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150. Geburtstag Nicht ohne Freud

05.05.2006 ·  Coolness hat die Hysterie verdrängt, pragmatische Ansätze und Psychopharmaka die klassische Couch-Analyse. Doch Freud lebt - in der Popmusik, im Kino, in Kunst und Literatur.

Von Uwe Ebbinghaus
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Im 21. Jahrhundert scheint eine durchgreifende Coolness weitgehend die Hysterie verdrängt zu haben, pragmatische Ansätze und Psychopharmaka die klassische Couch-Analyse. Doch Freud lebt - in der Popmusik, im Kino, in Kunst und Literatur. Und sprechen wir nicht alle zumindest gebrochen „Freud“?

Ohne Freud hätten wir keinen Penisneid, keinen Ödipuskomplex und müßten uns nach manchem Versprecher, bei dem alle Zuhörer prustend von einem „Freudschen“ sprechen, weniger ertappt fühlen. Verdrängen würden wir natürlich auch, es hieße nur anders. Freud aber scheint inzwischen unverdrängbar.

Leben ohne Freud

Nur in seiner eigenen Wissenschaft sind Freuds Theorien heute umstritten. Andererseits haben sie gerade in jüngster Zeit durch Kultursoziologen wie Eli Zaretsky („Freuds Jahrhundert“) und einflußreiche Neurowissenschaftler wie Eric R. Kandel („Auf der Suche nach dem Gedächtnis“) neuen Rückhalt erfahren.

Ohne Freud würden mehr Träume vergessen werden, wüßten wir weniger über den Witz, die Melancholie und vor allem über Sex und seine Beziehung zum Unbewußten. Wie sehr jedoch das Sprechen über Sex aus der Mode gekommen ist, zeigen die gerade bei Rowohlt erschienenen „Sitzungsprotokolle Ernst Blums“, die den Leser in ihrer unzeitgemäßen Offenheit geradezu überrumpeln. Freud abgerechnet, müßten wir uns wahrscheinlich ein Deutschland ohne den vermeintlich sexuell und politisch befreienden Einfluß der 68er-Bewegung vorstellen und germanistische Seminare ohne psychoanalytische Literaturwissenschaft. Unvorstellbar.

Freud für Fernsehcouch und Kinosessel

Wenn wir sie heute sehen, wirkt Freuds berühmte Patienten-Couch wegen ihres Alters und Perserbehangs geradezu muffig. Ersetzt wird sie heute auf sonderbare Weise durch die individuelle Fernsehcouch, vor der Freud, auf der gegenüberliegenden Mattscheibe, Dauergast ist. Ohne seine Theorien, die ja ohnehin etwas Detektivisches haben, wäre die aktuelle Fernseh-Verbrechensbekämpfung mit ihren zahlreichen Profilern kaum denkbar. Und natürlich wäre das Kino um einige Klassiker und neuere Blockbuster ärmer. Hitchcocks „Psycho“, „Vertigo“ oder „Frenzy“ sprechen in ihren Bildern fließend „Freud“ und Woody Allen gelingt es erst seit einigen Jahren, Filme zu drehen, in denen nicht der Name „Freud“ fällt.

Dafür hängt Freuds Porträt jetzt ikonenhaft in Filmen wie „Basic Instincts 2“ an der Wand. Und auch in Komödien wie „Meine Frau, meine Schwiegereltern und ich“ wird Freuds nachwirkender Einfluß auf amüsante Weise sichtbar.

Innerer Monolog mit Freud

Wie stünde es mit der modernen Literatur? Der so einflußreiche innere Monolog von Schnitzler und Joyce, die Innenschau eines Marcel Proust hätten sich wahrscheinlich später oder anders durchgesetzt. Die moderne Literatur wäre jedenfalls sprachloser und der Bildende Kunst würden mindestens die suggestiven Werke des Surrealismus fehlen.

In der Zusammenschau überraschend sind die Entdeckungen Klaus Theweleits in seinem neuen Buch „absolute(ly) Sigmund Freud Songbook“, der in Texten der Popmusik von den „Beatles“ bis zu „Greenday“ Freuds Spuren nachweist. Ausgerechnet in der Musik, zu der Freud zeitlebens kaum eine Beziehung hatte, wird er besonders gern betextet.

Präsent ist Freud an seinem 150. Geburtstag vor allem dort, wo er selbst es wohl nicht erwartet hätte - und wo er den Nachgeborenen weniger helfen kann als gewollt.

Eli Zaretsky: Freuds Jahrhundert. Die Geschichte der Psychoanalyse. Zsolnay Verlag, Wien 2006. 622 S., 34,50 Euro

Eric R. Kandel: Auf der Suche nach dem Gedächtnis. Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes. Siedler Verlag 2006. 528 S., 24,95 Euro

Klaus Theweleit: „absolute(ly) Sigmund Freud Songbook“. Orange Press 2006. , 224 S., 15 Euro

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Jahrgang 1971, Redakteur im Feuilleton.

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