daher überlegte er nie lange, ob auch der Gegner seiner würdig war.“