23.05.2011 · Was sich nicht auszahlt, hat kein Existenzrecht: Die englische Wissenschaftspolitik bringt die Universitäten auf Rentabilitätskurs und treibt die Geisteswissenschaften an die Kioske.
Von Anna GielasEkelhaft und schmachvoll sei das Vorgehen der englischen Koalitionsregierung, so zürnt die Royal Historical Society (RHS) ob der politisch herbeigeführten Schwindsucht der akademischen Autonomie. Die britischen Geisteswissenschaftler werden gerade Zeugen davon, wie die Parolen der Konservativen und Liberaldemokraten ihrer Forschungsagenda oktroyiert werden: So soll der Arts and Humanities Research Council (AHRC) - die Regierungsbehörde, die geisteswissenschaftliche Forschung unterstützt - fortan einen Großteil der von ihr jährlich verteilten rund 100 Millionen Pfund jenen Institutionen zukommen lassen, die an Regierungsslogans wie der „Big Society“ oder einem anderen der insgesamt sechs Schwerpunkte forschen.
Auch die British Academy muss die Statute ihrer Stipendienvergabe den politischen Präferenzen unterordnen. Ferner darf sie keine Finanzspritzen mehr für die Beendigung individueller Projekte verteilen, obgleich sich diese Art der finanziellen Unterstützung als eine der preiswertesten und erfolgreichsten Mittel etabliert hat, um geisteswissenschaftliche Forschung voranzutreiben.
Und doch stellen die unverhohlenen Eingriffe der Koalitionsregierung weder eine Überraschung noch eine Novität dar: Seit nunmehr dreißig Jahren rücken britische Regierungen zunehmend von dem Leitbild ab, Universitäten seien autonome Forschungs- und Lehrstätten. Den Anfang machte die finanzstrenge Margaret Thatcher zu Beginn der achtziger Jahre. Sie verlangte von den Universitäten, quid pro quo, Effizienz und Rechenschaft für staatliche Gelder. Zu diesem Zweck rief sie die regelmäßige Begutachtung des akademischen Betriebs ins Leben, die bis heute die Grundlage der pekuniären Verteilung bildet. Die eiserne Lady setzte damit einen Prozess in Gang, der unter der gegenwärtigen Koalitionsregierung die britischen Geisteswissenschaften erodieren lässt.
Seichtere Gewässer
Die Auswertung der akademischen „Outputs“ sowie die Verteilung der staatlichen Mittel für alle Disziplinen obliegt heute dem Higher Education Funding Council for England, kurz HEFCE. Für ihre Evaluationen bedient sich diese Behörde mehrerer Managementkonzepte wie der „balanced scorecard“ (BSC), die in den neunziger Jahren als brandneues Geisteskind der Harvard Business School dank Consulting-Firmen in England Einzug hielt. So begegnet HEFCE gegenwärtig der Mediävistik mit denselben Leistungskennzahlen-Metriken wie dem Maschinenbau und prägt die Strukturen der geisteswissenschaftlichen Forschung: Der anhaltende Druck, infolge eines missratenen Gutachtens finanzielle Mittel einbüßen zu können, begünstigt eine risikoaverse, innovationsarme Auseinandersetzung mit geisteswissenschaftlichen Fragestellungen. Zum Beispiel entscheiden sich die Akademiker verstärkt für das Format der Journalbeiträge anstatt der Monographien, wohl wissend, dass die Gutachter generell einer hohen Anzahl von Veröffentlichungen einen positiven Stellenwert einräumen.
Um publiziert zu werden, fühlen sich britische Geisteswissenschaftler dabei nicht selten gezwungen, den Ansichten und Forschungsschwerpunkten jener angesehenen Publikationen zuzuarbeiten, die Pluspunkte des HEFCE garantieren. „Der exzessive Fokus auf Journalbeiträge bedeutet, dass wir es anderen überlassen, herausragende Monographien zu schreiben, die das Forschungsfeld vorantreiben“, sagt Richard Baggaley, Direktor der Abteilung für Europäische Bücher der Princeton University Press. So fördern die Gutachterkriterien der staatlichen Behörde kurzatmige, durchaus seichtere Geisteswissenschaften.
Forschung auf dem Markt
Doch die Forscher müssen auf noch Schlimmeres gefasst sein. Die Empfehlungen, die John Browne letzten Oktober der Regierung vorlegte, dürften in den Jahren 2012 und 2013 eine präzedenzlose Zäsur herbeiführen. Für den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von BP stellen Forschung sowie Lehre keine öffentlichen Güter dar, sondern sollen den Geboten des freien Marktes gehorchen. Studenten sind als Verbraucher der Lehre, Bevölkerung und Industrie als Endverbraucher der Forschung zu betrachten. Die akademische Qualität wird durch die Konkurrenz unter den Universitäten geschaffen und gewährleistet.
Entgegen den marktwirtschaftlichen Prinzipien soll die Regierung ihre prominente Stellung jedoch behalten: Browne will die vier bestehenden Regierungsbehörden für den Sektor der höheren Bildung zu einem „Higher Education Council“ zusammenfassen, der unter anderem die Zulassungsbedingungen sowie die Inhalte ganzer Studiengänge bestimmen, die Leitung problemgeplagter Institute übernehmen und diese gar schließen kann. Browne und sein siebenköpfiges Beraterteam sehen keinen Anlass für die staatliche Finanzierung der Geisteswissenschaften. Ihre Priorität liegt in den STEM-Fächern: „Science, Technology, Engineering, Mathematics“ seien strategisch wichtig und bedürften daher staatlicher Mittel. Geisteswissenschaften dagegen werden zu optionalen Extras, deren Finanzierung die Universitäten anderweitig bestreiten sollen.
Was sich nicht auszahlt, wird abgeschafft
Doch schon vor der Umsetzung der Browne-Empfehlungen stehen einzelne geisteswissenschaftliche Institute auf der Insel vor dem Aus. Schuld daran tragen nicht allein die Gutachten des HEFCE und ihre magere Allokation von Geldern - die Universitätsrektorate selbst tragen zu der Misere bei. So gab die Middlesex University im letzten Frühjahr bekannt, sie würde ihr Institut für Philosophie schließen müssen. Hausbesetzungen durch Studierende sowie internationale Empörung intellektueller Größen wie Noam Chomsky und Slavoj Zizek vermochten die Tatsache nicht zu ändern: Das Institut, so die bittere Pille, war nicht lukrativ genug. Obwohl ausgerechnet Philosophie in den Rankings Platz eins als wichtigstes Forschungsfeld der Universität belegt, zahlt sie sich für das Rektorat weniger aus als die Naturwissenschaften. Für die Letzteren gibt es vom Staat schlicht und einfach einen größeren Geldtopf.
Wenn weitere Universitätsrektorate den marktorientierten Logiken nachgeben, wird es für die Geisteswissenschaften auf der Insel rascher düsterer, als Optimisten erwarten. Für die Pessimisten ist das Dunkel wiederum längst eingebrochen. Und wer kann es ihnen verübeln? Allzu leicht raubt ein genauer Blick auf die Beurteilungsgrundlagen von HEFCE alle Zuversicht. Die Gutachter stellten beispielsweise wohlwollend fest, dass der Twitter-Feed einer Dozentin über Heinrich VIII. das Magazin „Which?“ dazu bewogen hatte, seinen Lesern Hampton Court als Ausflugsziel zu empfehlen. Auch die Tatsache, dass das Buch eines Forschers lobende Kritiken seitens britischer Tageszeitungen erhalten hatte und gar verfilmt worden war, brachte dem Institut des Wissenschaftlers bei HEFCE Pluspunkte. Die Zukunft der englischen Geisteswissenschaften liegt, allem Anschein nach, nicht in exzellenter Forschung, sondern einer überzeugenden Presseabteilung sowie regem Twittern.