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Veröffentlicht: 30.06.2012, 13:17 Uhr

Bausteine für ein Museum des Exils (1) Ein Ausflug in die Hölle

Unterschlupf im Verborgenen: Der jüdische Schriftsteller Konrad Merz ist eine fast vergessene Stimme der deutschen Exilliteratur. In Marbach hat man ihn nun wiederentdeckt.

© DLA Marbach Konrad Merz (1908-1999) als Landarbeiter in Ilpendum, um 1935

In ihrem Brief an die Bundeskanzlerin erinnerte sich Herta Müller an ihre Begegnungen mit dem fast vergessenen Schriftsteller Konrad Merz: Sie habe sehen müssen, „wie dem alten Mann die Tränen kamen, wenn er an seine Jugend in Berlin dachte und an den Verlust seiner Heimatstadt“. In manchen Nachschlagewerken findet sich noch sein Roman „Ein Mensch fällt aus Deutschland“, den er 1936 im Amsterdamer Querido-Verlag veröffentlichen konnte. Zwei Jahre zuvor war Merz, der eigentlich Kurt Lehmann hieß, als jüdischer Student vor der Gestapo in die Niederlande geflohen.

Ohne Sprachkenntnisse, Beziehungen und Geld musste er sich einrichten. Deshalb verdingte er sich als Landarbeiter und begann zu schreiben. Das ging einigermaßen, bis die Situation nach dem Einmarsch der deutschen Truppen für ihn fast aussichtslos wurde. Nun galt es, sich unsichtbar zu machen. Seit 1942 lebte Merz im Verborgenen, ähnlich der Familie von Anne Frank - mit dem Unterschied, dass er auf dem Land und nicht inmitten der Großstadt untertauchte und sich der Deportation, zu der er mehrfach aufgefordert worden war, erfolgreich entziehen konnte. Die meiste Zeit fand Merz in einem großen Wäscheschrank Unterschlupf. In seinem Versteck schrieb er Tagebuch. Oft dienten ihm seine Notate nur noch dazu, sich seiner selbst zu vergewissern: Ich lebe, und mein Verstand ist nach wie vor klar, obwohl mich das Alleinsein zu einem anderen gemacht hat.

Gymnastische Übungen

“Ich bin mir ja ein unbekanntes Land geworden in den Jahren der Absperrung, der Einsamkeit hier“, stellte er am 15. November 1944 fest. Vier Monate später versuchte er eine Art Zwischenbilanz. Das Formulieren fiel ihm dabei sichtlich schwer, doch er war noch immer nicht völlig verzweifelt: „Heute das erste Viertel eines Jahrzehnts im Käfig eingeschlossen, 2½ Jahre! Und was ist alles mit ihnen eingeflossen, ausgegossen und auch das Ausgeflossene noch ist eingeschlossen. Der leere Magen frisst heute die Gesichter auf hier überall, und es ist als müsste in diesen Totenherden alles schweigen. Aber du willst dem Hunger nicht Recht geben, obwohl er auch in deinen Magenwänden wühlt. Wo der Hunger verzeiht, kann er ein Knecht der Freiheit werden, wo er vernichtet, ist er nur Tod, und der dümmste Tod. Aber die Dummheit ist eine gigantische Macht und wenn sie den Hunger begeistert, da schweigt Gedicht und Gericht. Auch ich komme jetzt nicht weiter, es bröckelt alles aus dem Kopfe, ehe es Wort werden kann. Und doch ahnt mir dunkel, dass diese Jahre meiner Entsagung manche Saat gesenkt und manche Ernte gehoben haben. Und doch will ich stehen und nicht wanken, ich will hinausblicken aus dem Loch meiner Wand in die weite Ebene dort, dort, bald werde auch ich dort hinwandeln dürfen, mit meinen eingestaubten Beinen und meinen verschimmelten Schuhen und in der Ferne wird die Sonne warten und in der Nähe eine Schwalbe schweben und ich werde flüstern: es ist doch nicht alles umsonst gewesen! Und wenn sogar der Hunger oder der Henker mich vorher brechen sollte: es ist doch nicht alles umsonst gewesen!“

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Das Ausharren war nicht umsonst. Konrad Merz überlebte, und die gymnastischen Übungen, an die er sich in der Enge seines Verstecks gewöhnt hatte, führten ihn nach der Befreiung erstaunlicherweise zu seinem Brotberuf: Er ließ sich zum medizinischen Masseur ausbilden. 1999 starb er im holländischen Purmerend. Seinen literarischen Nachlass vermachte er testamentarisch dem Deutschen Literaturarchiv.

Der Weg zu einem Museum des Exils

Vor einem Jahr hat die Schriftstellerin Herta Müller die Bundeskanzlerin dazu aufgefordert, ein Museum des Exils zu gründen. „Menschen fallen aus Deutschland“, so überschrieb die Nobelpreisträgerin ihren offenen Brief, in dem sie an die Exilanten erinnerte, die von den Nationalsozialisten verfolgt, vertrieben und ermordet wurden.

Der Appell traf auch im Deutschen Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek und im Deutschen Literaturarchiv Marbach auf offene Ohren.

Anlässlich der Ausstellung „Fremd bin ich den Menschen dort“, die vom 30. August bis 20. Oktober in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt gezeigt werden wird, gibt das Deutsche Literaturarchiv dort in der Veranstaltungsreihe „Zeitkapsel“ Einblick in seine seit 1955 gesammelten Exilbestände.

Vorab präsentieren wir in den kommenden Wochen zehn Fundstücke, die das Schicksal der Emigration aus Deutschland besonders eindringlich veranschaulichen.

Jan Bürger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Literaturarchiv. Das Tagebuch von Konrad Merz wird vom 27. September 2012 bis zum 27. Januar 2013 in der Ausstellung „Kassiber. Verbotenes Schreiben“ im Literaturmuseum der Moderne, Marbach a. N., gezeigt.

Quelle: F.A.Z.

 

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