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Gefahr durch Islamisten (7) Keine Zugeständnisse

26.07.2007 ·  Für den internationalen Terrorismus gibt es derzeit wichtigere Ziele als Russland. Die russischen Medien beschwören die Harmonie von Islam und orthodoxem Christentum. Doch je mehr Russland ideologisch und kulturell dem Westen ähnlich wird, desto mehr steigt auch hier die Terrorgefahr.

Von Kerstin Holm, Moskau
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Präsident Putins Amtsantrittversprechen, er werde in Russland Ordnung schaffen, scheint an der Front des islamischen Terrorismus beinahe erfüllt. Im vergangenen Sommer gelang es russischen Geheimdienstlern, den Kopf des muslimischen Terrornetzwerkes, den tschetschenischen Rebellenführer Schamil Bassajew, rechtzeitig vor dem Petersburger G-8-Gipfel in einem Inguschendorf in die Luft zu sprengen (siehe auch: Tschetschenischer Terrorist Bassajew tot).

Bassajew, der Architekt der Selbstmordanschläge auf zwei Passagierflugzeuge und ein Moskauer Rockkonzert, der Kopf hinter den Geiseltragödien im Musicaltheater und der Schule im nordossetischen Beslan, hatte freilich schon in seinem letzten Jahr kein Kriegsglück mehr. Die letzte große Operation, die der legendäre Herausforderer des russischen Imperiums 2005 anzettelte, der Überfall auf das kabardino-balkarische Naltschik, scheiterte an der mangelnden Professionalität unerfahrener Mitstreiter. Und Putins Antiterroreinheiten haben klargestellt, dass sie mit Geiselgangstern nicht verhandeln - auch um den Preis eines Blutbads wie in Beslan (siehe auch: Rußland: Beslan und der 3. September).

Tschetscheniens Befriedung

Die Kinder von Beslan haben für die gegenwärtige Ruhe in Russland bezahlt, sagt Alexej Malaschenko, Islam-Experte am Moskauer Carnegie-Zentrum, auch im Putin-Russland ein geachtetes Forum unabhängiger Experteneinschätzungen. Tschetscheniens moskautreuer Präsident Ramsan Kadyrow, der dreißig Jahre alte Sohn und Nachfolger des von Bassajew ermordeten Ex-Muftis Achmad Kadyrow, hat nicht nur die nötige Brutalität, sondern auch die politische Klugheit aufgebracht, um die Heimatrepublik des islamischen Terrorismus in Russland zu befrieden und endlich den Wiederaufbau in Gang zu bringen, stellt Malaschenko anerkennend fest.

Auf das Ehrenwort von Kadyrow, ihnen werde bei Wohlverhalten verziehen, kehrten in den Bergen versteckte Partisanen ins zivile Leben zurück. Der mit Monarchengroßzügigkeit Stipendien vergebende Präsident ist als moderner starker Mann vor allem bei der tschetschenischen Jugend beliebt. Doch eines Tages, fürchten Beobachter, wird Kadyrow, der viele Feinde auf dem Gewissen hat, von einem Bluträcher umgebracht. Für Tschetschenien und für Russland wäre das eine Katastrophe.

Der Säkularismus schmilzt dahin

Noch beschwören die offiziellen Medien die politische Stabilität und die Harmonie der traditionellen Religionen Islam und orthodoxes Christentum. Doch der vielgelobte Säkularismus des postsowjetischen Islams schmilzt langsam dahin. Kontakte mit arabischen Fundamentalisten wirkten wie ein Weckruf für vergessene Traditionen, die langsam jenes Wertevakuum füllen, welches das Sowjetsystem hinterließ. Die diplomatische Doktrin von der jahrhundertelangen friedlichen Koexistenz von Christen und Muslimen lässt vergessen, dass Russland muslimische Völker an der Wolga, in Zentralasien, im Kaukasus blutig unterworfen hat, gibt Malaschenko zu bedenken. Für die Tschetschenen endete ihr letzter Dschihad erst kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, und die deportierten oder assimilierten Tataren haben nur dank ihres Rest-Islams überhaupt als Volk überlebt.

Gotteskrieger zu werden ist in Russlands muslimischen Regionen für ehrgeizige, aber arme junge Leute ohne Beziehungen das Hauptvehikel für den sozialen Aufstieg, stellt Georgi Engelgardt vom Moskauer Institut für Religion und Politik der Akademie der Wissenschaften fest. Vor allem im armen Dagestan, aber auch in anderen Kaukasusrepubliken und selbst im relativ florierenden Tatarstan findet die Aussicht, das schlechte Heute durch die Gerechtigkeit eines Welt-Islams zu ersetzen und dabei auf der Siegerseite zu stehen, regen Zuspruch, warnt Engelgardt, den die revolutionäre Euphorie, die er manchmal beobachtet, an den Magnetismus erinnert, den in den zwanziger Jahren der Bolschewismus entwickelte. Dass er für die Sache kämpft, der die Zukunft gehört, ist für den wahhabitischen Revolutionär entscheidend - Opfer, auch das des eigenen Lebens, werden nicht ausgeschlossen, erscheinen aber nicht zwingend notwendig.

Sehnsucht nach Einfachheit

Die Einfachheit des Islams wirkt in der unübersichtlichen modernen Welt unwiderstehlich. Wie Putin an die Macht kam, weil die Leute sich nach Ordnung sehnten, so erstarkt allmählich auch der politische Islam, weil Putin zugleich die Nanotechnologie fördert, die Sowjethymne reanimiert und Gastgeber der Olympischen Spiele sein will. Die klaren Verhaltensregeln des Islams vermitteln eine Sicherheit, sagt der orthodoxe Christ Engelgardt, die unsereins, der schon in Gedanken sündigen kann, niemals habe. Als weiteres Plus kommt das islamische Alkoholverbot hinzu. Immer öfter konvertieren junge Russinnen, weil sie glauben, als Muslima seien sie vor trunksüchtigen und erotisch haltlosen Männern geschützt.

Die extreme Bodenhaftung dieses Glaubens baut eigentlich die Brücke zu ihrem Verständnis, glaubt ein neumuslimischer Imam im baschkirischen Ufa, der zu Sowjetzeiten Komsomol-Mitglied war. Doch statt die Inhalte von Freitagspredigten abzusprechen und zu kontrollieren, verhandelt die russische Führung lieber mit den Leitern religiöser Verbände, die schon erreichen konnten, dass innerhalb der Moskauer Staatsuniversität eine muslimische Hochschule installiert wird. Analysten fürchten, ein solches Institut sei zum Umschlagplatz radikaler Ideen prädestiniert.

Es gibt wichtigere Terrorziele als Russland

Nur religions- und klanunabhängige Aufstiegschancen können dem revolutionären Islam langfristig das Wasser abgraben, ist Georgi Engelgardt überzeugt. Da es darum schlecht stehe, jage der mit arabischen Sponsoren verbandelte radikale Mufti-Rat Russlands dem konservativ staatstreuen Zentralen spirituellen Komitee russischer Muslime immer mehr Anhänger ab. Die moskautreuen Komitee-Muslime, zu denen auch der Tschetschene Kadryow gehört, gelten vielen arabisch vernetzten Glaubensbrüdern als Heuchler.

Derzeit sind für den internationalen Terrorismus Irak und Afghanistan wichtigere Ziele als Russland - den amerikanischen Invasoren sei Dank. Ein längerfristiges Terrorbekämpfungskonzept hat der Kreml, der sich bald in die Antiterrorfront einreiht, bald eine Delegation der palästinensischen Hamas-Radikalen mit höchsten Ehren empfängt, offensichtlich nicht. Im Gegensatz zu den westlichen Ländern werden hier ja keine Freiheitsrechte verteidigt. Je mehr Russland ideologisch und kulturell dem dekadenten Westen ähnlich werde, desto mehr steige die Terrorgefahr, predigt Michail Leontjew, der Polit-Agitator des Kremls. Seine Liebe zur Machtvertikale empfiehlt Russland dem islamischen Lager als Seelenverwandten.

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Jahrgang 1958, Feuilletonkorrespondentin in Moskau.

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