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Altertümliche Krisensemantik Die Rückkehr der Barbaren

 ·  Die „Barbaren“ haben wieder Einzug in die politische Rhetorik gehalten. Einer der Auslöser war Kanzlerin Angela Merkel.

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© Bergmann, Wonge Die Griechen zogen ihre Überlegenheit aus dem Sieg über die Perser, die sie als Barbaren sahen, hier dargestellt auf einem farbigen Relief im Frankfurter Liebighaus

Viele erkennen in der griechischen Schuldenkrise längst das gängige Schema einer antiken Tragödie, in der die Hybris des Protagonisten unweigerlich zu dessen Scheitern führt. Demnach kann die griechische Regierung tun und lassen, was sie will, der Austritt aus der Eurozone ist so oder so unabwendbar. Zu ausgiebig lebte man über seine Verhältnisse, zu gravierend waren die Fehler in der Haushalts- und Steuerpolitik sowie bei Löhnen und Renten. Ministerpräsident Antonis Samaras und sein Kabinett können sich eine derart fatalistische Sichtweise nicht zu eigen machen. Sie versuchen stattdessen die Bürger Griechenlands für ihren harten Reformkurs zu sensibilisieren. Doch der Zorn über weitreichende Kürzungen im öffentlichen Sektor, über das Sinken von Löhnen und Renten bleibt dominant. Im Gleichklang mit der linken Opposition und den Gewerkschaften haben die Protestler dabei ein antikes Deutungsmuster wiederbelebt: das „Barbarische“. Die Semantik des Begriffs ist reicher geworden, seine Idee aber unverändert: die Stilisierung des „Wir“ gegenüber den „Anderen“.

Inzwischen gehört die antike Vokabel fest zum öffentlichen Krisendiskurs - nicht zuletzt dank Alexis Tsipras, dem Vorsitzenden des erfolgreichen Wahlbündnisses Syriza. Immer wieder hat er die Auflagen, mit denen die Europäische Union der griechischen Wirtschaft auf die Beine helfen will, als „barbarisch“ gegeißelt. Die Reformversuche der Regierung waren für den Linken-Chef von Anfang an eine „Barbarei der Sparpolitik“. Einzig ihre Beendigung könne die Rettung Griechenlands, sprich: den Verbleib in der Eurozone, ermöglichen. An diesem Mittwoch nun will die Regierung weitere Kürzungen vom Parlament beschließen lassen, um die Forderungen der Troika zu erfüllen. Die Gewerkschaften sprechen von „barbarischen Maßnahmen“.

„Wer ist Herr Schäuble?“

Für die Hellenen, wie die antiken Griechen hießen, war „barbarisch“ beziehungsweise „Barbar“ ein Identifikationsmerkmal. Zunächst bezeichneten sie so einen „mit der einheimischen Sprache nicht vertrauten Ausländer“ oder ganz einfach einen „Nichtgriechen“. In nationalen Krisen wurde der Wortgebrauch jedoch schärfer. Das „Wir“ und die „Anderen“ bezogen sich nicht mehr nur auf die Sprache, sondern sie trafen Aussagen über Wertigkeiten, bisweilen Animositäten. Die Barbaren, so der französische Kulturwissenschaftler Tzvetan Todorov, existierten stets nur im Unterschied zum als zivilisiert entworfenen Selbstbild. Das Wort „trat in Gegensatz zu einem anderen Wort, und zusammen dienten sie dazu, die Völker der Welt in zwei ungleiche Teile einzuteilen: die Griechen, also ,wir’, und die Barbaren, das heißt ,die Anderen’, die Fremden“.

Diese antike Dichotomie erlebt gut 2500 Jahre später eine Renaissance. So wendete sich der griechische Staatspräsident Karolos Papoulias im Februar mit entsprechenden Worten an die Verfechter eines harten Griechenland-Kurses in der EU, zum Beispiel an den deutschen Finanzminister: „Ich akzeptiere nicht, dass Herr Schäuble mein Land verhöhnt, als Grieche akzeptiere ich das nicht. Wer ist Herr Schäuble, dass er Griechenland verhöhnt? Wer sind die Niederländer? Wer sind die Finnen?“ Schäuble hatte zuvor bekundet, die Euroländer seien weiterhin willens, Griechenland zu unterstützen. Gleichwohl könnten sie „nicht in ein Fass ohne Boden schütten“.

Die Griechen fühlten sich überlegen

“Als Grieche“, sagte Papoulias, akzeptiere er das nicht. Man darf annehmen, dass er die Formulierung mit Bedacht gewählt hat. Der Altphilologe Albrecht Dihle hat in seinem Buch „Die Griechen und die Fremden“ ein ähnliches Muster schon für das fünfte vorchristliche Jahrhundert skizziert. Mit Blick auf die damalige Erschütterung der griechischen Staatenwelt durch die Perser schrieb er: „Einem durchaus berechtigten Stolz auf die zahlreichen, überall anerkannten und nachgeahmten Errungenschaften griechischer Zivilisation sprach die politische Wirklichkeit fortwährend Hohn.“ Darauf habe eine politische Publizistik reagiert, die zur Einheit unter den Griechen aufgerufen habe, zum Krieg gegen den persischen Feind, zur Befreiung der Brüder in Milet und Ephesos.

Die Heere der Perserkönige erschienen den Griechen als Massen willenloser Sklaven, die von den um ihre Freiheit kämpfenden Griechen besiegt worden waren. So entwickelte sich ein Überlegenheitsgefühl der Griechen. Nur die politischen Strukturen ihrer Stadtstaaten, dachten sie, könnten ein Zusammenleben unter Freien und Gleichen ermöglichen. Selbst Hochkulturen wie die der Perser galten in diesem Punkt als barbarisch-rückständig. Aus der Knechtsnatur der Barbaren leiteten die Griechen ihren Herrschaftsanspruch über die Perser ab.

Ist Kanzlerin Merkel eine Perserin?

Nun fürchten die Griechen selbst die Knechtschaft. Die antike griechische Betrachtung der Perser und der griechische Blick auf die Europäische Union im Jahr 2012 liegen trotzdem nicht weit auseinander. Nach hellenischer Logik würde die deutsche Bundeskanzlerin wohl ins Gewand des Perserkönigs schlüpfen. Schließlich sind es deutsche Flaggen gewesen, die griechische Demonstranten in Brand steckten. Und es war die deutsche Kanzlerin, die auf Plakaten in Nazi-Uniform gezeigt wurde. Auch der jüngste Besuch Frau Merkels in Athen hat gezeigt: Viele Griechen fühlen sich vom erhobenen deutschen Zeigefinger gedemütigt. Die Bundeskanzlerin hat „Ländern wie Griechenland, Spanien und Portugal“ einmal vorgehalten, ihre Bürger gingen zu früh in Rente und hätten zu viel Urlaub. Dass diese Rhetorik Ressentiments schürt, ist wenig verwunderlich.

Vor 2400 Jahren rief die Bedrohung Griechenlands durch die Perser ganz ähnliche Reaktionen hervor. Eine Abneigung ihnen gegenüber sei damals vor allem durch die neuerliche Eingliederung der Griechenstädte Kleinasiens in das Perserreich 387 v. Chr. und das ständig wachsende Gewicht der persischen Diplomatie in der innergriechischen Politik entstanden, schreibt Dihle. Die Griechen seien jederzeit bereit gewesen, dieses Gefühl auf die ganze Barbarenwelt, selbst auf das verwandte Makedonien, zu übertragen.

Das eigene Volk ist immer das Beste

Die Römer übernahmen die Kategorie des Barbaren von den Griechen. Zunächst diente sie auch dort als neutrale Abgrenzung der eigenen Kultur von der Außenwelt. Krisenresistent war die sachliche Verwendung des Begriffs jedoch im Römischen Reich genauso wenig. Als dieses in der Spätantike zunehmend von Germanen, Hunnen und den persischen Sassaniden bedroht wurde, trat gleichsam das „Bild der gewalttätigen, grausam-hinterlistigen Barbaren“ hervor. „Der Krieg gegen sie“, schrieb der Historiker Wilfried Nippel, „verwischte sich ideologisch mitunter mit den Vorstellungen von einem Kampf gegen Räuber, bei dem grundsätzlich die Ebenbürtigkeit der Kontrahenten bestritten wurde, weshalb man sich zum Beispiel an Abmachungen nicht gebunden glaubte.“ Furchterlebnisse, sagt der Historiker Heinz Bellen, hätten „den Gang der römischen Geschichte nachhaltig beeinflusst“ und zu den ersten Präventivkriegen geführt.

Die Troika hat es schwer. Denn Gemeinwesen sind nicht im Handstreich zu ändern. Die Menschen wollten an ihren Gewohnheiten festhalten, so Herodot: „Wenn man alle Völker der Erde aufforderte, sich unter all den verschiedenen Sitten die trefflichsten auszuwählen, so würde jedes nach genauer Untersuchung doch die eigenen allen anderen vorziehen. So sehr ist jedes Volk davon überzeugt, dass seine Lebensformen die besten sind.“

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