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Gefahren im Internet Fehlalarm

29.01.2012 ·  Die Kanzlerin warnt vor der Informationsflut im Internet. Aber es geht nicht darum zu behalten, sondern zu vergessen.

Von Christian Geyer
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Wer Gefahren beschwört, liegt meistens richtig. Die Welt ist voller Nebenwirkungen, die wiederum nichts anderes als Wirkungen sind, weswegen mit Fug bemerkt worden ist: Leben ist gefährlich. Irgendwo besteht immer eine Gefahr und doch genießt, wer an das Gefahrenpotential von irgendetwas erinnert, höchstes aufklärerisches Prestige. In Wahrnehmung ihrer gesellschaftlichen Frühwarnfunktion ging die Bundeskanzlerin in der "Bild am Sonntag" jetzt so weit, vor der Gefahr der leeren Internet-Birne zu warnen: "Wenn wir alles in Sekunden irgendwo abrufen können, besteht die Gefahr, dass wir immer weniger davon dauerhaft im Kopf behalten, weil uns die schiere Informationsmenge überfordert."

Der Mangel an Fragen

Hier liegt der höchst seltene Fall vor, in dem eine Gefahrenmeldung sich selbst widerlegt. Denn wir sind ja keine Reaktionsdeppen, die entlang des Schemas von Reiz und Reaktion funktionieren; jede Wahrnehmung ist ein komplexer Vorgang der Aneignung, die die schlichten Annahmen der Assoziationspsychologie sprengt; da die weltweite Informationsmenge gerade nicht "schier" auf uns einstürzt, sondern nur in Dosen - immer hübsch eins nach dem anderen - die Köpfe erreicht, platzt beim Surfen keine Birne. Vor allem aber besteht die Gefahr nicht so sehr darin, dass wir immer weniger behalten, sondern dass wir immer weniger vergessen - und zwar von dem überflüssigen, unfruchtbaren Wissen, das die diskursive Aktivität inmitten eines Wirrwarrs von Ideen und Erfahrung lähmt und zu jenem stumpfen Geist führt, den Alfred North Whitehead in seinem hellsichtigen Aufsatz über "Die rhythmischen Ansprüche von Freiheit und Disziplin" analysiert. Nicht die Fülle der Antworten ist gefährlich, so schon Whitehead, sondern der Mangel an Fragen, die die Antworten zu beziehen wissen. Die richtige Frage an die Kanzlerin muss also lauten: Wie lässt sich ihr Fehlalarm sekundenschnell wieder vergessen?

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Jahrgang 1960, Redakteur im Feuilleton.

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