http://www.faz.net/-gqz-xvrg

Apologie des Privatgelehrten : Was vom Idealismus übrig blieb

  • -Aktualisiert am

Gast einer Institution, deren Sinn er am reinsten verkörpert: der Privatgelehrte Bild: Felix Seuffert

Privatgelehrte sind meist Randfiguren eines leergelaufenen akademischen Betriebs. Ihre Freiheit bezahlen sie mit Einsamkeit und Lebensnot. Dabei könnten sie der Universität zeigen, was einmal ihre Ziele gewesen sind.

          Künstlerischen Darstellungen des „Denkers“ wohnt oft ein heroisches Moment inne, das der Tätigkeit des Denkens zutiefst widerspricht. Ob Denken überhaupt eine Tätigkeit genannt werden kann, ist keineswegs ausgemacht. Obwohl es nicht auskommt ohne das besondere Subjekt, das denkt, ist es, wo es substantiell wird, eher etwas, das dem Denkenden geschieht, als etwas, das dieser bloß täte. Deshalb werden wahrhafte Gedanken vom Denkenden als paradox erfahren. Zwar empfindet er sie stärker als sein Eigentum denn das Produkt irgendeiner anderen Arbeit, und doch scheinen sie dagewesen zu sein, bevor er sie dachte: eher Fundstücke als Schöpfungen.

          Im entrückten Blick, der den pragmatischen Lebenszusammenhang überschreitet, anders als der Blick des Träumers aber konzentriert und entschlossen ist, fasst die populäre Ikonographie dieses Paradox zusammen. Zugleich aber figuriert der Denker, exemplarisch in Rodins berühmter Skulptur, oft als nach innen gewendeter Heros. In sich versunken, blickt er, das Kinn auf den Handrücken gestützt, gleichsam seine Gedanken an, denen er sich eher konfrontiert, als ihnen nachzuhängen.

          Wert der Einsamkeit

          Dieser um sich selbst ringende Charakter, der dem Denken nachgesagt wird, klingt auch in Humboldts Formel von der Einsamkeit und Freiheit des Wissenschaftlers an, die in ihrem Pathos auf mehr zielt als auf dessen Freistellung vom höfischen und klerikalen Dienst. Vielmehr ist die Beschwörung der Einsamkeit des Denkers auch als Kompensation seiner tatsächlichen Ohnmacht zu verstehen. Anders als das Alleinsein, das einen Zustand der Privation bezeichnet und wenig Heldenhaftes hat, wirft die Einsamkeit einen idealistischen Mehrwert ab: Wer einsam ist, ist im Grunde gar nicht allein, weil er dem Alleinsein einen höheren Sinn abtrotzt.

          So gewiss der Idealismus, der in diesem Pathos mitschwingt, die Anerkennung einer autonomen Sphäre des Geistes erst ermöglichte, so sehr deutet sich in ihm schon bei Humboldt eine Ahnung von der Unvereinbarkeit solchen Denkens mit dem Begriff gesellschaftlich nützlicher Arbeit an. Da man den Denker nicht wirklich gebrauchen, aber auch nicht auf ihn verzichten kann, wird sein Außenseiterstatus ihm als Auszeichnung gutgeschrieben: Von den Meriten, die dabei abfallen, haben die Geisteswissenschaften lange Zeit gezehrt.

          Doch je eklatanter unter dem Druck von Evaluierung und Drittmittelerwerb der Widerspruch zwischen der behaupteten Autonomie des Geistes und den Versuchen wird, dessen Nützlichkeit zu beweisen, desto mehr gerät die Formel von „Einsamkeit und Freiheit“ zur Drohung. Wer als geistig arbeitender Mensch frei sein will, muss auf den Schutz durch die Institution verzichten und wird mit einer Einsamkeit bestraft, die nicht mehr zur Auszeichnung umgemünzt werden kann.

          Eine anachronistische Figur

          Weitere Themen

          Darf man mit Sarrazin diskutieren?

          Meinungsfreiheit : Darf man mit Sarrazin diskutieren?

          Zu einem Seminar über Meinungsfreiheit habe ich Thilo Sarrazin und Marc Jongen eingeladen. Meine Universität hat mir dafür die Mittel gestrichen. Warum ich trotzdem an der Einladung festhalte. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Nach jahrelangem Streit : Amazon-Streik nun vor Bundesarbeitsgericht

          Der Online-Handelsriese Amazon will eigentlich überhaupt keinen Streik dulden – schon gar nicht auf seinem Firmengelände. Deshalb zieht er nun bis vor das Bundesarbeitsgericht. Der Fall hat grundlegende Bedeutung, sagen Juristen.

          Nach der Acosta-Affäre : Trumps Verständnis von Anstand

          CNN-Reporter Jim Acosta ist zurück im Weißen Haus. Sein kurzzeitiger Rauswurf hat Konsequenzen für alle. Donald Trump setzt nun nämlich Regeln für die Presse auf. Manche Zeitung fragt, ob Acosta den Medien nicht einen Bärendienst erwies.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.