Home
http://www.faz.net/-gso-nxbr
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Alfred Russel Wallace Im Schatten Darwins

03.08.2003 ·  Fast hätte er Darwin um den Ruhm gebracht, als erster auf den Evolutionsgedanken gestoßen zu sein: Alfred Russel Wallace, dem erst knapp neunzig Jahre nach seinem Tod im Jahr 1913 die ersten stattlichen Biographien gewidmet werden.

Von Thomas Weber
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Als Charles Darwin an einem Tag im Juni 1858 seine Post durchsah, fand er darin ein kleines von Alfred Russel Wallace (1823-1913) auf der Insel Ternate im indonesischen Archipel aufgegebenes Päckchen. Wallace war Darwin als talentierter und unerschrockener Sammler seltener Tiere in den Tropen bekannt. Ein Jahr zuvor hatte er Wallace um die Häute einiger tropischer Hühnervögel gebeten. Das Päckchen enthielt aber nicht die erwarteten Stücke: Statt dessen sah sich Darwin einem Manuskript gegenüber, das sein Leben ändern sollte: Wallace stellte darin eine Theorie des Artenwandels vor, die mit Darwins Theorie der natürlichen Auslese nahezu identisch war. Darwin mußte nun mit seiner seit nahezu 30 Jahren gehegten und nur engsten Freunden bekannten Theorie übereilt an die Öffentlichkeit. Am 1. Juli 1858 wurde der Londoner Linnean Society Wallaces und Darwins Theorie vorgestellt, und Darwin vollendete in den folgenden Monaten in aller Eile sein Werk "The Origin of Species" (1859), während Wallace noch bis 1862 in Südostasien blieb und die erste Welle der Aufregung um die Evolutionstheorie versäumte.

In der Wissenschaftsgeschichte stand der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Wallace immer im Schatten des mit allen sozialen und finanziellen Privilegien ausgestatteten Darwin. Während die Erforschung seines Lebens und Werks eine wahre "Darwin-Industrie" entstehen ließ, haben sich nur wenige Arbeiten mit Wallace und den Hintergründen und Bedingungen seiner Forschungen beschäftigt. Beinahe neunzig Jahre nach seinem Tod wurde ihm unlängst eine angemessene Biographie gewidmet (Peter Raby, Alfred Russel Wallace. A Life, Chatto and Windus, 2001). Bisher wurde auch das soziale und politische Engagement von Wallace vernachlässigt, erst kürzlich ist seine Variante der Evolutionstheorie mit dem Denken des britischen Frühsozialisten Robert Owen in Verbindung gebracht worden (Greta Jones, "Alfred Russel Wallace, Robert Owen, and the theory of natural selection", in: British Journal for the History of Science, Bd. 35, März 2002).

Herausforderungen für den Biographen

Großen Ehrgeiz zeigt nun auch Michael Shermer, Gründer der amerikanischen "Skeptics Society" und unermüdlicher Kämpfer für eine säkulare und rationale Gesellschaft. In einer vielbeachteten Untersuchung stellt er Wallaces wissenschaftliche Leistungen ausführlich dar, berücksichtigt aber auch all jene Elemente von Wallaces Leben, die schon immer eine uneingeschränkte Bewunderung dieser Gestalt schwierig machten und für jeden Biographen eine Herausforderung sein müssen - beispielsweise seine Vorstellung, eine höhere Macht leite die Evolution des Menschen, seine Hingabe an den Spiritualismus oder sein heftiger Widerstand gegen Impfprogramme und seine Parteinahme für die Verstaatlichung der Landwirtschaft (Michael Shermer, In Darwin's Shadow. The Life and Science of Alfred Russel Wallace, Oxford University Press, 2002).

Inspiriert von Frank Sulloways kontroversem Buch "Born to Rebel.Birth Order, Family Dynamics, and Creative Lives" (Pantheon Books, 1996), versucht sich Shermer an einer wissenschaftlichen Psychobiographie von Wallace. Sulloways These lautete, daß ein einziger Faktor wissenschaftliche Kreativität am besten vorhersage: die Geburtenfolge. Erstgeborene seien eher konform, ihre jüngeren Geschwister dagegen kreativer, intellektuell rebellischer und abenteuerlustiger. Alfred Russel Wallace ist dafür offensichtlich ein gutes Beispiel: er war das fünfte überlebende Kind in seiner Familie. Shermer geht es jedoch weniger um Kreativität, sondern um Wallaces Häresien. Shermer nutzt ein quantitatives Persönlichkeitsmodell, das Wallace als einen äußerst gewissenhaften und zugleich neuen Erfahrungen stets offenen Menschen zeigt. Laut Shermer prädestinierte der Status als Spätgeborener und sein sozialer Hintergrund Wallace zum Häretiker.

Natürliche und doch nicht „physische“ Kräfte

Neben seiner Arbeit als Landvermesser, die ihn mit den rauhen Lebensbedingungen der walisischen Bauern vertraut machte, waren vor allem Robert Owens Sozialismus, Charles Lyells "Principles of Geology" (1830-1833) und das skandalumwitterte evolutionäre Werk "Vestiges of the Natural History of Creation" (1845) frühe und prägende Einflüsse. Durch Lyell erkannte Wallace die Bedeutung beobachtbarer Ursachen, und seine sozialistischen Neigungen und "Vestiges" festigten in ihm die Überzeugung, daß Natur und Gesellschaft wandelbar und im Fortschreiten begriffen seien. Dieser Wandel werde von Kräften kosmischen Ausmaßes gesteuert, doch zunächst blieb Wallace verborgen, welche direkten und beobachtbaren Ursachen diesen Wandel tatsächlich vermittelten. 1858 erkannte Wallace, daß die natürliche Auslese diese Rolle spielen konnte.

In den folgenden Jahren und in Auseinandersetzungen mit Darwin überzeugte sich Wallace aber davon, daß die geistigen Eigenschaften des Menschen nicht durch eine beobachtbare Kraft wie die natürliche Auslese erklärt werden können. Nun zeigt sich, so Shermer, die Offenheit und Gewissenhaftigkeit von Wallace: In vielen sorgfältig beobachteten spiritistischen Sitzungen überzeugte er sich davon, daß solche geistigen Kräfte die Evolution des Menschen steuern können. Für ihn waren sie natürlich und also Naturgesetzen unterworfen, nicht aber notwendigerweise "physische" Kräfte. Die im Verlauf der spiritistischen Sitzungen gesammelten Beweise waren für Wallace so evident, daß er sich über den Konsens anderer Naturwissenschaftler hinwegsetzte und für den Rest seines Lebens die Realität spiritueller Kräfte verteidigte. Ausschlaggebend waren für ihn überzeugende Daten, nicht die Autorität einflußreicher Eliten.

Wissenschaft im viktorianischen Zeitalter

Es ist jedoch fraglich, ob die quantitative, psychologisch-historische Studie Michael Shermers seinen eigenen, regelmäßig an prominenter Stelle im "Scientific American" kraftvoll vorgetragenen skeptischen Kriterien für Wissenschaftlichkeit standhalten kann. Jegliche angebliche Häresie von Wallace wird als Unterstützung für das psychohistorische Persönlichkeitsmodell angeführt, während eher konventionelles Verhalten mit anderen Faktoren erklärt wird. Diese letztlich fragwürdige Kombination von Erklärungen wird darüber hinaus begleitet von mangelndem Einfühlungsvermögen für die Sozialgeschichte der Wissenschaft im viktorianischen Zeitalter. Shermer nimmt beispielsweise an, es habe schon im neunzehnten Jahrhundert eindeutige Grenzen zwischen orthodoxer und heterodoxer, "häretischer" Wissenschaft gegeben. Der Konsens in der Wissenschaftsgeschichte lautet jedoch, daß genau diese Grenze im neunzehnten Jahrhundert sogar in elitären Kreisen, die auch Darwins Bezugsrahmen waren, sehr umstritten war und daß kaum irgendwo Einigkeit darüber herrschte, welche Inhalte, Aktivitäten und Rechtfertigungsstrategien überhaupt als Wissenschaft oder als wissenschaftlich gelten konnten: Wenn schon nicht klar ist, was Orthodoxie ist, dann bleibt Heterodoxie ebenso schwer faßbar.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Hörnchen, alaaf!

Von Hubert Spiegel

Krebserregende Kostüme aus Fernost und jede Menge Alkohol: Der Karneval kann unangenehm werden. Doch ein kleines Tier im malaysischen Urwald bietet die (fast) perfekte Lösung. Mehr 1