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Veröffentlicht: 05.02.2011, 17:25 Uhr

Apologie des Privatgelehrten Was vom Idealismus übrig blieb

Privatgelehrte sind meist Randfiguren eines leergelaufenen akademischen Betriebs. Ihre Freiheit bezahlen sie mit Einsamkeit und Lebensnot. Dabei könnten sie der Universität zeigen, was einmal ihre Ziele gewesen sind.

von Magnus Klaue
© Felix Seuffert Gast einer Institution, deren Sinn er am reinsten verkörpert: der Privatgelehrte

Künstlerischen Darstellungen des „Denkers“ wohnt oft ein heroisches Moment inne, das der Tätigkeit des Denkens zutiefst widerspricht. Ob Denken überhaupt eine Tätigkeit genannt werden kann, ist keineswegs ausgemacht. Obwohl es nicht auskommt ohne das besondere Subjekt, das denkt, ist es, wo es substantiell wird, eher etwas, das dem Denkenden geschieht, als etwas, das dieser bloß täte. Deshalb werden wahrhafte Gedanken vom Denkenden als paradox erfahren. Zwar empfindet er sie stärker als sein Eigentum denn das Produkt irgendeiner anderen Arbeit, und doch scheinen sie dagewesen zu sein, bevor er sie dachte: eher Fundstücke als Schöpfungen.

Im entrückten Blick, der den pragmatischen Lebenszusammenhang überschreitet, anders als der Blick des Träumers aber konzentriert und entschlossen ist, fasst die populäre Ikonographie dieses Paradox zusammen. Zugleich aber figuriert der Denker, exemplarisch in Rodins berühmter Skulptur, oft als nach innen gewendeter Heros. In sich versunken, blickt er, das Kinn auf den Handrücken gestützt, gleichsam seine Gedanken an, denen er sich eher konfrontiert, als ihnen nachzuhängen.

Wert der Einsamkeit

Dieser um sich selbst ringende Charakter, der dem Denken nachgesagt wird, klingt auch in Humboldts Formel von der Einsamkeit und Freiheit des Wissenschaftlers an, die in ihrem Pathos auf mehr zielt als auf dessen Freistellung vom höfischen und klerikalen Dienst. Vielmehr ist die Beschwörung der Einsamkeit des Denkers auch als Kompensation seiner tatsächlichen Ohnmacht zu verstehen. Anders als das Alleinsein, das einen Zustand der Privation bezeichnet und wenig Heldenhaftes hat, wirft die Einsamkeit einen idealistischen Mehrwert ab: Wer einsam ist, ist im Grunde gar nicht allein, weil er dem Alleinsein einen höheren Sinn abtrotzt.

So gewiss der Idealismus, der in diesem Pathos mitschwingt, die Anerkennung einer autonomen Sphäre des Geistes erst ermöglichte, so sehr deutet sich in ihm schon bei Humboldt eine Ahnung von der Unvereinbarkeit solchen Denkens mit dem Begriff gesellschaftlich nützlicher Arbeit an. Da man den Denker nicht wirklich gebrauchen, aber auch nicht auf ihn verzichten kann, wird sein Außenseiterstatus ihm als Auszeichnung gutgeschrieben: Von den Meriten, die dabei abfallen, haben die Geisteswissenschaften lange Zeit gezehrt.

Doch je eklatanter unter dem Druck von Evaluierung und Drittmittelerwerb der Widerspruch zwischen der behaupteten Autonomie des Geistes und den Versuchen wird, dessen Nützlichkeit zu beweisen, desto mehr gerät die Formel von „Einsamkeit und Freiheit“ zur Drohung. Wer als geistig arbeitender Mensch frei sein will, muss auf den Schutz durch die Institution verzichten und wird mit einer Einsamkeit bestraft, die nicht mehr zur Auszeichnung umgemünzt werden kann.

Eine anachronistische Figur

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