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Ethnologie fürs Humboldt-Forum : „Es ist nicht alles nur geklaut“

  • -Aktualisiert am

Dahlem, wie es war: die Nachbildung eines Versammlungshauses der amerikanischen Nordwestküste in der ehemaligen Ausstellung „Indianer Nordamerikas“ Bild: Staatliche Museen zu Berlin / Daniel Hofer

Alle reden vom Humboldt-Forum. Was geschieht hinter den Kulissen? Bei einem Besuch bei den Ethnologen in Berlin offenbart sich eine erstaunliche Sammlung. Mit einem Problem, das an Bedeutung gewinnt.

          Seit zehn Jahren sind die Mitarbeiter des Ethnologischen Museums in Berlin-Dahlem mit der Konzeption der Ausstellung im Berliner Schloss beschäftigt. In den Hallen, in denen sich Generationen von den Azteken und den Polynesiern faszinieren ließen, herrscht Leere. Die Räume werden seit Anfang 2017 dazu genutzt, zu sichten und zu konservieren, was teils seit Jahrzehnten nicht bewegt wurde. Hektisch wirkt niemand. Das ist erstaunlich: Eine halbe Million Artefakte gibt es in den Sammlungen des Museums, 300.000 lagern allein im Hauptdepot, und das muss Ende des Jahres einen neuen, besseren Brandschutz bekommen. Siebentausend Objekte müssen dann bewegt werden, darunter die allergrößten: Boote, Häuser, Totempfähle. Sie werden seit Jahresbeginn von Menschen in weißen Schutzanzügen begutachtet, die Atemmasken tragen: Restauratoren nehmen alles in den Blick, reinigen und behandeln Stein, Holz, Papier und Pflanzenfasern.

          Dorothea Deterts ist die Herrin über die spektakulärsten Schaustücke, die im Humboldt-Forum über zwei Etagen präsentiert werden sollen: die Südseeboote. Sechzigtausend Objekte ist Ozeanien stark. Deterts ist die einzige Kuratorin für den Wasserkontinent, unterstützt von einem Restaurator und einem Depotverwalter. Die Wissenschaftlerin hat den Schlüssel zur Südsee in der Hand.

          Warum die Sammelwut?

          Maximal dreißig Minuten dürfen wir im Depot bleiben. Nicht, weil die Ahnen sonst unruhig werden, sondern wegen der Chemikalien, mit denen man die Objekte einst gegen Schädlinge behandelt hat. Wer mit ihnen arbeitet, trägt Schutzkleidung; für Ausstellungbesucher, sagt Deterts, bestehe aber keine Gefahr. Schmucklose graue Stahlvitrinen, in deren Glas man sich spiegelt, nüchternes Licht, sichtbare Leitungen auf der weiß gestrichenen Ziegelwand, ewige Stille. Schilde der Aborigines füllen einen Schrank, mit jedem einzelnen davon könnte man eine Museumswand zum Leuchten bringen, ganze Ausstellungen aus wenigen Regalmetern bestreiten. Das Gros der Sammlung stammt aus der Zeit um die Jahrhundertwende, aber auch Deterts Vorvorgänger Gerd Koch hat noch viel mitgebracht aus der Südsee, darunter das hochseetüchtige Auslegerboot von den Santa-Cruz-Inseln, das letzte seiner Art.

          Warum die Sammelwut? Reicht nicht ein Speer von jedem Volk, eine Maske, eine Schale, ein Ohrring? Nicht in der Ethnologie. „Ich kann nur etwas als besonders identifizieren“, sagt Deterts, „wenn ich eine Menge gesehen habe. Erst durch das Sehen begreife ich ja, was außergewöhnlich ist.“ Kunst, Individualität und Entwicklung gibt es eben auch jenseits des Westens. Wer vergleichen will, hat die Wahl: Es gibt in Berlin etwa sehr viele Stücke aus Neuirland, das von 1885 bis 1914 deutsche Kolonie war und so lange Neumecklenburg hieß. Eine 1907 vom Berliner Ethnologischen Museum ausgesandte Expedition kehrte 1909 mit reicher Ausbeute zurück, vor der wir hier stehen, aber auch mit Vokabellisten, Fotos der Bevölkerung und mit achthundert Schädeln. Die sogenannte Deutsche Marine-Expedition soll 2019 im Humboldt-Forum gesondert thematisiert werden.

          „Früh wurden sie von Europäern eingesammelt oder gekauft. Bis heute.“

          Marine-Expedition, das klingt schon mal nicht gut, das klingt nach problematischer Herkunft, und darauf reagieren alle ziemlich allergisch im Jahr 2017. War das alles Raub im Windschatten des Imperialismus? Stehen wir vor Diebesgut?

          Deterts möchte nicht pauschalisieren: „Es ist nicht alles nur geklaut. Ich muss bei jedem Objekt schauen, wie es erworben wurde. Auf der Marine-Expedition und der Kaiserin-Augusta-Expedition kamen die Forscher auf Schiffen an und gingen in die Dörfer, oder die Dörfler kamen zu ihnen und tauschten. Gegen Gewehre, Baumwollstoff oder Tabak. Es ist aber Quatsch zu sagen, da wurde nie Gewalt angewendet. Natürlich wurden auch Dörfer und Hütten ausgeräumt, das ist passiert, auch in Ozeanien. Durch europäische Kolonialregierungen sind ethnische Gruppen dezimiert worden, haben den Lebenswillen verloren und haben nicht mehr an ihre Kultur geglaubt.“

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