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Berlin-Moskau

20.09.2005 ·  Die Orientierungsprobleme der deutschen Konservativen vor und nach 1933, vor und nach 1945 waren ohne mehrfache Brüche und innere Revisionen kaum zu bewältigen. Den Weg des Journalisten und Publizisten ...

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Die Orientierungsprobleme der deutschen Konservativen vor und nach 1933, vor und nach 1945 waren ohne mehrfache Brüche und innere Revisionen kaum zu bewältigen. Den Weg des Journalisten und Publizisten Hans Zehrer, der von der "Vossischen Zeitung" über die Zeitschrift "Die Tat" in die innere Emirgation verlief, und den weiteren Weg nach 1945, der über eine christlich-abendländische Phase im "Sonntagsblatt" in die Chefredaktion der "Welt" führte und dort zeitweise eine national-neutralistische Richtung zur Geltung brachte, darf man als beispielhaft für die konservativen Wendungen ansehen. Mit spannungsreichem Material aus dem Briefwechsel von Axel Springer und Hans Zehrer hat ihn nun Hans B. von Sothen in einer umfassenden Studie dargestellt ("Hans Zehrer als politischer Publizist nach 1945", in: Die kupierte Alternative. Konservatismus in Deutschland nach 1945, hrsg. von Frank-Lothar Kroll. Duncker und Humblot, Berlin 2005).

Zehrer wurde am 22. Juni 1899 in Berlin geboren. Nachdem er in den frühen dreißiger Jahren mit der "Tat" die für ein konservatives Magazin bedeutende Auflage von dreißigtausend Exemplaren erreicht hatte, galt er vielen auf der Linken - aber auch einem liberalen Wirtschaftstheoretiker wie Wilhelm Roepke - als gefährlicher intellektueller Parteigänger der Nationalsozialisten. Tatsächlich aber zog er sich aus der Öffentlichkeit bald ganz zurück, mitgespielt haben mag dabei eine unmittelbare Gefährdung wegen seiner Bekanntschaft mit dem General Kurt von Schleicher, der im Zusammenhang mit dem "Röhm-Putsch" umgebracht wurde. Auf Sylt, wo er während der dreißiger und vierziger Jahre lebte, hatte Zehrer schon vor dem Ende des Krieges den jungen Axel Springer kennengelernt.

Die ersten konservativen Ideen nach 1945 gingen sehr in die britische Richtung - auch dies einer der interessanten Befunde von Sothens. An Edmund Burke und Benjamin Disraeli wollte man anknüpfen, und als politisches Modell stellte man sich eine nach britischem Vorbild zu errichtende "verfassungsmäßige, soziale Monarchie" vor. Berührungen Zehrers zu solchen politischen Bestrebungen in den ersten Nachkriegsjahren gab es, allerdings lag seine Begabung, der er dann folgte, doch im Journalismus. Als die "Welt" unter britischer Kontrolle 1946 zu erscheinen begann, war Zehrer, der an der Planung mitgewirkt hatte, jedoch schon ausgebootet worden. Von Sothen nimmt eine Intrige der in Hamburg regierenden SPD an, die Zehrer wegen seiner Vergangenheit in der "Tat" bei der Besatzungsmacht angeschwärzt habe.

Zehrer übernahm das evangelische "Sonntagsblatt" und favorisierte zeitweise eher europäisch-abendländische Gedanken, bis die ungelöste Frage der Einheit der Nation sich wieder in den Vordergrund schob. Zur "Welt" stieß er erst wieder in den fünfziger Jahren, nachdem er mit regelmäßigen Beiträgen für die "Bild"-Zeitung schon für das Haus Springer tätig geworden war. Nun wurde die Skepsis gegenüber Adenauers Politik der Westbindung stärker; der Schlüssel für die deutsche Einheit schien Zehrer bei den Sowjets zu liegen. Zu einem Debakel wurde indes 1958 die Reise Springers und Zehrers nach Moskau. Springer, der sich von einer Wahrsagerin hatte beraten lassen, glaubte, von der Sowjetunion eine Zusage der Wiedervereinigung erhalten zu können. Die Adenauer-Regierung war über diesen Vorstoß entsetzt und vermutete ein Komplott zwischen Zehrer, Springer und der SPD. Als das Treffen mit Chruschtschow dann zustande kam, waren die Illusionen, die man gehegt haben mochte, bald verflogen. Springer erinnerte sich später, daß der sowjetische Parteichef ihm ein gesamtkommunistisches Deutschland vorhergesagt habe, mit der Zwischenstufe einer Finnlandisierung, also einer Neutralität unter sowjetischer Aufsicht. Danach war für das Haus Springer jeder Gedanke an ein Ausspielen der Moskauer Karte aus der Welt, und die Westbindung, die Unterstützung der Vereinigten Staaten im Kalten Krieg war die neue Leitlinie. Hans Zehrer und Paul Sethe, der gleichfalls an eine unabhängige deutsche Position zwischen Ost und West gedacht hatte, waren damit im politischen Abseits gelandet.

Noch einmal konnte Zehrer bei der "Welt" reüssieren. Als Springer nach der "Spiegel"-Affäre und dem Rücktritt Adenauers der wachsenden linksliberalen Dominanz der Presse Paroli bieten wollte, entschied er sich für eine konservative Wendung seiner Qualitätszeitung. Zehrer hatte im Frühjahr 1963 an Springer geschrieben, man müsse einstweilen Zurückhaltung üben und das Pulver trockenhalten, dann aber gegen die "Kleinbürger" zu Felde ziehen, die "Berlin versacken" ließen: "Und dann - aber erst dann! - wird es Zeit sein, wieder mal in die alte ,Tat'-Kiste zu greifen und einige Dinger hinzulegen, die die Leute hochjagen."

Im Herbst 1965, so von Sothen, wurde ein "neuer nationaler Kurs" in Berlin beschlossen. Zehrer übernahm wieder die Weisungskompetenz. Als Kolumnist wurde mit Armin Mohler einer der bedeutendsten konservativen Geister gewonnen; Hans-Georg von Studnitz stieß dazu, Günter Zehm und Wilfried Hertz-Eichenrode waren schon seit 1963 bei der "Welt". Aber Zehrer konnte die Früchte seines späten Erfolgs nicht mehr lange genießen. Am 23. August 1966 starb er, und, wie von Sothen hinzufügt, "mit ihm das noch junge Experiment einer dezidiert konservativen deutschen Tageszeitung".

Erich Fried hatte kurz zuvor ein Gedicht verfaßt, in dem er Axel Springer, Günter Zehm, den früheren Trotzkisten William S. Schlamm und Hans Zehrer in die niedere Sphäre versetzte: "Wer sich nicht mehr bezähmt / der treibt / im Wind mit den welken Blättern / der wälzt sich im Schlamm / bei vielen Geschöpfen / bei Kriechern und Springern / Getier und Gewürm / Schmarotzern und Zehrern / versumpfend / schwärzlich und bräunlich." Die Morgenröte der neuen Humanität der Studentenrebellion war heraufgezogen. Lorenz Jäger

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