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Auch ein Meister von Hollywood : Richard Wagner ist immer ein Zitat wert

  • -Aktualisiert am

Reverenz an die Brünnhilde-Legende aus dem „Ring des Nibelungen“: Die Frau von Django (Jamie Foxx) heißt in Tarantinos Film Broomhilda und wird von Kerry Washington gespielt. Bild: Sony Pictures

Im Jahr seines zweihundertsten Geburtstags ist der Großkomponist Richard Wagner in der Traumfabrik präsent wie eh und je. Da es um die Affekte und Effekte seiner Musik geht, sieht man hier über seinen Antisemitismus eher hinweg.

          Zu Richard Wagners 150. Geburtstag, 1963 war das, galt der Komponist als genauso umstritten wie heute. Die Nationalsozialisten und ihre Vereinnahmung des Komponisten sowie die Verstrickung des Wagnerclans mit der braunen Elite machten einen unvoreingenommenen Umgang schwer.

          Nur an einem Ort der Welt blieb man unbekümmert: in Hollywood. Ob Komödien oder Thriller, Liebes- oder Kriegsfilme: Wagner war immer ein Zitat wert. Manchmal wurden Motive von Komponisten wie Dimitri Tiomkin oder Bernard Hermann subtil eingebunden, manchmal war der Meister selber zu hören. Das war schon vor dem Zweiten Weltkrieg so gewesen und blieb einfach auch nach dem Krieg so. Während überall sonst die Marke Wagner Schaden gelitten hatte, schien man davon in Hollywood keine Notiz zu nehmen.

          Es stellt sich die Frage, wo Wagner heute in Hollywood ist. Denn auf den ersten Blick haben sich die Rollen in den vergangenen fünfzig Jahren vertauscht: Die L.A. Opera hat schon vorletztes Jahr einen vielbeachteten „Ring des Nibelungen“ vorgestellt. Aber zehn Kilometer nordwestlich, in Hollywood, schien das Wagnerjahr unerhört zu verklingen. Tatsächlich aber denkt das heutige Hollywood stärker über sein Verhältnis zu Richard Wagner nach als die Zitierer der Jahrhundertmitte.

          Man ist kritischer geworden. Aber der Wagner, auf den man sich bezieht, wurde lebendiger. Er ist nicht bloß ein Motivgeber im Referenzbaukasten Hollywoods. Viele Regisseure verstehen heute, wie tief und wie neurotisch ihr Verhältnis zum Meister von Bayreuth ist.

          Bei Tarantino: Eine Wiedergeburt von Brünnhilde

          Quentin Tarantinos „Django Unchained“ erweist Wagner die Reverenz der Auslassung. Wagner wird zitiert, indem er nicht vorkommt. Christoph Waltz hat bestätigt, dass er Tarantino in die L.A. Opera mitnahm, als diese 2011 den „Ring“ gab. Tarantino scheint sehr wohl die Verwandtschaft von Gesamtkunstwerk und Hollywoodkino gespürt zu haben. Aber Tarantinos Film verfährt behutsam mit einem Komponisten, der häufig im Film ausgesprochen plakativ verwendet wird.

          Da ist zum einen die Szene, in der King Schultz (gespielt von Waltz) Django die Legende von Brünnhilde erzählt. Django ist auf der Suche nach seiner Frau, Broomhilda von Shaft, eine Wiedergeburt der Brünnhilde. „Django“ spielt 1859, und die möglichen Versionen der Geschichte, die Schultz eigentlich vortragen müsste, wären die des Nibelungenlieds oder der Völsunga Saga. Stattdessen aber bekommen wir eindeutig Wagners Version.

          Wie Richard Wagner ist Dr. King Schultz (Christoph Waltz, links) ein Emigrant der 1848er-Revolution. Im Gegensatz zu seinem Altersgenossen aber hat er sich nach Texas, nicht in die Schweiz gewandt.
          Wie Richard Wagner ist Dr. King Schultz (Christoph Waltz, links) ein Emigrant der 1848er-Revolution. Im Gegensatz zu seinem Altersgenossen aber hat er sich nach Texas, nicht in die Schweiz gewandt. : Bild: Sony Pictures

          Was hat diese Geschichte, die in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts nur als kleine Schrift im Freundeskreis des Komponisten zirkulierte, an einem Wildwest-Lagerfeuer zu suchen? Tarantino erklärt es nicht, und nur in diesem Modus existiert Wagner in „Django“ überhaupt: Wagner liegt dem Film auf der Zunge, wird aber niemals ausgesprochen. Sogar die Figur des King Schultz selbst evoziert Wagner, aber eben einen ganz anderen Wagner als den Antisemiten, Pessimisten und Reaktionär, der heute die Rezeption dominiert.

          Schultz ist ein Deutscher im Wilden Westen, eindeutig gebildet, aber in einem ihm neuen Metier tätig. Er ist genau wie Wagner einer jener „Achtundvierziger“, die nach der Revolution von 1848/49 aus Deutschland fliehen mussten - Wagner ins Schweizer Exil, Schultz nach Texas. Tarantinos Wagner ist der Feuerbach-Jünger, der die „Götterdämmerung“ herbeisehnt, das Untergehen des Untergangswürdigen - sei dies nun Walhalla oder Sklaverei.

          Nur wenige Szenen nach der Märchenstunde ist Django und Schultz der Ku-Klux-Klan auf den Fersen. Die Sequenz ist ein Zitat aus D. W. Griffiths KKK-Klassiker „Birth of a Nation“ (1915), dem wohl rassistischsten Film des amerikanischen Kinos. Im Original ist der Ausritt des Klans untermalt mit Wagners „Walkürenritt“. Tarantino aber schlägt eine Finte und bedient sich beim im gleichen Jahr geborenen Verdi: Nicht die Walküren, das „Dies Irae“ aus Verdis Requiem begleitet die Sequenz. Keine Lobeshymne auf Kampf und Tod also, sondern das zitternde Herbeisehnen „jenes Tages“, an dem Unrecht endgültig gerichtet wird.

          Tarantinos Wagner ist ein zorniger Revolutionär, und Tarantino benutzt ihn, um mit Hollywoods Schuld in der amerikanischen Rassenfrage ins Gericht zu gehen. Das ist die Aufgabe, die sich Tarantino stellt: Kann man Griffith mit Wagner austreiben?

          Zum Raum wird hier die Zeit

          Auch Terrence Malick, dessen „To the Wonder“ im vergangenen Mai in deutsche Kinos kam, verfährt behutsam mit Wagner. Malicks bislang persönlichster Film erzählt von der Liebe eines Amerikaners und einer in Frankreich lebenden Ukrainerin, vom Wunder der Liebe und dem Wunder ihres Scheiterns.

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