24.07.2008 · Die steilen Thesen von Neurowissenschaftlern wie Wolf Singer sind gnadenlos naive Folgerungen aus Experimenten, in deren Aufbau und Interpretation sie vorher als Voraussetzungen hineingesteckt wurden: die Philosophieprofessorin Petra Gehring zum Streit zwischen Wolf Singer und Peter Janich.
Man seufzt ein bisschen, denn Herr Janich hat natürlich recht - aber die Sorgfalt geht ins Leere, mit welcher der Philosoph dem insistierenden Herrn Singer jenen elementaren wissenschaftstheoretischen Kurzschluss zu erklären versucht, dass man nicht durch Geräte „beweisen“ kann, was im Versuchsaufbau bereits vorausgesetzt ist. Stecke ich deterministische Physik (oder ähnlich gelagerte Psychologismen) hinein, werde ich stets auch wieder Determinismus folgern.
Das Langweilige an der Hirndebatte ist, dass die laborwissenschaftlichen Protagonisten so hartnäckig Verallgemeinerungen feilbieten, die methodisch unzulässig sind. Wer vorgibt, sein Fach zu beherrschen, sollte um dessen Grenzen wissen. „Hirn“ ist letztlich nicht mehr als ein Name: der Name für ein komplexes und voraussetzungsreiches Hypothesengebilde, mit dem Herr Singer beruflich arbeitet. Leider ist das Hypothesengebilde jedoch an den entscheidenden Punkten - sobald der Verwender nämlich nicht mehr über Messdaten, sondern über den Menschen redet - ungenau. Um nicht zu sagen beliebig.
Die gnadenlose Naivität des Neurowissenschaftlers
Denn beim Verallgemeinern hört beim Neurowissenschaftler die Methode auf. Das hat der Experte nicht gelernt. Und was er dann hineinsteckt, erhalten wir ziemlich naiv, man kann auch sagen: gnadenlos heraus. Wäre Singer Genetiker, würde er uns mittels neuester Laborergebnisse beweisen wollen, dass unser Genom uns „denkt“. Wäre Singer Soziobiologe, bewiese er uns die Steuerung der Wirklichkeit durch die Evolution. Wäre Singer Endokrinologe, hätte er in der F.A.Z. einen offenen Brief geschrieben, um Herrn Janich davon zu überzeugen, dass wir alle Sklaven unseres Hormonhaushaltes sind. Womöglich hätte dann die Einladung an Herrn Janich gelautet, er solle Herrn Singer doch endlich durch experimentelle Einspritzung von Hormonen beweisen, dass es nicht der Hormonspiegel ist, der uns lenkt. Oder aber den Mund halten und endlich an die Zentralsteuerung durch Hormone glauben.
Der eine will den anderen zum Argumentieren zwingen, der andere will durch seine Geräte alle Einwände verstummen lassen. Die Debatte erstarrt, was in der Sache kein Wunder ist, da die Neuroforschung seit längerem ihre Thesen einfach nur wiederholt. Nun gibt ausgerechnet Singer sich als „etwas ermüdet“ und ändert die „Beweislast“. Da muss sich das Publikum schon die Augen reiben.
Wenn das Gehirn lachen könnte
Vielleicht sollte man gleichwohl nicht - wie Janich - an die dehnbare Forschungs- und Argumentationsmoral des Herrn Singer appellieren. Empfehlen wir Janich lieber ein herzliches Lachen über Singers Einladung in die Röhre und auch über Singers blasierten Ton. Überhaupt: Humor! Neben der Fähigkeit zur Langeweile ist der Humor doch eine der schönsten Fähigkeiten des Gehirns! Schicken wir Singer auf einen Deterministenkongress, um mit Genetikern, Soziobiologen und Endokrinologen darüber zu diskutieren, was den Menschen denn nun wirklich im Innersten zusammenhält, und verordnen wir uns ein gutes Buch.