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Angeblicher Plagiatsfall Steinmeier : Rufmord darf sich nicht lohnen

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Die Doktorarbeit von Frank-Walter Steinmeier: „Bürger ohne Obdach: zwischen Pflicht zur Unterkunft und Recht auf Wohnraum; Tradition und Perspektiven staatlicher Intervention zur Verhinderung und Beseitigung von Obdachlosigkeit“, eingereicht 1991 an der Uni Gießen Bild: dpa

Die Bekämpfung von Plagiaten erfolgt an deutschen Universitäten ohne verbindliche Maßstäbe. Der Fall „Frank-Walter Steinmeier“ ist in Wahrheit ein Fall Uwe Kamenz.

          Als die Anti-Plagiats-Kampagnen starteten, waren die absehbaren Kollateralschäden kaum bewusst, zu spektakulär waren die Abstürze der Überführten, zu drastisch das eine oder andere Plagiat. Immer schon verdächtig war die primäre Zielgruppe promovierter Politiker, die Anonymität der Vorwürfe und die softwaregestützte Überführung. Unberücksichtigt blieben jene, die nun mit den Folgen zu leben haben: die gegenwärtigen Promovenden.

          Plagiate sind schlimm, wenn damit wissenschaftliche und künstlerische Arbeiten gemeint sind, deren Substanz zu umfangreichen und wesentlichen Teilen von anderen Urhebern „geklaut“ wurden, ohne dass die entsprechenden Passagen oder der Gesamteinfluss in der üblichen Weise durch Zitation oder Würdigung kenntlich gemacht worden sind. Mit einem Plagiat kommt jemand zu Anerkennung und Status nicht durch eigene Kopfarbeit, sondern durch unkenntlich gemachte fremde. Am Anfang einer wissenschaftlichen Laufbahn stand eine gezielte Täuschung, die das Vertrauen der wissenschaftlichen Gemeinschaft missbraucht.

          Über das Ziel hinaus

          Zugleich sind auch viele ehrlich erworbene Doktortitel problematisch. Die Motive, einen Dr. Dings zu erwerben, haben mit wissenschaftlichen Ambitionen oft wenig zu tun, Betreuung und Qualitätskontrolle durch „Doktorväter“ (und -mütter) lassen vielfach zu wünschen übrig, die Inflationierung der Titelei entwertet auch exzellente Dissertationen. Und in den Fakultäten werden allzu oft Lieblingsschüler begünstigt und unkonventionelle Kandidaten ferngehalten.

          Das ist alles gründlicher Aufklärung und Reform wert. Doch spätestens mit dem Rücktritt der Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan hätte die sich ebenfalls inflationierende Plagiatsbekämpfung einer kritischen Revision unterzogen werden müssen. Die aktuellen Vorwürfe gegen Frank-Walter Steinmeiers Gießener Dissertation (lesenswert, weil sie 1991 rechts- und sozialwissenschaftliche Ansätze zur Obdachlosigkeit verband und ein „Recht auf Wohnraum“ postulierte) unterstreichen, wie sehr die Kampagne aus dem Ruder gelaufen ist und sich zur Gerüchteküche verselbständigt hat. Der selbsternannte Aufklärer aus Dortmund, Uwe Kamenz, agiert wie ein Kopfgeldjäger, arbeitet mit fragwürdigen Methoden und um eine eigene Plagiats-Software zu vertreiben. Hierüber muss geredet werden. Das Risiko, eines gezielten und womöglich bezahlten Rufmordes überführt zu werden, muss sich erhöhen.

          Wird jetzt der Jäger zum Gejagten? Der BWL-Professor Uwe Kamenz steht in der Kritik

          Die Deutsche Forschungsgemeinschaft empfiehlt für Vorwürfe anonymer Plagiatsjäger zu Recht, dass „eine zweckmäßige Untersuchung die Namensnennung des Whistleblowers“ grundsätzlich gebiete. Andernfalls bleibt es ein leichtes Unterfangen, das Ansehen ausgewählter Promovierter unrechtmäßig zu beschädigen. Oder um es anders auszudrücken: Die Legitimation, Plagiatsanschuldigungen zu erheben, sollte sich auf rein wissenschaftlichen und nicht finanziellen oder politischen Motiven begründen.

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