Angesichts der jüngsten Repressionen gegen Bürgerrechtler in China ist die Sinologie des opportunistischen Schweigens bezichtigt worden. Nun haben keineswegs alle Vertreter des Faches sich einer Stellungnahme enthalten. Helwig Schmidt-Glintzer allerdings sieht sich in seinem Beitrag „China und die Aufklärung“ (Sinologie: Die Wissenschaft von China und die Aufklärung) angesprochen, die Herausforderung anzunehmen und das Schweigen zu rechtfertigen. Er macht einen Unterschied zwischen den Sinologen als den „China-Kennern“ auf der einen und den „China-Kritikern“ auf der anderen Seite. Während Letztere mit schneller Hand „Europa zur Blaupause für China“ machen, liefern die Sinologen eine „reflektierende Analyse“ statt „immer gleich eine auf chinesische Interessenkonflikte bezogene Parteinahme“. Letztere könne man getrost den Chinesen selbst überlassen.
Nun sind es wohl nicht nur Interessenkonflikte, die zwischen der chinesischen Regierung und ihren Kritikern ausgetragen werden; es ist ja bereits Teil des Problems, dass mit der konsequenten Einforderung von Bürgerrechten in China die Systemfrage gestellt ist. Hierzu gehört auch, dass „die Chinesen“, zumindest in China selbst, gar nicht die Möglichkeit haben, in diesen Konflikten frei Partei zu ergreifen. Und warum sollte eine kritische Stellungnahme einer reflektierenden Analyse widersprechen, zumal doch deren Gegenstand lange bekannt ist?
Nicht reif für Demokratie und Menschenrechte?
Indes nimmt auch Schmidt-Glintzer Stellung, nicht anders, als es die Sinologie in der einen oder anderen Weise schon immer getan hat. Er schweigt keineswegs, sondern er verteidigt die Regierenden Chinas, sicherlich nicht in jeder ihrer Aktionen, aber doch in ihrer großen politischen Linie, mit dem Argument, dass sie „wie Politiker in aller Welt“ eben nicht primär die Freiheit, sondern die Lebensqualität ihres Volkes sichern wollten. Hierzu beruft er sich auf einen missdeutbaren Satz - „Das Volk will geleitet sein“ - Immanuel Kants. Derselbe Kant hat allerdings auch gesagt, dass, wer die Bürger „nach seinen Begriffen glücklich machen will“, ein „Despot“ ist. Und er hat den „freien und öffentlichen Gebrauch der Vernunft“ gefordert. Wäre es nicht eine Anmaßung, von Aufklärung zu sprechen und zugleich die Geltung dieser Sätze für China zu relativieren?
Helwig Schmidt-Glintzers Sicht Chinas scheint sich aus der Überzeugung zu speisen, dass es ohne religiöse Transzendenz keine die staatliche Ordnung überschreitende Orientierung gibt. Hiermit übernimmt er die problematische Erbschaft Max Webers und Hegels. Sie hat in den westlichen Wissenschaften und so in der Sinologie das tiefsitzende und politisch durchaus folgenreiche Vorurteil genährt, China sei für Demokratie und Menschenrechte nicht reif. Es deckt sich mit dem Selbstverständnis des Großteils der chinesischen politischen Eliten, die sich nicht erst in der Volksrepublik, sondern schon seit dem Ende des Kaiserreiches als die Erzieher der dummen Massen sehen und als Nationalingenieure Struktur in den „losen Sand“ der zerbröselnden Gesellschaft meinen bringen zu müssen.
Hieran erinnert Schmidt-Glintzers Versicherung, die KP sei die „einzige einigende Kraft“ Chinas. Warum eigentlich kann nicht auch von einer demokratischen, partizipatorischen Staatsverfassung, die ihre Bürger nicht länger zu Objekten von Technokraten macht, eine einigende Kraft ausgehen? Und was wäre hieran so unausrottbar europäisch?
Chris Patten, der letzte britische Gouverneur Hongkongs vor der Rückgabe an China, unternahm, spät, aber immerhin, Schritte zu einer Demokratisierung der Kronkolonie. Warum hatten sich nicht schon Pattens Vorgänger hierum bemüht? Eine der Antworten auf diese Frage lautete: Weil sie Sinologen waren. Die Sinologie ist kein neutraler „Außenstehender“, wie Helwig Schmidt-Glintzer meint. Sie ist ein Teil des Problems, über das sie redet.
genau so scheint es zu sein
vera wisseler (paradelova)
- 27.04.2011, 20:28 Uhr
Wo ist das Recht der Sinologen? (Teil 1)
Christoph Schwarz (ZhugeLiang)
- 28.04.2011, 20:01 Uhr
Wo ist das Recht der Sinologen? (Teil 2)
Christoph Schwarz (ZhugeLiang)
- 28.04.2011, 20:18 Uhr
Teil 3
Christoph Schwarz (ZhugeLiang)
- 28.04.2011, 20:39 Uhr