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Bald Lateineuropa? Berlusconis Philosoph liebt krude Thesen

Er schwadroniert über das lateinische Herz Europas samt einer entsprechenden Reichsbildung: Wie Giorgio Agamben Franzosen, Italiener, Spanier und Griechen vor dem deutschen Lebensstil bewahren will.

© AFP Vergrößern In der „Süße des Daseins“ schwelgend? Silvio Berlusconi bei einer Veranstaltung in Dallas, Texas.

Vor Wochen hat der italienische Philosoph Giorgio Agamben - in „La Repubblica“, danach in der französischen „Libération“ - einen Vorschlag zur Neuordnung Europas gemacht. Dabei bedient er sich eines älteren Textes seines französischen Kollegen Alexandre Kojève, der nach dem Zweiten Weltkrieg im Pariser Wirtschaftsministerium über Handelsfragen nachdachte. Im August 1945 adressierte dieser russischstämmige Intellektuelle, dessen Hegel-Vorlesungen von 1933 bis 1939 eine ganze Generation französischer Denker fasziniert hatten, seine „Skizze einer Doktrin französischer Außenpolitik“ an Charles de Gaulle.

Jürgen Kaube Folgen:    

Darin bezeichnete Kojève als die beiden größten Gefahren für Frankreich den politisch-ökonomischen Wiederaufstieg Deutschlands und einen Dritten Weltkrieg. Das Zeitalter der Nationalstaaten sei zu Ende, ein politischer Übergang zur Menschheit aber noch nicht in Sicht. Was als Träger des Weltgeistes bleibe, seien Imperien. Zwei gebe es schon, das anglo-amerikanische und das slawisch-sowjetische. Die Franzosen könnten ihre kulturelle Eigenart nur bewahren, wenn sie sich an die Spitze eines drittes Imperiums setzten, eines lateinischen. Seine Grundlage war für Kojève die gemeinsame Mentalität von Franzosen, Italienern und Spaniern (Portugal schlug er der angelsächsischen Einflusszone zu).

Zum Untergang verdammt

Worin diese Geistesverwandtschaft bestehe? In lateinischer Lebenskunst, dem „dolce far niente“, der humanen Freizeitgestaltung. Auch eine lateinische Wirtschaftsweise - weder Markt- noch Planwirtschaft - schwebte dem Philosophen vor. Die allerdings sollte, gewissermaßen im Kleingedruckten, mit einer Deindustrialisierung Deutschlands und Zwangsimporten aus Frankreich einhergehen.

Agamben findet, man solle über diesen Vorschlag neu nachdenken. Denn was Kojève vorausgesehen habe, sei eingetreten: Das protestantische Deutschland vertrete in Europa die anglo-amerikanische Mentalität und zwinge den ärmeren Ländern die Interessen der reicheren auf, vor allem seine eigenen, „wobei man Letztere angesichts der jüngeren Geschichte keineswegs als vorbildlich betrachten kann“. Aber es ergebe keinen Sinn, einem Italiener oder Griechen - das lateinische Reich erweitert sich hier - die deutsche Lebensweise abzuverlangen, und politische Einheiten, die ihre Lebensformen ignorierten, seien zum Untergang verdammt.

War de Gaulle kein Franzose?

So weit der Stuss, über den nun seit einigen Wochen in Zeitungen und Zeitschriften ernsthaft diskutiert wird. Agambens Gedankengang enthält so viele Denkfehler, dass man gar nicht weiß, mit welchem man anfangen soll. Man könnte beispielsweise einfach sagen: „Na, dann macht mal“, um auf die nicht zufällig fehlenden Ausführungsbestimmungen der neuen Reichsgründung hinzuweisen. Hält es der Philosoph wirklich für denkbar, dass beispielsweise Oberitalien, von Südtirol ganz zu schweigen, einer solchen mittelmeerischen Lebensform-Union beitreten und nicht vielmehr sofort - um in der politischen Phantasiewelt Agambens zu bleiben - die Gründung eines Alpenstaats anstreben würde? Welche Migrationsbewegungen und welche Form von Demokratie im Süden stellt er sich vor, wenn die dortige Sesterze dann um dreißig Prozent abwertet? Das mag dann zwar, würden manche Ökonomen sagen, die Arbeit und die selbsthergestellten Güter sehr verbilligen. Aber um Vollbeschäftigung und Export soll es in Agambens Reich ja gerade nicht gehen.

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