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Alexandre Kojève Der rasende Stillstand der Weltgeschichte

30.10.2011 ·  Der russisch-französische Philosoph und Europa-Funktionär Alexandre Kojève wechselte seine politischen Meinungen, aber nie seine hegelianischen Deutungen: Eine Berliner Tagung.

Von Thomas Thiel
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Der russisch-französische Philosoph Alexandre Kojève gehört ohne Zweifel zu den schillerndsten Figuren des französischen Geisteslebens des vergangenen Jahrhunderts. Er schien aus dem Nichts zu kommen, als er kaum älter als dreißig Jahre an der Pariser "Ecole Pratique des Hautes Etudes" eine Einführung in Hegels "Phänomenologie des Geistes" gab, die schnell zum Sammelpunkt der französischen Intelligenz von Lacan über Bataille bis Breton wurde und das französische Hegel-Bild maßgeblich prägte. Und er schien mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wieder in dieses Nichts zu verschwinden, bis er nach Kriegsende plötzlich als Funktionär in der französischen Wirtschaftspolitik auftauchte, der jeweils am Sonntag seine philosophische Arbeit fortsetzte.

Die deutsche Übersetzung nennt diese berühmten Vorlesungen mit Grund nicht "Einführung in", sondern "Vergegenwärtigung von" Hegels Denken. Kojève bot seinen Hörern eine selbstbewusste, marxistisch und existentialistisch gefärbte Lesart Hegels. In ihr Zentrum stellte er in eigenwilliger Überakzentuierung das Anerkennungs-Drama zwischen Herr und Knecht. Das Begehren nach Anerkennung durch den Anderen ist der Motor der Geschichte. In der gegenseitigen Anerkennung aller durch alle kommt die Geschichte zu ihrem Ende, weil damit auch die Widersprüche aufgehoben sind, die den historischen Prozess vorantreiben.

Bei Hegel sorgt Napoleon und dann der preußische Staat für diesen Ausgleich, wenn er der die sozialen Klassen in einen Kampf zwingt, der zur wechselseitigen Anerkennung im Allgemeinen des Staats führt. Kojève verlagerte etappenweise die welthistorischen Letztinstanzen: In den dreißiger Jahren sah er Stalin und die Sowjetunion auf bestem Weg, die Geschichte im kommunistischen Weltstaat zu finalisieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg rief er den American Way of Life zum historischen Endstadium aus: In Zukunft werde eine reanimalisierte Menschheit in wunschlos glücklichem Konsum vor sich hintreiben.

Ein KGB-Spion im Dienst der Europäischen Idee

Am Berliner Zentrum für Literaturforschung warf man jetzt einen weiten Blick auf diese im Philosophischen wie Politischen kaum fassbare Figur. Ein Schwerpunkt lag auf seinem Theorem vom Ende der Geschichte.

Kojève deutete die Philosophie als soziale Aktion, die sich in der Mitte der Polis, nicht in Abgeschiedenheit zu vollziehen habe. Er suchte Einfluss auf die Macht und bedauerte, ihn auf Stalin, als dessen "Gewissen" er sich eine Zeitlang sehen wollte, nicht nehmen zu können, weil seine Familie während der Oktoberrevolution verfolgt worden war. Nach dem Krieg holte ihn einer seiner früheren Hörer ins französische Wirtschaftsministerium, wo er schnell zu einem wichtigen, für seinen Scharfsinn gefürchteten Funktionär aufstieg, maßgeblich beteiligt am europäischen Aufbauwerk, eine graue Eminenz, die aus dem Hintergrund die Leitlinien der französischen Wirtschaftspolitik vorgab. Was ihn nicht hinderte, gleichzeitig als Spion für den KGB tätig zu sein.

Vollmotorisiert in die Posthistoire

War sein plötzlicher Wechsel in die Politik die Konsequenz aus seiner Einsicht, dass nach dem Ende der Geschichte keine wesentlichen, sondern nur noch administrative Tätigkeiten blieben? Zog er sich, wie Marco Filoni (Mailand) andeutete, in die posthistorische Stille zurück? Eine deutsche Episode mag diese Deutung stärken. Von Jacob Taubes 1967 nach Berlin geladen, um der Studentenbewegung das Bewusstsein für die historische Situation zu schärfen, ließ Kojève seine Zuhörern mit dem lapidaren Rat zurück, Altgriechisch zu lernen, und fuhr nach Plettenberg weiter, um bei Carl Schmitt seine konservativen Sympathien zu pflegen. Die Studentenrevolte konnte ihn offensichtlich nicht aus dem Phlegma der Nachgeschichte reißen.

Die politische Aktion mag zwar in rasendem Stillstand weitergehen, so Kojèves geschichtsphilosophische Diagnose, aber das menschliche Tun hat nur noch künstlichen und keinen im emphatischen Sinn historischen Charakter mehr. Kriege würde nicht mehr geführt, auch die Philosophie sei an ihr Ende gelangt, einen Grund, das Fundament der Selbsterkenntnis zu ändern, gebe es nicht mehr. Was bleibt, sind Kunst, Liebe, Spiel, um die Zeit über die Runden zu bringen.

Die Rede vom Ende der Geschichte hat bei Kojève nichts Apokalyptisches. Falko Schmieder (Berlin) sah eine Überlagerung von Hegels Geschichtsphilosophie mit Nietzsches "letzten Menschen", was ihren Sinn schwebend macht. Ein ironischer Ton ist kaum zu überhören, wenn Kojève davon spricht, die Manneskraft sei in der Posthistoire nur noch dafür da, "ein fruchtbarer Ehemann zu sein, der friedlich und fleißig, aber immer motorisiert seinen Geschäften nachgeht".

Francis Fukuyama ist dieser Ton entgangen, als er Kojèves These nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten mit positivistischer Zuspitzung novellierte und die Vereinigten Staaten als weltgeschichtliches Ultimum feierte. In Berlin versuchte man das Theorem als religiöse Setzung, als heuristischen Vorgriff im Rahmen der Metaphysik (Die Geschichte muss vorbei sein, um etwas Philosophisches sagen zu können) oder als Zeichen eines Unbehagens an der beschleunigten Verselbständigung des historischen Prozesses zu verstehen. Kojève brachte die These in zwei Fußnoten zu seinem Hegel-Kommentar in den Jahren 1946 und 1960 unter. Von der Zäsur des Weltkriegs bleibt sie beide Male seltsam unberührt. Der Zivilisationsbruch des Weltkriegs und der militärische Overkill sind in die Posthistorie schon inbegriffen.

Flirt mit dem Faschismus

Während des Weltkriegs gehörte Kojève der Résistance an. Von seinem Biographen Dominique Auffret stammt das durch glaubhafte Quellen bezeugte Bild des heldenmütigen Widerstandskämpfers. Danilo Scholz (Paris) nahm einen vor sieben Jahren aufgetauchten Aufsatz über den "Begriff der Autorität" zum Anlass, Kojèves Rolle im Krieg neu zu bewerten. Dieser Aufsatz, der die Möglichkeit einer langen Fortdauer des Faschismus durchspielen musste, zeigt eine überraschende Nähe zum Vichy-Regime und eine erstaunliche Verengung des Staatsbürgerbegriffs. Obwohl er um die alltägliche Unterdrückung der Juden in Frankreich wusste, erkennt Kojève nur noch die produktiven Gruppen an und gibt die Übrigen zur Deportation frei. Die Krise politischer Entscheidungsfindung in der besiegten französischen Nation lastet er dem autoritätsschwachen Mehrheitsregime an. Die Wiedergeburt der Nation scheint ihm nur durch die wirkliche Autorität des autoritären Regime möglich, deren natürliche Entstehung nicht zu stören sei. Am Ende seiner Überlegungen schreckte Kojève nicht zurück, Pétain alle Attribute dieser väterlichen Autorität zu attestieren.

War er bei seinem Flirt mit dem Faschismus der Verführungskraft des politischen Hegelianismus, besonders der Übertreibung des Anerkennungsparadigmas unterlegen, wie Christine Blättler (Kiel) meinte? Kojève, geübt in der Kunst, an beiden Ufern gleichzeitig zu stehen, meinte, es anders sehen zu können. Nach den Worten seiner Nachkommen hat er die Vichy-Episode nicht als biographischen Bruch erlebt.

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Jahrgang 1975, Redakteur im Feuilleton.

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