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Veröffentlicht: 04.09.2014, 18:14 Uhr

Bildung, Reform, Wahn Lasst doch mal alles so, wie es ist

In den vergangenen vierzig Jahren wurde an den Schulen so gut wie alles geändert, wieder rückgängig gemacht und wieder geändert. Hier eine gewiss unvollständige Reformliste als dadaistische Prosa.

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© dpa Anschreiben, wegwischen, noch einmal ganz von vorn. Seit den siebziger Jahren wurde am Schulsystem alles mindestens einmal verändert.

In Thüringen, wird gemeldet, sei die Stimmung in den Lehrerzimmern schlecht wie seit langem nicht. In Thüringen? Im ganzen Land. Denn es bedarf an den Schulen keinesfalls der Erinnerung an die Zeiten Margot Honeckers, um beispielsweise auch in den westlichen Bundesländern zu dem Eindruck zu kommen, dass die Stimmung so mies fast noch nie war. Oder berechtigterweise schon lange mies ist. Oder jedenfalls ständig verschlechterungsbereit. Der Grund dafür ist kurz zu benennen, er lautet „Reform“.

Jürgen Kaube Folgen:

Was die Lehrer zermürbt, zu enormen Fehlzeiten und Krankenständen wie in Vier-Schicht-Betrieben führt, sind nämlich nicht nur die Kerntätigkeit und jüngere Belastungen durch schulinadäquat erziehende Familien und/oder einmischungsfreudige Helikopter-Eltern in Bildungspanik.

Teilweise oder auch gar nicht verbindlich

Seit den siebziger Jahren wird das Schulsystem vielmehr in beispielloser Weise von politischen Reformwellen heimgesucht. Sie über- und unterspülen mit so hoher Frequenz die Schule, dass inzwischen nur noch Verwaltungsspezialisten und Bildungshistoriker wissen, welche Regeländerungen gerade in Kraft getreten sind, welche sich, kaum, dass man sich an sie gewöhnt hat, schon wieder auf dem Rückzug befinden und welche nach kurzer Abwesenheit unter anderem Etikett neuerlich Druck auf Unterricht und die Schulorganisation ausüben. Geändert, rückgängig gemacht und erneut geändert wurde an den Schulen in den vergangenen vierzig Jahren - alles.

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Die Schulformen: dreigliedrig, dreigliedrig mit Gesamtschuloption, Gesamtschule mit drei- oder zweigliedriger Binnendifferenzierung, Gesamtschule unter verschiedenen Titeln und gemeinsamem oder teilweise getrenntem Lernen, Sekundarschule (Sachsen-Anhalt seit 1991, Bremen seit 2005), Integrierte Sekundarschule mit Haupt-, Real- und Gesamtschulzweig (Berlin seit 2010), Mittelschule, Erweiterte Realschule (Saarland), Gemeinschaftsschule (Saarland, von 2012 an), integrierte oder additive Regelschule (Thüringen), Regionale Schule (Rheinland-Pfalz, seit 1997), Realschule plus (Rheinland-Pfalz, seit 2009), Sonderschule, Förderschule, inklusive Schule.

Geändert wurden die Übergangsregelungen zwischen den Schultypen: ob der Übergang von der Elternentscheidung abhängt, ob die Übergangsempfehlung durch Lehrer stark bindend oder teilweise verbindlich oder gar nicht verbindlich ist. Mit eigenen Tests oder mit mehrtägigem „Prognoseunterricht“ oder ohne, unter Heranziehung von Durchschnittsnoten oder unter möglicher Nichtberücksichtigung derselben.

Hin und zurück: die Reformschaukel

Geändert wurden die jeweiligen Beschulungszeiten: Grundschule vier Jahre lang oder erweiterte Grundschule sechs Jahre lang, Ganztags- und Halbtagsschule, gemeinsamer Unterrichtbeginn oder unterschiedlicher, 45-Minuten-Stunde, Doppelstunde, einstündiger Unterricht, bei Lehrermangel Stundenausfall oder Rückgriff auf Hilfslehrer oder auf externe Kräfte, etwa durch „Unterrichtsgarantie plus“ mit Vertretungspools (Hessen seit 2006) oder durch „Verlässliche Schule“ mit Unterrichtsgarantie (Hessen seit 2008), Abitur nach neun oder acht Jahren Gymnasium oder Gesamtschule, flächendeckend oder als Modellversuch, oder das alte G 9 als Modellversuch bei einstimmigem(!) Elternwillen oder bei Mehrheit im Schulrat oder mit flächendeckender Wiedereinführung oder mit Wahlfreiheit, mit Modellversuchen an ganzen Schulen oder mit Wahlfreiheit innerhalb von Schulen.

Geändert wurden die Umstände, unter denen das Abitur erlangt werden kann: mit festen Pflichtfächern und starken oder schwachen Limitationen bei der Hauptfachwahl, mit Kurswahl, mit Noten oder Punktesystem, mit Abwahlmöglichkeiten (Mathematik nur bis zur zwölften Klasse) und ihrer Rücknahme, mit Wahlpflichtfächern, mit vorgezogenem Abitur bei entsprechender Durchschnittsnote nach der elften Klasse, mit Modellversuchen fächerweisen Frühstudiums, mit dezentralem Abitur und mit zentralem, zentralem in allen Fächern oder vorerst nur in einigen. „Vorerst“ muss man aber nicht dazu sagen, denn es gilt eben alles nur vorerst, und die bleibenden Beteiligten, die Lehrer also, können sich bei allem, was neuerdings gilt, fragen, ob es wohl lohnend ist, sich darauf einzustellen, wenn es doch demnächst schon wieder nicht gelten wird.

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