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Alexandre Kojève : Der rasende Stillstand der Weltgeschichte

Dunkelmann der Philosophie: der Spion, Funktionär und Hegel-Interpret Alexandre Kojève Bild: Nina Kousnetzoff

Der russisch-französische Philosoph und Europa-Funktionär Alexandre Kojève wechselte seine politischen Meinungen, aber nie seine hegelianischen Deutungen: Eine Berliner Tagung.

          Der russisch-französische Philosoph Alexandre Kojève gehört ohne Zweifel zu den schillerndsten Figuren des französischen Geisteslebens des vergangenen Jahrhunderts. Er schien aus dem Nichts zu kommen, als er kaum älter als dreißig Jahre an der Pariser "Ecole Pratique des Hautes Etudes" eine Einführung in Hegels "Phänomenologie des Geistes" gab, die schnell zum Sammelpunkt der französischen Intelligenz von Lacan über Bataille bis Breton wurde und das französische Hegel-Bild maßgeblich prägte. Und er schien mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wieder in dieses Nichts zu verschwinden, bis er nach Kriegsende plötzlich als Funktionär in der französischen Wirtschaftspolitik auftauchte, der jeweils am Sonntag seine philosophische Arbeit fortsetzte.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die deutsche Übersetzung nennt diese berühmten Vorlesungen mit Grund nicht "Einführung in", sondern "Vergegenwärtigung von" Hegels Denken. Kojève bot seinen Hörern eine selbstbewusste, marxistisch und existentialistisch gefärbte Lesart Hegels. In ihr Zentrum stellte er in eigenwilliger Überakzentuierung das Anerkennungs-Drama zwischen Herr und Knecht. Das Begehren nach Anerkennung durch den Anderen ist der Motor der Geschichte. In der gegenseitigen Anerkennung aller durch alle kommt die Geschichte zu ihrem Ende, weil damit auch die Widersprüche aufgehoben sind, die den historischen Prozess vorantreiben.

          Bei Hegel sorgt Napoleon und dann der preußische Staat für diesen Ausgleich, wenn er der die sozialen Klassen in einen Kampf zwingt, der zur wechselseitigen Anerkennung im Allgemeinen des Staats führt. Kojève verlagerte etappenweise die welthistorischen Letztinstanzen: In den dreißiger Jahren sah er Stalin und die Sowjetunion auf bestem Weg, die Geschichte im kommunistischen Weltstaat zu finalisieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg rief er den American Way of Life zum historischen Endstadium aus: In Zukunft werde eine reanimalisierte Menschheit in wunschlos glücklichem Konsum vor sich hintreiben.

          Ein KGB-Spion im Dienst der Europäischen Idee

          Am Berliner Zentrum für Literaturforschung warf man jetzt einen weiten Blick auf diese im Philosophischen wie Politischen kaum fassbare Figur. Ein Schwerpunkt lag auf seinem Theorem vom Ende der Geschichte.

          Kojève deutete die Philosophie als soziale Aktion, die sich in der Mitte der Polis, nicht in Abgeschiedenheit zu vollziehen habe. Er suchte Einfluss auf die Macht und bedauerte, ihn auf Stalin, als dessen "Gewissen" er sich eine Zeitlang sehen wollte, nicht nehmen zu können, weil seine Familie während der Oktoberrevolution verfolgt worden war. Nach dem Krieg holte ihn einer seiner früheren Hörer ins französische Wirtschaftsministerium, wo er schnell zu einem wichtigen, für seinen Scharfsinn gefürchteten Funktionär aufstieg, maßgeblich beteiligt am europäischen Aufbauwerk, eine graue Eminenz, die aus dem Hintergrund die Leitlinien der französischen Wirtschaftspolitik vorgab. Was ihn nicht hinderte, gleichzeitig als Spion für den KGB tätig zu sein.

          Vollmotorisiert in die Posthistoire

          War sein plötzlicher Wechsel in die Politik die Konsequenz aus seiner Einsicht, dass nach dem Ende der Geschichte keine wesentlichen, sondern nur noch administrative Tätigkeiten blieben? Zog er sich, wie Marco Filoni (Mailand) andeutete, in die posthistorische Stille zurück? Eine deutsche Episode mag diese Deutung stärken. Von Jacob Taubes 1967 nach Berlin geladen, um der Studentenbewegung das Bewusstsein für die historische Situation zu schärfen, ließ Kojève seine Zuhörern mit dem lapidaren Rat zurück, Altgriechisch zu lernen, und fuhr nach Plettenberg weiter, um bei Carl Schmitt seine konservativen Sympathien zu pflegen. Die Studentenrevolte konnte ihn offensichtlich nicht aus dem Phlegma der Nachgeschichte reißen.

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