22.06.2007 · In Deutschland studieren siebenunddreißig Prozent eines Jahrganges - das Bildungsministerium hält das für zu wenig. Aber woher kommt die Norm, es könne gar nicht genug Studenten geben, und wozu führt sie?
Von Jürgen KaubeDeutschland brauche mehr Akademiker. Das lässt uns der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, Andreas Storm (CDU), soeben wissen. Wie er darauf kommt? Das Statistische Bundesamt hat festgestellt, dass hierzulande siebenunddreißig Prozent eines Jahrganges studieren. Vierzig Prozent, sagt Storm, fände er besser. Noch sagt er nicht: fünfzig oder sechzig Prozent, was er aber genauso gut sagen könnte, weil er zwischen „besser“ und „mehr“ gar keinen Unterschied macht. Mehr ist einfach besser.
Das kann man so sehen - vor allem, wenn man lange nicht in einem Seminar eines Massenfaches an einer deutschen Universität war. Wenn man nicht, dank „Bologna“, für jeden Studierenden eines solchen Seminars jene studienbegleitenden Prüfungen abnehmen muss, die sich dann im Semester schon mal auf zwei-, dreihundert aufsummieren, was zumindest für Geisteswissenschaftler und andere Anhänger eines mit Individualität und Bildung und Einheit von Forschung und Lehre verbundenen Studienbegriffs gewöhnungsbedürftig ist. Oder wenn man es beispielsweise nicht, wie manche Romanisten mitteilen, inzwischen vor allem mit Studenten zu tun hat, die aus Osteuropa kommen und auch nach mehreren Semestern weder Deutsch noch Italienisch oder Französisch beherrschen. Oder als Germanist oft mit solchen, die eigentlich nicht gar so gern lesen, weshalb sie sich, wenn sie über das Drama des Sturm und Drang geprüft werden, verbitten, nach dem „Werther“ gefragt zu werden, denn der ist ja, so viel wissen sie auch ohne Lektüre, kein Drama.
Mehr „Faust II“?
Folgerichtig wollen ganz viele von ihnen auch „in die Medien“, woran nichts auszusetzen ist, außer dass es sinnloserweise auf dem Umweg über ein Universitätsstudium geschehen soll. Fachhochschulen für Geisteswissenschaftler, die in wissenschaftsferne Berufe streben, gibt es hierzulande nicht. Stattdessen hat man den Universitäten unter dem Titel „Bachelorstudium“ eine fachhochschulhafte Eingangszone verordnet, deren Verwaltung und Betreuung den Kräfteverschleiß des durch Exzellenz- und andere Drittmittel- oder Evaluationsbürokratien ohnehin zermürbten Personals noch einmal gesteigert hat.
Nun dürfte der Staatssekretär, sofern überhaupt, vermutlich nicht an Germanistik, Kunstgeschichte, Politologie oder Pädagogik gedacht haben, als er sich und uns mehr Studenten wünschte. Tatsächlich aber laufen traditionell vor allem diese Studiengänge und dann noch die der Juristen und Wirtschaftswissenschaftler voll, wenn Bildungsexpansion betrieben wird. Etwa 350.000 Studenten sind derzeit in geisteswissenschaftlichen Disziplinen eingeschrieben. Ob man die Standortsicherung und die Wissensgesellschaft, die gern zur Begründung eines noch inklusiveren Universitätssystems herangezogen werden, aber durch noch mehr Insassen von Seminaren über Medientheorie, Faust II oder Bioethik bewirtschaften möchte?
Note „Vier“ ist praktisch ausgestorben
Mehr Studenten für besser zu halten, darauf kommt man auch nur, wenn man aus dem Blick verloren hat, wie sich die Bildungsdemographie in diesem Land wandelt. Vierzig Prozent eines Jahrganges heißt ja mittelfristig nichts anderes, als höhere Anteile an einer Grundgesamtheit zu fordern, in der ihrerseits die Anteile derjenigen zunehmen, deren schulische Rückstände allerorten beklagt werden.
Das Ergebnis wird sein, dass man die Zertifikate inflationiert. Der Wissenschaftsrat hat gerade ausgerechnet, dass es in Deutschland außerhalb des juristischen Staatsexamens so gut wie keine Abschlussprüfungen gibt, in denen die Durchschnittsnote schlechter als Zwei ist; die „Vier“ ist als Note praktisch ausgestorben. Der durchschnittliche Philosoph schließt hierzulande, wie seine Kommilitonen aus der Geschichte, der Ethnologie und der Kunstgeschichte, mit 1,7 ab. Die Psychologen sind noch besser, die Germanisten, Pädagogen und Soziologen nur um eine Zehnteldurchschnittsnote schlechter. Fast neunzig Prozent aller geisteswissenschaftlichen Absolventen werden von ihren Professoren mit „sehr gut“ oder „gut“ beurteilt.
Das müssen dieselben Professoren sein, die uns im Anschluss an Podien über die Zukunft der Geisteswissenschaften dauernd jene Geschichten über Seminardesaster, rückläufige Vorkenntnisse und Rechtschreibkatastrophen erzählen - und es sind vermutlich auch dieselben Studenten. Diese Methode kann man selbstverständlich auch für fünfzig oder sechzig Prozent eines Jahrganges beibehalten: schimpfen und durchwinken. Man gibt der Politik, was sie will, und wer kann, versucht sich in Richtung Exzellenz, Ausland, Max-Planck-Gesellschaft oder eines Instituts am See („Advanced Studies“) abzusetzen. Für den Rest bleibt Zynismus. „Nennen Sie die Farbe eines Lehrbuchs“, soll einst die Reserveaufgabe eines entsprechend gestimmten Makroökonomen gewesen sein, der für das Urteil „bestanden“ glaubte, wenigstens eine einzige zutreffende Antwort des Prüflings haben zu müssen.
Die Rückseite dieser Zertfikate-Inflation
Wenn Deutschland also mehr Akademiker braucht, dann wird es sie auch bekommen - so oder so. Man kann sich leicht vorstellen, was Schulämter und Schulen machen werden, wenn ihnen abverlangt wird, nunmehr in Form des Zentralabiturs, schon auf ihrer Ebene die Voraussetzungen für zunehmende Studierzahlen zu schaffen. Dass man inzwischen ein Studium der Betriebswirtschaftslehre absolviert haben muss, um zu einer Anstellung zu gelangen, in der man dann Kunden ihre Kontoauszüge erklärt oder Bausparverträge verkaufen darf, ist die Rückseite dieser Zertfikate-Inflation.
Darum sagt der Staatssekretär auch nicht, Deutschland brauche bessere oder pragmatischer ausgebildete oder strenger auf kognitive Leistungen hin geschulte Akademiker. Seine Pressemitteilung lautet sogar: „Wir brauchen mehr Studienanfänger!“ - so, als läge der Erfolg schon darin und nicht erst im Abschluss. Man setzt also nicht Standards und schaut dann, wie viele sie erfüllen. Sondern man behandelt eine an den Haaren und aus fahrlässig erstellten OECD-Statistiken herbeigezogene Studierquote als verbindlich und setzt alle anderen Strukturen (Lehrinhalte, Fächer, Prüfungen, Zensuren, Personal) unter Anpassungsdruck. Die einzige Begründung, die es dafür gibt, ist illusionär: Der Staatssekretär bemüht für sie das Bild einer veritablen Menge von hoch Studierfähigen, die, von den Kosten des Studiums abgeschreckt, lieber einen anderen Ausbildungsweg beschreiten, wovon sie aber zum Glück des Landes unbedingt abgehalten werden müssten.
Nichts gegen eine Erhöhung des Bafög, im Gegenteil. Wer immer strebend sich bemüht, den sollten wir subventionieren. Aber alles gegen das Gerede, die deutschen Hochschulen würden nicht genug frequentiert und es existiere außerhalb von ihnen eine riesige unausgeschöpfte Begabungsreserve.