Home
http://www.faz.net/-gso-7460d
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Altertümliche Krisensemantik Die Rückkehr der Barbaren

Die „Barbaren“ haben wieder Einzug in die politische Rhetorik gehalten. Einer der Auslöser war Kanzlerin Angela Merkel.

© Bergmann, Wonge Vergrößern Die Griechen zogen ihre Überlegenheit aus dem Sieg über die Perser, die sie als Barbaren sahen, hier dargestellt auf einem farbigen Relief im Frankfurter Liebighaus

Viele erkennen in der griechischen Schuldenkrise längst das gängige Schema einer antiken Tragödie, in der die Hybris des Protagonisten unweigerlich zu dessen Scheitern führt. Demnach kann die griechische Regierung tun und lassen, was sie will, der Austritt aus der Eurozone ist so oder so unabwendbar. Zu ausgiebig lebte man über seine Verhältnisse, zu gravierend waren die Fehler in der Haushalts- und Steuerpolitik sowie bei Löhnen und Renten. Ministerpräsident Antonis Samaras und sein Kabinett können sich eine derart fatalistische Sichtweise nicht zu eigen machen. Sie versuchen stattdessen die Bürger Griechenlands für ihren harten Reformkurs zu sensibilisieren. Doch der Zorn über weitreichende Kürzungen im öffentlichen Sektor, über das Sinken von Löhnen und Renten bleibt dominant. Im Gleichklang mit der linken Opposition und den Gewerkschaften haben die Protestler dabei ein antikes Deutungsmuster wiederbelebt: das „Barbarische“. Die Semantik des Begriffs ist reicher geworden, seine Idee aber unverändert: die Stilisierung des „Wir“ gegenüber den „Anderen“.

Inzwischen gehört die antike Vokabel fest zum öffentlichen Krisendiskurs - nicht zuletzt dank Alexis Tsipras, dem Vorsitzenden des erfolgreichen Wahlbündnisses Syriza. Immer wieder hat er die Auflagen, mit denen die Europäische Union der griechischen Wirtschaft auf die Beine helfen will, als „barbarisch“ gegeißelt. Die Reformversuche der Regierung waren für den Linken-Chef von Anfang an eine „Barbarei der Sparpolitik“. Einzig ihre Beendigung könne die Rettung Griechenlands, sprich: den Verbleib in der Eurozone, ermöglichen. An diesem Mittwoch nun will die Regierung weitere Kürzungen vom Parlament beschließen lassen, um die Forderungen der Troika zu erfüllen. Die Gewerkschaften sprechen von „barbarischen Maßnahmen“.

„Wer ist Herr Schäuble?“

Für die Hellenen, wie die antiken Griechen hießen, war „barbarisch“ beziehungsweise „Barbar“ ein Identifikationsmerkmal. Zunächst bezeichneten sie so einen „mit der einheimischen Sprache nicht vertrauten Ausländer“ oder ganz einfach einen „Nichtgriechen“. In nationalen Krisen wurde der Wortgebrauch jedoch schärfer. Das „Wir“ und die „Anderen“ bezogen sich nicht mehr nur auf die Sprache, sondern sie trafen Aussagen über Wertigkeiten, bisweilen Animositäten. Die Barbaren, so der französische Kulturwissenschaftler Tzvetan Todorov, existierten stets nur im Unterschied zum als zivilisiert entworfenen Selbstbild. Das Wort „trat in Gegensatz zu einem anderen Wort, und zusammen dienten sie dazu, die Völker der Welt in zwei ungleiche Teile einzuteilen: die Griechen, also ,wir’, und die Barbaren, das heißt ,die Anderen’, die Fremden“.

Diese antike Dichotomie erlebt gut 2500 Jahre später eine Renaissance. So wendete sich der griechische Staatspräsident Karolos Papoulias im Februar mit entsprechenden Worten an die Verfechter eines harten Griechenland-Kurses in der EU, zum Beispiel an den deutschen Finanzminister: „Ich akzeptiere nicht, dass Herr Schäuble mein Land verhöhnt, als Grieche akzeptiere ich das nicht. Wer ist Herr Schäuble, dass er Griechenland verhöhnt? Wer sind die Niederländer? Wer sind die Finnen?“ Schäuble hatte zuvor bekundet, die Euroländer seien weiterhin willens, Griechenland zu unterstützen. Gleichwohl könnten sie „nicht in ein Fass ohne Boden schütten“.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Aufgeflogen Reiche Griechen tarnen ihre Schwimmbäder mit Militärplanen

Neuester Trick reicher Griechen, um weniger Steuern zu zahlen: Sie überdecken mit Militär-Tarnplanen und Netzen ihre Schwimmbäder. Bei Kontrollen sind die Planen jetzt aufgefallen. Mehr

18.09.2014, 14:09 Uhr | Wirtschaft
Mit einem Mausklick zum Rom-Pilger

Die Forschungsarbeit der Berliner Humboldt-Universität ermöglicht einen neuen Blick: Sie verbildlichen die mehr als tausendjährige Geschichte des römischen Forums als Architektursimulation. Mehr

17.09.2014, 16:42 Uhr | Feuilleton
Phantomrenten Griechenland zahlt keine Renten mehr an Tote

Illegal ausgezahlte Renten und Pensionen haben den griechischen Staat in den vergangenen 15 Jahren fast fünf Milliarden Euro gekostet. Jetzt hat Athen die Auszahlung solcher Phantomrenten gestoppt. Mehr

17.09.2014, 11:06 Uhr | Wirtschaft
Deutschland bleibt der Anker in der Eurozone

Ganz nüchtern lasse sich feststellen, dass Deutschland der Wachstumsmotor in der Euro-Zone bleibt, sagte Bundeskanzlerin Merkel in der Generaldebatte des Bundestages. Mehr

25.06.2014, 10:59 Uhr | Politik
Digitales Forum Romanum Ein Bogen für die Schmach Kleopatras

Die Berliner Humboldt-Universität hat das Forum in Rom digital rekonstruiert: ein Lernort, an dem man mit einem Mausklick durch Epochen springt. Sechs verschiedene Bauzustände lassen sich durchwandern. Mehr

16.09.2014, 16:46 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.11.2012, 20:52 Uhr

Putins Versteher

Von Michael Hanfeld

Ukrainische Rebellentruppen mit SS-Symbolen: Das ZDF zeigte in einer kurzen Bildsequenz nationalistische Kämpfer. Die Linkspartei übt Kritik an einem angeblich einseitigen Journalismus. Mehr