http://www.faz.net/-gqz-7460d
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 09.11.2012, 20:52 Uhr

Altertümliche Krisensemantik Die Rückkehr der Barbaren

Die „Barbaren“ haben wieder Einzug in die politische Rhetorik gehalten. Einer der Auslöser war Kanzlerin Angela Merkel.

von Andreas Groth
© Bergmann, Wonge Die Griechen zogen ihre Überlegenheit aus dem Sieg über die Perser, die sie als Barbaren sahen, hier dargestellt auf einem farbigen Relief im Frankfurter Liebighaus

Viele erkennen in der griechischen Schuldenkrise längst das gängige Schema einer antiken Tragödie, in der die Hybris des Protagonisten unweigerlich zu dessen Scheitern führt. Demnach kann die griechische Regierung tun und lassen, was sie will, der Austritt aus der Eurozone ist so oder so unabwendbar. Zu ausgiebig lebte man über seine Verhältnisse, zu gravierend waren die Fehler in der Haushalts- und Steuerpolitik sowie bei Löhnen und Renten. Ministerpräsident Antonis Samaras und sein Kabinett können sich eine derart fatalistische Sichtweise nicht zu eigen machen. Sie versuchen stattdessen die Bürger Griechenlands für ihren harten Reformkurs zu sensibilisieren. Doch der Zorn über weitreichende Kürzungen im öffentlichen Sektor, über das Sinken von Löhnen und Renten bleibt dominant. Im Gleichklang mit der linken Opposition und den Gewerkschaften haben die Protestler dabei ein antikes Deutungsmuster wiederbelebt: das „Barbarische“. Die Semantik des Begriffs ist reicher geworden, seine Idee aber unverändert: die Stilisierung des „Wir“ gegenüber den „Anderen“.

Inzwischen gehört die antike Vokabel fest zum öffentlichen Krisendiskurs - nicht zuletzt dank Alexis Tsipras, dem Vorsitzenden des erfolgreichen Wahlbündnisses Syriza. Immer wieder hat er die Auflagen, mit denen die Europäische Union der griechischen Wirtschaft auf die Beine helfen will, als „barbarisch“ gegeißelt. Die Reformversuche der Regierung waren für den Linken-Chef von Anfang an eine „Barbarei der Sparpolitik“. Einzig ihre Beendigung könne die Rettung Griechenlands, sprich: den Verbleib in der Eurozone, ermöglichen. An diesem Mittwoch nun will die Regierung weitere Kürzungen vom Parlament beschließen lassen, um die Forderungen der Troika zu erfüllen. Die Gewerkschaften sprechen von „barbarischen Maßnahmen“.

„Wer ist Herr Schäuble?“

Für die Hellenen, wie die antiken Griechen hießen, war „barbarisch“ beziehungsweise „Barbar“ ein Identifikationsmerkmal. Zunächst bezeichneten sie so einen „mit der einheimischen Sprache nicht vertrauten Ausländer“ oder ganz einfach einen „Nichtgriechen“. In nationalen Krisen wurde der Wortgebrauch jedoch schärfer. Das „Wir“ und die „Anderen“ bezogen sich nicht mehr nur auf die Sprache, sondern sie trafen Aussagen über Wertigkeiten, bisweilen Animositäten. Die Barbaren, so der französische Kulturwissenschaftler Tzvetan Todorov, existierten stets nur im Unterschied zum als zivilisiert entworfenen Selbstbild. Das Wort „trat in Gegensatz zu einem anderen Wort, und zusammen dienten sie dazu, die Völker der Welt in zwei ungleiche Teile einzuteilen: die Griechen, also ,wir’, und die Barbaren, das heißt ,die Anderen’, die Fremden“.

Diese antike Dichotomie erlebt gut 2500 Jahre später eine Renaissance. So wendete sich der griechische Staatspräsident Karolos Papoulias im Februar mit entsprechenden Worten an die Verfechter eines harten Griechenland-Kurses in der EU, zum Beispiel an den deutschen Finanzminister: „Ich akzeptiere nicht, dass Herr Schäuble mein Land verhöhnt, als Grieche akzeptiere ich das nicht. Wer ist Herr Schäuble, dass er Griechenland verhöhnt? Wer sind die Niederländer? Wer sind die Finnen?“ Schäuble hatte zuvor bekundet, die Euroländer seien weiterhin willens, Griechenland zu unterstützen. Gleichwohl könnten sie „nicht in ein Fass ohne Boden schütten“.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ökonomie in Schockstarre Griechenlands Wirtschaft bröckelt an allen Ecken

Griechenlands Wirtschaft steht auf tönernen Füßen. Nichts funktioniert. Die Regierung Tsipras knüpft an die Vorgänger an: Sie versagt auf ganzer Linie. Mehr Von Richard Fraunberger

18.07.2016, 12:51 Uhr | Wirtschaft
Terror in Frankreich Weltweites Entsetzen über Anschlag von Nizza

Politiker aus aller Welt haben mit Bestürzung und Wut auf die Attacke von Nizza reagiert, bei der mehr als 80 Menschen getötet wurden. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sprach von einem barbarischen Akt, in der Downing Street in London wurden die Flaggen auf Halbmast gesetzt. Mehr

15.07.2016, 16:49 Uhr | Politik
Rechnungshofbericht Tote Seelen unter Spaniens Rentnern

Griechische Verhältnisse in Spanien? Laut einem Bericht des Rechnungshofes haben fast 30.000 verstorbene Spanier weiterhin Renten bezogen. Mehr Von Leo Wieland, Madrid

24.07.2016, 17:49 Uhr | Wirtschaft
Streitthema Rente Nahles will Ostrenten in zwei Stufen bis 2020 angleichen

Mit einem neuen Gesetzt will Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles die Renten in Ostdeutschland bis zum Jahr 2020 in zwei Stufen auf das Westniveau anheben. Mehr

21.07.2016, 17:11 Uhr | Wirtschaft
Lohngleichheitsgesetz Schwesig ringt Kanzleramt Zugeständnisse ab

Das Lohngleichheitsgesetz soll Mitarbeitern einen Rechtsanspruch verschaffen, den Durchschnittslohn von je fünf Kollegen zu erfahren. Ob es soweit kommt? Familienministerin Schwesig steht jetzt vor einem Etappenerfolg. Mehr Von Dietrich Creutzburg, Berlin

15.07.2016, 21:23 Uhr | Wirtschaft
Glosse

Merkels Trotz

Von Christian Geyer

Dass die Kanzlerin ihre Pressekonferenz dazu nutzte, sich als Rechthaberin zu inszenieren, war unsouverän, instinktlos und in der Sache falsch. Mehr 1456

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“