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Biographien Sprachlos: Germanisten als Hitlers Parteigenossen

Die deutsche Germanistik war noch stärker mit dem NS-Regime verbunden, als man bisher gewußt hat: Walter Jens, Peter Wapnewski, Walter Höllerer und andere wurden als Mitglieder der NSDAP geführt.

© dpa Vergrößern Jens: Vorwürfe „absurd und banal”

Die deutsche Germanistik war noch stärker mit dem NS-Regime verbunden, als man bisher gewußt hat. Daran besteht nach den Recherchen der Marbacher Arbeitsstelle für die Erforschung der Geschichte der Germanistik kein Zweifel. Christoph König und seine Mitarbeiter vom Deutschen Literaturarchiv haben sieben Jahre lang an einem Werk gearbeitet, das nun eine Forschungslücke schließen soll.

Hubert Spiegel Folgen:  

In zwei Wochen erscheint das "Internationale Germanistenlexikon 1800 - 1950", das auf 2300 Seiten und einer CD-Rom 1500 Biogramme von Germanisten aus 44 Ländern enthält. Es wird Aufschluß geben über die Biographien deutscher Gelehrter und anhand ihrer Lebensdaten und Lebensleistungen beitragen zur Erforschung der Geschichte eines Fachs, das sich längst selbst historisch geworden ist.

Namhafte Germanisten in der Partei

Das zwanzigste Jahrhundert nimmt nur ein Drittel des untersuchten Zeitraums ein, der mit den ersten institutionellen Ausprägungen des Fachs beginnt und endet, als die Germanistik allmählich international wurde. Aber die spektakulärsten Funde machten König und seine Mitarbeiter in den Jahren 1933 bis 1945.

Bei ihren Recherchen zu den Lebensläufen der Fachgelehrten stießen sie auf unerwartete Entdeckungen: Namhafte Germanisten wie Arthur Henkel, Karl Stackmann, Walter Höllerer, Peter Wapnewski oder Walter Jens wurden in ihren jungen Jahren als Mitglieder der Partei Adolf Hitlers geführt. So zumindest besagen es die Karteikarten, die Königs Team im Berliner Bundesarchiv eingesehen hat, wo eine zu achtzig Prozent erhaltene Mitgliederkartei der NSDAP aufbewahrt wird. Waren einige der wichtigsten Vertreter der deutschen Nachkriegsgermanistik ehemalige Nazis?

Unterschied zwischen jüngerer und älterer Generation

Da einige der Betroffenen die Publikation ihrer Parteimitgliedschaft unterbinden wollten, erbat sich König Beistand bei dem Zeithistoriker Michael Buddrus (F.A.Z. vom 22. Oktober). Die juristisch relevante Formulierung besagt, daß vom Faktum der Mitgliedschaft nur gesprochen werden kann, wenn der unterschriebene Antrag vorliegt, die Mitgliedschaft registriert und das Parteibuch ausgehändigt wurde. Für Höllerer, Jens, Wapnewski und die meisten anderen trifft nur eine dieser Bedingungen zu: Ihre Mitgliedschaft wurde registriert. Daß dies jedoch ohne Einverständnis und Wissen der Betroffenen geschah, schließt Buddrus aus.

Man muß zweifellos, wie auch König sagt, unterscheiden zwischen der jungen Generation der wie Jens und Höllerer nach 1920 geborenen und der älteren Generation. Wer mit achtzehn, neunzehn Jahren eine Parteibeitrittserklärung unterschrieben hat unter Bedingungen, an die er sich heute nicht mehr erinnern kann oder will, muß kein überzeugter Nazi gewesen sein. Wer seine Jugend unter dem Regime von Hitler und Goebbels verbringen mußte, sollte auf ein gewisses Verständnis rechnen dürfen, wenn er damals eine Unterschrift leistete, für die er sich wenig später geschämt haben mag.

Gesinnung, Opportunismus, Karrieregründe

Anders verhält es sich mit jenen, die unter den Nazis zu ihren Positionen gelangten oder gar schon in Amt und Würden waren. Wieviele Germanisten sich aus Gesinnung, Opportunismus oder aus Karrieregründen auf die eine oder andere Weise mit Hitlers Regime gemein machten, hat Christoph König und sein Team in Erstaunen versetzt. Manches war bekannt, so etwa der Fall von Fritz Martini, Parteimitglied seit 1933 und später Professor in Stuttgart.

Auch Hans Ernst Schneiders gespenstische Vita wurde bereits vor einigen Jahren aufgedeckt. Der spätere Rektor der Aachener Universität war in Himmlers SS-Abteilung "Ahnenerbe" tätig, heiratete nach dem Krieg unter dem Namen Hans Schwerte seine Frau zum zweiten Mal und wurde zu einem Germanisten von internationalem Rang. Viele andere Fälle waren bislang unbekannt. Sie sind weniger spektakulär, aber beklemmend in ihrer Vielzahl. Nüchtern spricht König davon, daß man anhand dieser Karrieren erkennen könne, wie "ein Fach funktioniert". Denn natürlich sind im Germanistenlexikon vor allem die erfolgreichen, mächtigen Vertreter ihrer Zunft versammelt. Damit die Ausgrenzung nicht ein zweites Mal triumphiert, haben die Autoren des Lexikons gezielt nach jüdischen Gelehrten gesucht.

„Absurd und banal"

Zu jenen, die stets an die Opfer der Nazis erinnert haben, gehört auch Walter Jens. Der Tübinger Rhetorik-Professor war über Jahrzehnte einer der wichtigsten Intellektuellen der Bundesrepublik. Wer Jens im Hörsaal erlebt hat, wer seinen republikanischen Furor und die humanistische Emphase kennt, muß nachgerade schockiert sein, wenn er erfährt, daß der stets zum Engagement bereite Demokrat am 1. September 1942 in Hitlers Partei eintrat. So besagt es zumindest die Karteikarte, von deren Existenz Jens heute nichts wissen will. Mit guten Gründen verweist er auf seine untadelige Vita nach 1945. König gegenüber hat er die Mitgliedschaft als "absurd und banal" bezeichnet. Niemand wird Walter Jens jetzt für einen verkappten Nazi halten. Dennoch macht er sich die Sache zu einfach.

Was immer den späteren Philologen damals zum Beitritt bewogen haben mag, ist bislang unbekannt, und es ist gut möglich, daß es für immer unbekannt bleiben wird. Aber gegen genau dieses Verhalten, gegen das Verschweigen, Bagatellisieren und sich nicht erinnern können, hat Walter Jens viele Jahre vehement gestritten. Es ist eine bittere Pointe: Was Jens und andere der Generation ihrer Väter zu Recht vorgeworfen haben, galt, wie wir jetzt wissen, auch für sie selbst - über die eigene Vergangenheit wurde nicht geredet. Nicht einmal den engsten Freunden gegenüber. Mit Marcel Reich-Ranicki haben Wapnewski und Jens über all dies nie gesprochen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.2003, Nr. 274 / Seite 35

 
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