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Auf DVD: „Derrida, anderswo“ Die Gewalt der Geduld

Derridas Denken ist immer auf der Flucht gewesen. Wie Safaa Fathy es schafft, diese Bewegung auf Bildern festzuhalten, ist irgendwie unfassbar schön.

© Absolut Medien Vergrößern Fasziniert von der Ungeduld der Fische: Jacques Derrida

Das Anderswo ist immer das, was jenseits einer Grenze ist. Jenseits des Mittelmeers, jenseits von Europa, in der Kindheit in Algerien. Aber man trägt es in sich selbst: Anderswo ist hier, wäre das Anderswo anderswo, wäre es kein Anderswo. Das sagt der 2004 in Paris gestorbene Philosoph Jacques Derrida zu Beginn des Films „Derrida, anderswo“ von Safaa Fathy, der nun auf DVD erschienen ist. Zu sehen ist dazu eine trockene algerische Savannenlandschaft mit Gebüsch und ein paar vereinzelten Bäumen, die den Abstand zueinander wahren, um sich bloß nicht zu nahe zu kommen. Es ist die Landschaft, in die Derrida 1930 hineingeboren wurde. In Algier, im Stadtteil El Bair, wächst er auf und lebt dort bis 1949, als er zur Vorbereitung des Philosophiestudiums an der École Normale Supérieure nach Paris übersiedelt.

Im Film sitzt er nach der kurzen, sehr ruhigen Passage durch die algerische Trockensavanne auf einer Holztreppe am Strand und redet vom Schreiben. Ich sagen zu können, sagt er, sei die Voraussetzung jedes Schreibens. Aber: „Ich zu sagen heißt nicht, ich zu sein. Wer ist schon mal einem Ich begegnet, ich jedenfalls nicht?“ Das Ich ist kein Denkgegenstand, es ist gerade mal ein Vehikel zum Schreiben. Die Schrift aber ist endlich. Sobald etwas geschrieben werde, komme es zwangsläufig zu einer Selektion, einem Auslöschen, einer Zensur, einem Ausschluss.

Mit Derrida am Strand

Das Schreiben bearbeite das, was ich schreibe, meint er und fügt hinzu: „Jede Schrift, jedes Reden ist genauso stark vom Nichtgesagten, vom Schweigen geprägt wie vom Geschriebenen, vom Gesagten.“ Viel später, zum Ende des Films, wird Derrida sagen, dass lesen bedeute, das berechnende Kalkül eines Selbstschutzes zu entschlüsseln. Dabei sei aber zu bedenken, dass es nicht das Ich sei, das berechne, sondern das Unbewusste und die Schrift.

Man selbst hatte sich schon viel früher, nach fünf, sechs Minuten, mit Derrida am Strand, staunend gefragt, wie es Safaa Fathy mit ihren Bildern geschafft hat, eine wirkliche Konzentration auf das Denken Derridas herzustellen. Wie hat sie das gemacht? Wie hat sie das Flüchtige, das seine Gegenstände immer nur kurz Berührende dieses Denkens so adäquat in Bilder zu fassen vermocht, die sich auch nie einbrennen, nie zu einem Standbild im Gedächtnis gerinnen, sondern immer weiter an einem vorbeiziehen wie Wildesel in der Wüste?

Es ist ja wirklich nicht leicht, Derrida, eine der Ikonen der großen Zeit des französischen Denkens zwischen 1964 bis 1989, von den Schlacken der Rezeption, von den schrecklichen Schlagwörtern wie Dekonstruktion und Postmoderne freizuhalten, um den Blick nur auf dieses Denken und diesen Denker mit den sehr weißen Haaren zu lenken.

Feingestellte Filter

Ein paar der Kunstgriffe, derer sich Fathy bedient, sind ganz einfach. Man hatte sie nur, komplett verdorben durch die aktuelle Fernsehdokumentarfilmpraxis, fast vergessen. Da ist zuerst einmal der äußerst sparsame Einsatz von Musik. Es gibt ganz am Anfang ein paar Töne algerischer Musik, nur sehr kurz, die genauso angespielt werden wie an den fünf, sechs anderen Stellen im Film.

Typisch ist dafür jener Moment, als Derrida gerade in ein Seminar an einer amerikanischen Universität geht und im Hintergrund leise amerikanischer Hiphop zu hören ist, der so dezent wieder verschwindet, wie er gekommen ist. Der Film vertraut, ohne die Musik auszuschließen, auf die Originaltöne des Ortes und die Stimmen der Darsteller. Am Strand schreien die Möwen, schlagen die Wellen, dazu fliegen ein paar Pelikane von einem Felsen in der Brandung auf und segeln kurz über die Wellen. Dabei folgt Fathy selbst noch in ihrem Ton-Bild-Verfahren den Vorlieben Derridas.

Derrida hielt nicht viel von der Ton-Bild-Trennung im Film, Originaltöne waren ihm lieber, obwohl er auch dabei den Begriff des Originals nicht überstrapazieren wollte. Ihm war schon klar, das auch der Originalton durch einen Filter gelaufen ist. Aber man kann den Filter ja sehr fein einstellen, genauso wie man das, was man betrachtet, durch ein Schritt für Schritt verkleinertes Raster betrachten kann.

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