15.01.2009 · Will der Suhrkamp Verlag Frankfurt verlassen? Die Geschäftsführung lässt verlauten, man „prüfe“ eine „schöne und großherzige“ Einladung Berlins. Ein Zeichen dafür, dass die Macht der Vergangenheit in dem Traditionsverlag langsam erlischt oder nur ein Hinweis auf das laue literarische Leben in Frankfurt?
Von Richard KämmerlingsFrankfurt trifft es gerade knüppelhart. Erst gehen in einem Bankenturm nach dem anderen die Lichter aus und die Notbeleuchtungen an; jetzt will auch noch der Suhrkamp Verlag nach Berlin umziehen. Die Geschäftsführung ließ verlauten, man „prüfe“ eine „schöne und großherzige“ Einladung Berlins, wo man ja nach dem Weggang von Sat.1 nach München ebenfalls etwas fürs Image tun muss. Frankfurt wiederum kann sich schon länger allenfalls als Teilzeit-Buchstadt fühlen. Der legendäre Ausspruch eines Kollegen, Frankfurt sei „kulturell erloschen“ mag eine polemische Übertreibung sein.
Doch wenn man unter Kultur nicht nur den Veranstaltungskalender versteht, sondern auch das geistige Klima einer Stadt, ihre Reize und Reibungsflächen, dann hat Frankfurt sicher schon einmal bessere Zeiten gesehen. Dass es hier zwischen Dutzenden von Sushi-und Espresso-Bars kaum Orte gibt, an denen man Tag und Nacht kluge und interessante Menschen treffen könnte, mag einer der Gründe sein, die Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz für (finanziell offenkundig gut unterfütterte) Lockrufe aus Berlin empfänglich machen. Ein anderer dürfte die erkennbare Öffnung des Verlagsprogramms für die junge, metropolitane Literaturszene sein.
Die Macht der Vergangenheit schwindet
Mit der edlen Suhrkamp-Dependance neben dem Literaturhaus in der Charlottenburger Fasanenstraße hat der Verlag bereits ein wichtiges Forum dort. Klar ist, dass literarisches Leben in Deutschland sich vor allem in der Hauptstadt manifestiert. Ebenso klar aber ist, dass die Entscheidung, ein verwurzeltes Unternehmen ganz umzutopfen, ein schwer kalkulierbares Risiko darstellt. Es gibt auch in Betrieben ein Institutionengedächtnis, das sich nicht nach den Vorstellungen der Führungskräfte richtet. Da die Gesellschafter zustimmen müssten, ist hier das letzte Wort auch noch lange nicht gesprochen. Mitgesellschafter Joachim Unseld erklärt sogar, über die Pläne noch gar nicht informiert worden zu sein (der Frankfurter aus Überzeugung kann sich zudem nicht verkneifen, einen „Umzug in die Provinz“ für wenig attraktiv zu erklären).
Eine bemerkenswerte Entwicklung bei Suhrkamp ist, dass die bislang heiligen Traditionen Siegfried Unselds nicht mehr sakrosankt sind. Die Macht der Vergangenheit schwindet. Das Verlagshaus in der Linden- und die Villa Unseld in der Klettenbergstraße sind Gedächtnisorte der Literaturgeschichte. Man denke etwa an den hochritualisierten Kritikerempfang zur Buchmesse, bei dem selbst langweilige Lesungen immer noch Plichtveranstaltungen des intellektuellen Lebens sind. In Berlin wäre so etwas kein lebender Mythos mehr, sondern allenfalls eine weitere Party, auf der Dichter und Journalisten herumstehen. Mit dem Wegzug aus Frankfurt wäre die Ära Unseld endgültig begraben.