Gleich nach seiner Ankunft in Rom richtet sich Karl Löwith im März 1934 ein neues Tagebuch ein. Bevor er zu schreiben beginnt, klebt er auf die erste Seite als ironisches Emblem eine Briefmarke. 1932 dem zehnten Jahrestag von Mussolinis „Marsch auf Rom“ gewidmet, zeigt sie einen Arbeiter, der in afrikanischer Landschaft unmittelbar neben einer römischen Heerstraße einen modernen Fahrdamm baut. Die Parole darunter lautet „Zurückkehren, wo wir schon waren“. Geplant ist die Wiedererrichtung des römischen Weltreichs.
Auch Löwith kehrt dahin zurück, wo er vor zehn Jahren schon einmal war. 1924 verbrachte er einige Wochen in Rom, nachdem er seine Doktorarbeit über Nietzsche abgeschlossen hatte. Seine Übersiedlung 1934 steht wieder im Zeichen Nietzsches, über ihn hatte er kurz vor seiner Abreise in Marburg doziert. Allerdings handelte es sich diesmal um seine Abschiedsvorlesung, und es war vollkommen ungewiss, ob und wann Löwith als „Nichtarier“ wieder nach Deutschland würde zurückkehren können.
Am 12. Oktober 1936 verlässt er Italien, um mit dem Schiff durch den Suezkanal nach Japan zu fahren, wo ihm Freunde eine Stelle an der Kaiserlichen Universität Tohoku in Sendai besorgt haben. Hier, am anderen Ende der Welt, ergänzt er im Tagebuch das Enddatum seines Rom-Aufenthalts und klebt neben die italienische Briefmarke eine japanische. Mit Politik hat sie nichts zu tun. Man sieht nicht einmal Menschen, sondern reine Natur: den Vulkanberg Fujiyama und daneben friedlich grasende Hirsche. Die japanische Naturverehrung erscheint als Gegenbild zur italienischen Beschwörung eines historischen Weltreichs. Löwith stellt die beiden Briefmarken bewusst nebeneinander. Denn die Polarität von Geschichte und Natur beschäftigt sein Denken, das eng mit den wechselvollen Erfahrungen der Emigration zusammenhängt.
In achtzehn Jahren um die Welt
Wie viele seiner Generation war er als junger Mann fasziniert von Nietzsches „Übermensch“, der sich nach dem „Tod Gottes“ jenseits von Gut und Böse wähnt. Doch spätestens mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ändert sich Löwiths Einstellung: Im unbegrenzten „Willen zur Macht“, im blinden Glauben an eine Heilsgeschichte sieht er nun die Ursachen einer fatalen Fehlentwicklung. Im italienischen Exil widerspricht er der nationalsozialistischen Nietzsche-Interpretation mit seinem Buch über Nietzsches Philosophie der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Während die Ideologen der Geschichte vom radikalen Änderungswillen besessen sind, betont Löwith unter Berufung auf Nietzsche das Gleichbleibende, sich Wiederholende der Natur, in die der Mensch eingeschlossen ist.
Löwiths zum großen Teil noch unveröffentlichte Exil-Tagebücher zeigen, welche Rolle die Erfahrung anderer Kulturen für die Weiterentwicklung seiner Philosophie spielte. Seine Akzentuierung des Naturaspekts bedeutet weniger einen „Rückzug vom historischen Bewusstsein“ (Habermas), dahinter steht vielmehr der Versuch, die als verhängnisvoll erlebte europäische Ideen-Tradition durch Ent-Regionalisierung zu humanisieren. Als Löwith auch in Japan, das seit 1940 mit Deutschland verbündet ist, in Gefahr gerät, reist er 1941 mit dem Schiff über den Pazifischen Ozean in die Vereinigten Staaten. Hier lehrt er zunächst am Theologischen Seminar in Hartford, Connecticut, später an der New School for Social Research in New York. 1949 erscheint in der University of Chicago Press sein Buch „Meaning in History“, das ihn in der englischsprachigen Welt berühmt macht, bevor es drei Jahre später unter dem Titel „Weltgeschichte und Heilsgeschehen“ ins Deutsche übersetzt wird. Erst 1952 kehrt er, einem Ruf nach Heidelberg folgend, in die Bundesrepublik zurück. Äußerlich gesehen endet damit Löwiths Exil - seine Reise um die Erde in achtzehn Jahren.
Vor einem Jahr hat die Schriftstellerin Herta Müller die Bundeskanzlerin dazu aufgefordert, ein Museum des Exils zu gründen. „Menschen fallen aus Deutschland“, so überschrieb die Nobelpreisträgerin ihren offenen Brief, in dem sie an die Exilanten erinnerte, die von den Nationalsozialisten verfolgt, vertrieben und ermordet wurden.
Der Appell traf auch im Deutschen Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek und im Deutschen Literaturarchiv Marbach auf offene Ohren.
Anlässlich der Ausstellung „Fremd bin ich den Menschen dort“, die vom 30. August bis 20. Oktober in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt gezeigt werden wird, gibt das Deutsche Literaturarchiv dort in der Veranstaltungsreihe „Zeitkapsel“ Einblick in seine seit 1955 gesammelten Exilbestände.
Vorab präsentieren wir in den kommenden Wochen zehn Fundstücke, die das Schicksal der Emigration aus Deutschland besonders eindringlich veranschaulichen.