20.01.2010 · Das Vampirgenre erfreut sich momentan außerordentlicher Popularität. Auch die Untoten, zeigt sich dabei, sind dem kulturellen Wandel unterworfen. Eine kleine Motivgeschichte des Vampirs unter besonderer Berücksichtigung seiner gegenwärtigen Entfledermausung.
Von Anna GielasIch sehne mich danach, durch die überfüllten Straßen ihres großmächtigen London zu spazieren, inmitten der Geschäftigkeit und der Menschenmengen; Anteil zu nehmen an ihrem Leben, ihren Veränderungen, ihrem Tod.“ Dies verkündete Vampir Dracula anno 1897. Damals holte der Autor Bram Stoker den Untoten aus dem Volksglauben des slawischen Europas in die Mitte der modernen Gesellschaft. Hier thront er bis heute an der Spitze der Vampirhierarchie, seine Anziehungskraft scheint keinem Verfallsdatum unterworfen. Der Übervater aller humanoiden Fledermäuse wird gegenwärtig mit Superlativen wie „mächtigster“ und „gefährlichster“ Vampir angekündigt, bevor er Kino, Fernsehen, Musik, Literatur und Computerspiele durchstreift.
Die Beliebtheit des transsilvanischen Grafen zeugt von kulturhistorischer Kontinuität, die in ein größeres gegenwärtiges Phänomen mündet: die außerordentliche Popularität der Vampire. Doch ausgerechnet die Beliebtesten der heutigen Untoten, wie zum Beispiel die Vampirfamilie Cullen aus der „Twilight-Saga“, teilen nicht mehr als den Blutdurst mit dem Grafen Dracula. Auch John Polidoris „Der Vampyr“ (1816) und Sheridan Le Fanus „Carmilla“ (1872), zwei einflussreiche Werke des Vampirgenres, entleihen ihren Nachkommen nur wenige Eigenschaften. Die Zeit, so stellt sich heraus, geht selbst an den Untoten nicht spurlos vorbei; die Blutsauger unterliegen evolutionären Veränderungen.
Nachkommensüberschuss der Untoten
Die Vampirseele ist dabei die wichtigste Novität. Sie verändert das Wesen des Blutsaugers und sein Verhalten gegenüber der eigenen Spezies, seiner selbst und nicht zuletzt auch gegenüber dem Menschen. So hat der Untote neuerdings eine Familie. Von Stephenie Meyer, der „Twilight“-Autorin, bekommt der ehemalige Prototyp des Einzelgängers und Außenseiters Mutter, Vater und Geschwister. In anderen Vampirgeschichten, wie der populären amerikanischen Serie „Vampire Diaries“, die auf dem gleichnamigen Bestseller von Lisa Jane Smith basiert, gilt wiederum ein Blutsauger, der einen Menschen zum Vampir macht, als sein Edukator, der Verwandelte wiederum als Protegé. Die Obhutnahme verpflichtet den Blutsauger nicht nur zu einer neuartigen Verantwortung gegenüber der eigenen Art, sondern definiert seine Beziehung zu ihr und unterwirft sie bestimmten Regeln.
Es scheint nötig, dass die Untoten ihre Interaktionen einer Ordnung beugen, da die Vampirpopulation rasant zunimmt. Spielte Johann Wolfgang von Goethe in seinem Gedicht „Die Braut von Korinth“ von 1797 lediglich mit der gruseligen Vermutung, der Leser erfahre hier von der Existenz eines einzigen Vampirs, so bevölkern die Blutsauger im jüngst in den Vereinigten Staaten angelaufenem Film „Daybreakers“ die gesamte Welt. Hier ist nicht der homo immortalis, sondern der homo sapiens eine Rarität.
Der religiös unmusikalische Sauger
John Ajvide Lindqvist und Anne Rice sind zwei gegenwärtige Verfasser, die das kalte Unbehagen von einst auch heute zu stiften verstehen. Dafür bedienen sie sich jedoch neuer Charaktere, darunter des Kind-Vampirs. „Ich bin nicht Mädchen, ich bin nicht Junge, ich bin . . . nichts“, erklärt Vampir Eli in „So finster die Nacht“, basierend auf dem Bestseller des schwedischen Autors John Ajvide Lindqvist. In ihrer Vorpubertät festgefroren, ist Eli eine Leidensgenossin der jungen Claudia aus „Interview mit einem Vampir“, die in rasendem Zorn und unter Tränen ihren Körper als ewigen Kerker begreift.
Die Seele bringt dem Vampir heute Schmerz, Sorge und Reue - und erfüllt damit die Funktion des Kruzifixes, Weihwassers und der Bibel. Denn in einer Welt, in der religiöse Indifferenz möglich ist, löst sich der Vampir von seiner negativen Fixierung aufs Christentum. Mal ignoriert er die Kruzifixe, mal genießt er ihren Anblick wie Anne Rices Vampir Louis de Pointe du Lac - um den Machtkampf zwischen Gott und Vampir geht es gegenwärtig kaum. Stattdessen säumen vor allem Liebesgeschichten zwischen Frau und Blutsauger die Popkultur. Untote wie Edward Cullen, Angel („Buffy, die Vampirjägerin“) und Stefan Salvatore („Vampire Diaries“) sind Freund und Geliebter und Beispiele des domestizierten Vampirs.
Dieser Untote wandelt nur ungern seine Form. Zur Fledermaus wird er kaum noch. Seine Stärke und Sprungkraft stellt er dennoch unter Beweis - aber en vogue: Die Welt bejubelt heute Sportler, und so ziehen Vampire wie die Cullens ein Baseballspiel dem Erklimmen von Schlossmauern vor. Der domestizierte Vampir ist der Blutsauger von nebenan, mit dem Sterbliche eine Runde joggen gehen.
Menschenfreundlichkeit wird von Autoren und Regisseuren belohnt: Einige der beseelten Vampire brauchen das Sonnenlicht nicht länger zu fürchten. Von der Achillesferse ihrer Vorfahren befreien sie sich mit Hilfe von Ringen, Salben und Amuletten. Doch sogar für beseelte Untote gilt: Für Seele, Sonnenschein und Sport kommt ihnen heute nicht nur die Verantwortung gegenüber ihrer eigenen Art, sondern auch gegenüber den Menschen zu. Denn das der Seele entspringende Gewissen nötigt die Vampire zur Reflexion der ethischen Dimensionen ihres Blutdursts, vor allem dort, wo es Ersatz für den Lebenssaft gibt, wie „Tru Blood“ in der Golden-Globe-prämierten Serie „True Blood“. Darf der Vampir unter diesen Umständen überhaupt noch zubeißen, oder handelt er unmoralisch? „Das Böse ist ein Standpunkt“, behauptet Anne Rices Vampir Lestat de Lioncourt. „Gott tötet wahllos, und das tun wir auch.“ Nahezu jede gegenwärtige Vampirgeschichte liefert ihre eigene Antwort auf die Frage nach der Blutsaugerethik.
In Geschichte sind Untote gut
Der moralische Vampir von heute hegt im Vergleich zur Vampiridentität früherer Literatur auch artungerechte Zweifel gegenüber dem Konsum und Materialismus. Reichtum, der bei Dracula und John Polidoris Vampir Lord Ruthven noch mit Adelstiteln einherging und in Dekadenz und Prunk mündete, erklären heutige Vampire als geerbtes Gut. Bescheiden und sparsam gehen sie mit ihm um, zumindest die warmherzigen Vampire, die von nebenan.
Dekadenz ist neuerdings Unterscheidungsmerkmal zwischen ihnen und den gefährlichen Vampiren. Ein Beispiel hierfür ist Lestat de Lioncourt. Bei Anne Rice und in der gleichnamigen Verfilmung „Die Königin der Verdammten“ wird er dank seiner Musik zum Star und lebt den Blutdurst in seinem pompösen Zuhause launenhaft aus.
Gegen die dekadenten und ruchlosen Blutsauger geht allerdings weiterhin die Wissenschaft vor, wie einst die Doktoren Abraham Van Helsing und John Seward in „Dracula“. Die Waffen im Kampf gegen die Geschöpfe der Nacht unterliegen dem technologischen Fortschritt. Silberkugeln sind fast passé, und Knoblauch, das Van Helsing mit niederländischem Akzent emphatisch empfahl, liefert heute Rohmaterial für Lacher. Polanskis Parodie „Tanz der Vampire“ ist längst in das Genre eingearbeitet.
Einführung in die Erwachsenenwelt
Die dabei durchweg adressierte Altersgruppe der Teenager wirft die Vermutung auf, dass der Fangzahn heute einem Coming-of-Age-Ritual ähnelt, den mehrere Industriezweige erkannt haben und nun nähren: Während des Erwachsenwerdens bietet die Figur des Vampirs eine Möglichkeit, die eigenen Grenzen per Phantasie auszuloten, stets mit einer wohlig-warmen Sicherheit, dass die eigene Vergänglichkeit nicht endgültig ist, weil die ewige Gestalt mit Fangzähnen und liebevollem Herzen die Grenzen zwischen Leben und Tod aushebelt.
Für die Befriedigung des Bedürfnisses nach Liebe, Halt und Fürsorge scheint ein Edward Cullen heute die unversiegbare Quelle. Er ist verantwortungsbewusst und loyal, omnipräsent und kaum verwundbar. Der Vampir nimmt Heranwachsenden die Angst vor der Dunkelheit, vor furchteinflößenden Erscheinungen der Erwachsenenwelt. Gleichzeitig erlaubt er ihre Auskundschaftung mit allen Sinnen: Die Nachtgestalt sieht fehlerlos und wird zum Späher einer gefährlichen, da sich für den Teenager rasch und essentiell wandelnden Welt. Besonders, wo der Heranwachsende täglich neue Herausforderungen erlebt, steht ihm nun der Vampir zur Seite: in der Schule. Er trägt coole Spitznamen, hat Geld und korrigiert Geschichtslehrer, weil er die vergangenen Jahrhunderte eigens erlebt hat. Und er meint es ernst mit dem schüchternen Mädchen, das wie Claudia und Eli mit sich selbst um die Akzeptanz ihres Äußeren ringt.