Home
http://www.faz.net/-gso-79582
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bald Lateineuropa? Berlusconis Philosoph liebt krude Thesen

 ·  Er schwadroniert über das lateinische Herz Europas samt einer entsprechenden Reichsbildung: Wie Giorgio Agamben Franzosen, Italiener, Spanier und Griechen vor dem deutschen Lebensstil bewahren will.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (64)
© AFP Vergrößern In der „Süße des Daseins“ schwelgend? Silvio Berlusconi bei einer Veranstaltung in Dallas, Texas.

Vor Wochen hat der italienische Philosoph Giorgio Agamben - in „La Repubblica“, danach in der französischen „Libération“ - einen Vorschlag zur Neuordnung Europas gemacht. Dabei bedient er sich eines älteren Textes seines französischen Kollegen Alexandre Kojève, der nach dem Zweiten Weltkrieg im Pariser Wirtschaftsministerium über Handelsfragen nachdachte. Im August 1945 adressierte dieser russischstämmige Intellektuelle, dessen Hegel-Vorlesungen von 1933 bis 1939 eine ganze Generation französischer Denker fasziniert hatten, seine „Skizze einer Doktrin französischer Außenpolitik“ an Charles de Gaulle.

Darin bezeichnete Kojève als die beiden größten Gefahren für Frankreich den politisch-ökonomischen Wiederaufstieg Deutschlands und einen Dritten Weltkrieg. Das Zeitalter der Nationalstaaten sei zu Ende, ein politischer Übergang zur Menschheit aber noch nicht in Sicht. Was als Träger des Weltgeistes bleibe, seien Imperien. Zwei gebe es schon, das anglo-amerikanische und das slawisch-sowjetische. Die Franzosen könnten ihre kulturelle Eigenart nur bewahren, wenn sie sich an die Spitze eines drittes Imperiums setzten, eines lateinischen. Seine Grundlage war für Kojève die gemeinsame Mentalität von Franzosen, Italienern und Spaniern (Portugal schlug er der angelsächsischen Einflusszone zu).

Zum Untergang verdammt

Worin diese Geistesverwandtschaft bestehe? In lateinischer Lebenskunst, dem „dolce far niente“, der humanen Freizeitgestaltung. Auch eine lateinische Wirtschaftsweise - weder Markt- noch Planwirtschaft - schwebte dem Philosophen vor. Die allerdings sollte, gewissermaßen im Kleingedruckten, mit einer Deindustrialisierung Deutschlands und Zwangsimporten aus Frankreich einhergehen.

Agamben findet, man solle über diesen Vorschlag neu nachdenken. Denn was Kojève vorausgesehen habe, sei eingetreten: Das protestantische Deutschland vertrete in Europa die anglo-amerikanische Mentalität und zwinge den ärmeren Ländern die Interessen der reicheren auf, vor allem seine eigenen, „wobei man Letztere angesichts der jüngeren Geschichte keineswegs als vorbildlich betrachten kann“. Aber es ergebe keinen Sinn, einem Italiener oder Griechen - das lateinische Reich erweitert sich hier - die deutsche Lebensweise abzuverlangen, und politische Einheiten, die ihre Lebensformen ignorierten, seien zum Untergang verdammt.

War de Gaulle kein Franzose?

So weit der Stuss, über den nun seit einigen Wochen in Zeitungen und Zeitschriften ernsthaft diskutiert wird. Agambens Gedankengang enthält so viele Denkfehler, dass man gar nicht weiß, mit welchem man anfangen soll. Man könnte beispielsweise einfach sagen: „Na, dann macht mal“, um auf die nicht zufällig fehlenden Ausführungsbestimmungen der neuen Reichsgründung hinzuweisen. Hält es der Philosoph wirklich für denkbar, dass beispielsweise Oberitalien, von Südtirol ganz zu schweigen, einer solchen mittelmeerischen Lebensform-Union beitreten und nicht vielmehr sofort - um in der politischen Phantasiewelt Agambens zu bleiben - die Gründung eines Alpenstaats anstreben würde? Welche Migrationsbewegungen und welche Form von Demokratie im Süden stellt er sich vor, wenn die dortige Sesterze dann um dreißig Prozent abwertet? Das mag dann zwar, würden manche Ökonomen sagen, die Arbeit und die selbsthergestellten Güter sehr verbilligen. Aber um Vollbeschäftigung und Export soll es in Agambens Reich ja gerade nicht gehen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
  Weitersagen Kommentieren (108) Merken Drucken
Weitere Empfehlungen
Politische Romantik Vom Nutzen und Nachteil der Leidenschaften für die Politik

Eine romantisch inspirierte Politik führte Deutschland in zwei katastrophale Kriege. Heute fehlt die Visionskraft im politischen Betrieb. Eine Frankfurter Konferenz fragt, was Politik mit Gefühl zu tun haben sollte. Mehr

12.04.2014, 10:50 Uhr | Feuilleton
Wilfried Loth: Europas Einigung Körper mit und ohne Herz

Der Gedanke einer europäischen Integration wurde von den Beneluxländern und Italien aufgegriffen. Man suchte Einigungsprojekte im wirtschaftlichen Bereich, die ohne großen Widerstand durchgeführt werden konnten. Am Ende dieser Phase stand die EWG-Gründung im März 1957. Mehr

07.04.2014, 16:36 Uhr | Politik
Nach dem Sieg in der ungarischen Parlamentswahl Der ungeduldige Stratege

Orbán ist ein politischer Stratege, aber strategische Geduld ist ihm fremd. Wer ihn jedoch für einen zynischen Machtpolitiker hält, geht fehl: Er brennt für seine Sache. Mehr

07.04.2014, 09:48 Uhr | Politik

16.05.2013, 14:04 Uhr

Weitersagen
 

Haben ist Sein

Von Mark Siemons

Ein Frau wurde verlassen und weiß nicht warum: Sie hat doch einen guten Job und zwei abbezahlte Wohnungen. Warum in Peking das Eigentum und die Liebe einander bedingen. Mehr 3