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Apologie des Privatgelehrten Was vom Idealismus übrig blieb

 ·  Privatgelehrte sind meist Randfiguren eines leergelaufenen akademischen Betriebs. Ihre Freiheit bezahlen sie mit Einsamkeit und Lebensnot. Dabei könnten sie der Universität zeigen, was einmal ihre Ziele gewesen sind.

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Künstlerischen Darstellungen des „Denkers“ wohnt oft ein heroisches Moment inne, das der Tätigkeit des Denkens zutiefst widerspricht. Ob Denken überhaupt eine Tätigkeit genannt werden kann, ist keineswegs ausgemacht. Obwohl es nicht auskommt ohne das besondere Subjekt, das denkt, ist es, wo es substantiell wird, eher etwas, das dem Denkenden geschieht, als etwas, das dieser bloß täte. Deshalb werden wahrhafte Gedanken vom Denkenden als paradox erfahren. Zwar empfindet er sie stärker als sein Eigentum denn das Produkt irgendeiner anderen Arbeit, und doch scheinen sie dagewesen zu sein, bevor er sie dachte: eher Fundstücke als Schöpfungen.

Im entrückten Blick, der den pragmatischen Lebenszusammenhang überschreitet, anders als der Blick des Träumers aber konzentriert und entschlossen ist, fasst die populäre Ikonographie dieses Paradox zusammen. Zugleich aber figuriert der Denker, exemplarisch in Rodins berühmter Skulptur, oft als nach innen gewendeter Heros. In sich versunken, blickt er, das Kinn auf den Handrücken gestützt, gleichsam seine Gedanken an, denen er sich eher konfrontiert, als ihnen nachzuhängen.

Wert der Einsamkeit

Dieser um sich selbst ringende Charakter, der dem Denken nachgesagt wird, klingt auch in Humboldts Formel von der Einsamkeit und Freiheit des Wissenschaftlers an, die in ihrem Pathos auf mehr zielt als auf dessen Freistellung vom höfischen und klerikalen Dienst. Vielmehr ist die Beschwörung der Einsamkeit des Denkers auch als Kompensation seiner tatsächlichen Ohnmacht zu verstehen. Anders als das Alleinsein, das einen Zustand der Privation bezeichnet und wenig Heldenhaftes hat, wirft die Einsamkeit einen idealistischen Mehrwert ab: Wer einsam ist, ist im Grunde gar nicht allein, weil er dem Alleinsein einen höheren Sinn abtrotzt.

So gewiss der Idealismus, der in diesem Pathos mitschwingt, die Anerkennung einer autonomen Sphäre des Geistes erst ermöglichte, so sehr deutet sich in ihm schon bei Humboldt eine Ahnung von der Unvereinbarkeit solchen Denkens mit dem Begriff gesellschaftlich nützlicher Arbeit an. Da man den Denker nicht wirklich gebrauchen, aber auch nicht auf ihn verzichten kann, wird sein Außenseiterstatus ihm als Auszeichnung gutgeschrieben: Von den Meriten, die dabei abfallen, haben die Geisteswissenschaften lange Zeit gezehrt.

Doch je eklatanter unter dem Druck von Evaluierung und Drittmittelerwerb der Widerspruch zwischen der behaupteten Autonomie des Geistes und den Versuchen wird, dessen Nützlichkeit zu beweisen, desto mehr gerät die Formel von „Einsamkeit und Freiheit“ zur Drohung. Wer als geistig arbeitender Mensch frei sein will, muss auf den Schutz durch die Institution verzichten und wird mit einer Einsamkeit bestraft, die nicht mehr zur Auszeichnung umgemünzt werden kann.

Eine anachronistische Figur

Evident wird dies an den Verfallsformen eines Typus, in dessen Skurrilität immer auch ein Moment von Autonomie steckte: des Privatgelehrten. Seine akademischen Erben sind der Emeritus, der Privatdozent und der Lehrbeauftragte. Gemeinsam ist ihnen, dass sie in der Institution, deren Sinn sie in gewisser Weise am reinsten verkörpern, doch nur Gäste sind. Besonders flagrant ist dieser Exotenstatus beim Privatgelehrten selbst, der stets im Ruch des Dilettantismus stand. Noch heute stellt man ihn sich vor, wie er im Biedermeier porträtiert worden ist: als Privatier, der seine Tätigkeit entweder mit ökonomischen Entbehrungen erkauft oder aus seinem Vermögen finanziert und über keine zureichende akademische Qualifikation verfügt, obwohl er den akademisch Approbierten überlegen ist. Mögen die Universitäten seinem Denken auch mitunter eine Bühne bieten, ist er doch abgeschnitten vom ordentlichen Lehrbetrieb.

Gleichzeitig ist er unfähig, aus seinem Dasein eine Ich-AG zu machen. Da es ihm bei allem, was er tut, zuerst um die Sache geht, hat er kein Talent zum Selbstmarketing. Weil er nicht taktieren kann und Wittgensteins Maxime teilt, wonach Ehrgeiz der Tod des Denkens ist, besitzt er weder Ambitionen noch Chancen, im wissenschaftlichen Betrieb Karriere zu machen. So ist er nicht erst im Rückblick eine anachronistische Figur. Von der Geschichte überholt worden zu sein gehört zu seiner geistigen Physiognomie.

Das Wesentliche findet in der Freizeit statt

Sein Anachronismus rückt den Privatgelehrten sowohl in die Nähe zum Märtyrer wie zum Narren. Nietzsche, dessen freiwilliger Rückzug von seinen akademischen Ämtern als emphatisches Bekenntnis zur Einheit von Freiheit und Privation verstanden werden kann, hat in sich selbst beides zugleich gesehen. Andere, die der Typologie des Privatgelehrten in der Realität nahe gekommen sind, haben auf den Versuch verzichtet, die Einheit der Extreme zu verwirklichen, und sich in Selbstbescheidung geübt. Wittgenstein, ebenfalls Erbe und Privatier, arbeitete als Lehrer und Gärtner, bevor er sich ins Privatleben zurückzog. Der Sprachphilosoph Fritz Mauthner, einer der mit größtem Unrecht Vergessenen des späten neunzehnten Jahrhunderts, war Romancier und Journalist.

Den übrig gebliebenen Vertretern des Typus steht heute allein der Weg der Bescheidenheit offen: Entweder sie zehren von dem, was sie durch Herkunft, Glück oder Verdienst ansammeln konnten, um die Ergebnisse ihrer Arbeit einem Markt zur Verfügung zu stellen, der nichts honoriert, was nicht durch akademische oder mediale Weihen abgesegnet worden ist. Oder sie finanzieren sich durch eine Tätigkeit, die ihnen Kraft und Zeit nimmt, zu tun, was sie als ihre Bestimmung empfinden, ihnen aber doch erlaubt, Fragmente davon zu verwirklichen. In beiden Fällen schrumpft das Wichtigste zur Freizeitbeschäftigung zusammen.

Lehrzwang des Titels halber

Dass dieses Syndrom nicht mehr nur die ohnehin Abgehängten, sondern das universitäre Leben selbst betrifft, wissen die akademischen Nachfolger des Privatgelehrten, die Emeriti, Privatdozenten und Lehrbeauftragten, nur zu gut. Am besten geht es noch dem Emeritus, hat er doch eine Karriere hinter sich, die dem originären Privatgelehrten nie offenstand. Sein Privatgelehrtenstatus ist gleichsam der Lohn für den fast lebenslangen Verzicht darauf. Nun kann er verwirklichen, wofür Lehrroutine und Gremienarbeit ihm die Zeit genommen haben. Doch die Institution, die ihm nach seinem Ausscheiden erlaubt, was sie während seiner Dienstzeit verhindert hat, dankt ihm seine nachgetragenen Leistungen nicht.

Wie das Zeremoniell der Festschrift längst zur Textabladestelle heruntergekommen ist, hat auch der Emeritus im universitären Alltag kaum noch Platz. Die einzige Legitimation seiner Anwesenheit besteht in seiner Entlastungsfunktion. Sofern er weiterhin lehrt, reduziert er die Personalkosten, und sein Name vermag einem in Bürokratie und Routine erstarrten Betrieb eine Art postume Aura zu verleihen. Ansonsten aber hat er nicht viel zu melden. Sein Dienstzimmer muss er mit Schicksalsgenossen teilen, die Bibliotheksangestellten kennen weder sein Gesicht noch seine Schriften, und das modularisierte Studiensystem hat für seine obskuren Spezialitäten keinen Ort. So wird er zu dem Relikt gemacht, als das er dann bei Bedarf verspottet werden kann.

Freiheit als Lebensnot

Privatdozenten und Lehrbeauftragte sind im Grunde nichts anderes als Emeriti vor Dienstantritt. Beide können sich freuen, für ihre Arbeit überhaupt honoriert zu werden, und beide stehen unter ständigem institutionellen Druck. Wie die sogenannte Titellehre Habilitierte ohne ordentliche Professur in vielen Bundesländern zwecks Erhalts ihres akademischen Grads zur unentlohnten Lehre zwingt, müssen Promovierte, die keine Postdoktorandenstelle ergattern konnten, wegen des bei vielen Stellenausschreibungen erwünschten Nachweises von Lehrerfahrung gegebenenfalls unbezahlte Lehraufträge annehmen. Selbst die honorierten indes bringen hierzulande nicht mehr als 500 bis 1500 Euro pro Semester ein.

Der Lebensunterhalt muss also durch Stellenvertretungen, Projektmitarbeit, außeruniversitäre Lohnarbeit, eigene Rücklagen oder das Einkommen des Partners gedeckt werden. So werden Habilitierte ohne Professur und Promovierte ohne Postdoc-Stelle in der Mitte ihres Lebens zu denselben Dinosauriern gemacht, als die sich die Emeriti nach Ende ihrer Dienstzeit fühlen - ebenso überflüssig, nur mit weniger Geld. Ohne ihre im Grunde ehrenamtliche Tätigkeit könnte sich das ganze System nicht mehr finanzieren.

Die Emphase der Zweckfreiheit, die das akademische Milieu im Typus des skurrilen Gelehrten zwar verlacht, aber auch zu ihrem Recht gebracht hat, wird dabei nur noch als Störfaktor wahrgenommen. Wer mit vierzig nicht Fuß gefasst hat, mit dessen Lebensplanung kann etwas nicht stimmen. Alter gilt nicht mehr als möglicher Index von Erfahrung, sondern als Index von Wertverlust, während der Betrieb, der sich so viel auf seine Effizienz zugutehält, in sich selbst immer nutzloser wird. Was er vielleicht einmal wollte, verkörpern am ehesten diejenigen, denen er die Tür weist und die in einer Zeit, die Humboldt allenfalls als Floskellieferanten kennt, ihre Einsamkeit und Freiheit als Lebensnot erfahren.

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