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Bildungskanon Nibelungenscheue

09.04.2009 ·  Das Nibelungenlied ist zu einem vagen Klischee geworden, weil der Stoff in der Schule nur noch mangelhaft vermittelt wird, sagt der Germanistenverband. Dort ist er zu einem bloßen Kreativitätsstimulus verkommen.

Von Oliver Jungen
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Kann eine Gesellschaft sich ihrer Geschichte bewusst bleiben, wenn sie ihre Geschichten nicht in Ehren hält? Haben wir uns selbst auf narrative Diät gesetzt, verlieren unsere epische Breite? Der Deutsche Germanistenverband, sonst nicht eben aufmüpfig, sendet mit seinen jüngsten „Mitteilungen“ - beim Verband für 9 Euro zu beziehen - einen Notruf aus: Uns sind die alten Mären wunders wie egal. Das Nibelungenlied, die fulminante erzählerische Überwölbung der Zerschlagung des Burgunderreichs, ist zu einem vagen Klischee abgesunken. Selbstverständlich ist daran zu einem guten Teil die nationalistische Usurpation von Richard Wagner bis zu den Nationalsozialisten schuld. Doch kann das heute noch als Entschuldigung gelten?

Gerade die auch wieder fragwürdige psychologische Umdeutung des Nibelungenlieds nach 1945 leitete die letzte Blüte des Heldenepos ein. Inzwischen ist die Situation viel ruinöser: Trotz ihrer unzweifelhaften Bedeutung in sprach-, literatur- und kulturhistorischer Hinsicht und trotz der katastrophischen Zuspitzung, die nur über Konstruktionen wie „Nibelungentreue“ oder „Untergangsbestimmung“ für eine positive oder negative deutsche Identifikation zurechtgebogen werden konnte, stößt die Dichtung aus dem frühen dreizehnten Jahrhundert heute kaum noch auf Interesse. Es fehle, so die These der ganz diesem Thema gewidmeten Zeitschrift, schlicht die Grundlage, und zwar aufgrund der mangelhaften Vermittlung des Stoffes in der Schule.

Warum Kriemhild kein Tagebuch schrieb

Es ragt hier ein Beitrag der Göttinger Fachdidaktikerin Ina Karg heraus, in dem die Defizite auf den Begriff gebracht sind. Sie hat die Bildungspläne der Bundesländer untersucht und ist zu folgendem Ergebnis gekommen: „Das ,Nibelungenlied' tritt einen Rückzug in die Sekundarstufe I an, wobei es dort einem verschwommenen Sagenbegriff zum Opfer fällt.“ Dabei würde der mittelalterliche Text meist durch die Nacherzählungen Auguste Lechners oder Franz Fühmanns ersetzt: „Diese Lektüren werden dann in der anvisierten Unterrichtssituation zum Anlass für Emotion, für Empathie, für die Anbindung an die Lebenswelt und die Bedienung von Interessen der Schülerinnen und Schüler.“

Wenn das Nibelungenlied also überhaupt noch behandelt wird, dann als Kreativitätsstimulans. So bekämen die Schüler etwa die Aufgabe, Kriemhilds Tagebuch oder Siegfrieds inneren Monolog zu verfassen. Dieser Umgang mit der Dichtung sei an sich nicht verwerflich, jedoch bei weitem nicht genug. Vielmehr müssten die Schüler „dazu geführt werden, die Voraussetzungen ihrer Zugänge zu erkennen“, also etwa lernen, warum es im mittelalterlichen Text eben keinen Tagebucheintrag und keinen inneren Monolog gebe. „Notwendigkeit der Wissensvoraussetzung für den Verstehensprozess“ nennt die Autorin das.

In der Nibelungennot ist Verzweiflung keine Lösung

Weil es gar kein spezifisches Unbehagen an Hagen oder Siegfried ist, das zum curriculösen Absturz des alten Nationalepos geführt hat, weitet auch Ina Karg ihren Angriff aus zu einer Abrechnung mit dem vorherrschenden literaturdidaktischen Paradigma der letzten fünfundzwanzig Jahre, dem „handlungs- und produktionsorientierten Unterricht“. Dieser stelle den vorläufigen Höhepunkt einer immer inhaltsferneren Bildungsplanung dar, die inzwischen nicht einmal mehr Lernziele, sondern „Kompetenzen“ als höchste Werte formuliere. Schon die Bezugnahme auf Wolfgang Isers „Leerstellen“ aber sei theoriegeschichtlich ein Witz, wenn man damit deren Auffüllung durch Schülerphantasie legitimiere. Vor allem aber blieben diese Verfahren einem enthistorisierten Literaturbegriff verpflichtet: Werkimmanenz durch die Hintertür.

Dennoch sei in der Nibelungennot Verzweiflung keine Lösung. Man könne die inhaltliche Aufweichung der Lehrpläne nämlich durchaus als Chance begreifen, denn nun obliege den Lehrpersonen die Auswahl der Lektürestoffe. Diese gelte es zu überzeugen. Für die Behandlung des Nibelungenlieds in historischer Perspektive spreche nicht zuletzt seine mediale Sonderstellung: „Es steht am Übergang von Mündlichkeit und Schriftlichkeit und trägt die Spuren dieses Übergangs in sich.“ Es bleibt zu hoffen, dass die Schriftlichkeit nicht nur eine kurze Zwischenphase war, bevor das Epos sich im sekundär oralen Nebel der Unwissenheit wieder auflöst.

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