23.07.2007 · Seit im beschaulichen Umbrien eine islamistische Terrorzelle ausgehoben wurde, besteht kein Zweifel mehr, dass auch in Italien der internationale Terrorismus gedeiht. Die italienische Politik reagiert beschwichtigend.
Von Dirk Schümer, VenedigKurz vor dem Ferragosto, da sich Italien seit Generationen in den Sommerschlaf und an die endlosen Strände verzieht, kam die schockierende Nachricht: Eine islamische Terrorzelle wurde ausgehoben, chemischer Sprengstoff beschlagnahmt, Pläne für Attacken und Hassvideos in einer Moschee bei einem Imam gefunden - und das im beschaulichen Umbrien. Ob tatsächlich Pläne bestanden, die Wasserversorgung der Region zu vergiften, oder ob dieses Katastrophenszenario auf Übertreibungen beruht, muss sich noch zeigen. Dass mitten in Italien muslimischer Terror gedeiht - daran kann es kaum mehr Zweifel geben.
Bereits vor Wochen legte die Polizei harte Fakten vor, die damals noch im Kleingedruckten versickert waren: Die Antimafia-Behörde von Triest hatte achtunddreißig Wohnungen in Norditalien durchsucht und dabei Propaganda, Waffen und Verdächtige aufgespürt. Bei der großangelegten Aktion ging es nicht um die Fahndung nach sizilianischen oder kalabresischen Clans, sondern um das Eindringen von Al Qaida in Italien. Man habe, so die Polizei, ein „publizistisches Netzwerk zur Verbreitung des Dschihadismus“ aufgedeckt, habe bei bosnischen und makedonischen Verdächtigen reichlich digitales Bild- und Textmaterial zur Förderung des muslimischen Terrorismus beschlagnahmt.
Kommentare voller Sorgen
Allein diese Akzentverschiebung bei der Elitepolizei, die in Triest mit dem Staatsschutz „Digos“ zusammenarbeitete und über die Überwachung von Chats im Internet auf die Verdächtigen stieß, erzählt deutlich davon, dass man sich in Italien beim Kampf gegen islamischen Terrorismus keineswegs in Sicherheit wiegt. Trotz der Fahndungserfolge waren die Kommentare denn auch voller Sorgen: Die Sicherheitssituation im Land sei denkbar schlecht, kommentierte gestern sogar die linke „Repubblica“, es gebe mit Sicherheit unentdeckte Terrorzellen im Land.
Deutlich wird das große Problem Italiens in diesem Kampf: Es ist das einzige Land in Schengen-Europa, das zugleich an Nordafrika und den islamischen Balkan grenzt und dadurch als ideales Eingangstor fundamentalistischer Ideen und Menschen dient. Die Grenzen der Halbinsel Italien sind ungemein lang und vor allem zu Wasser kaum zu sichern. Dabei kommt erschwerend hinzu, dass es für Moscheen und Bethäuser - anders als in Resteuropa - in Italien noch keine Registrierungspflicht gibt und demnach vieles im Verborgenen abläuft.
Gerade Triest steht mit seinen Fährverbindungen nach Albanien und Istanbul und der Auto-Transitachse Richtung Balkan als Hafen im Fadenkreuz der organisierten Kriminalität. Dass solche Aktivitäten, oft in Händen albanischer oder türkischer Banden, früher oder später mit dem Begehren islamischer Fundamentalisten nach Waffen und Rekruten zusammenfallen würden, hatte die italienische Polizei schon länger befürchtet.
Politik der behutsamen Eingliederung
Während rechte Parteien im Parlament warnen, auch die Aktivitäten Tausender in Lampedusa oder Sizilien gestrandeter Bootsflüchtlinge aus dem islamischen Nordafrika seien nicht zureichend zu kontrollieren, wiegelt Innenminister Giuliano Amato ab und beharrt gemeinsam mit Integrationsministerin Turco auch nach den beunruhigenden Funden von Umbrien weiter auf dem Konzept der behutsamen Eingliederung. Der Forderung der fremdenfeindlichen Lega Lombarda nach einem Verbot von Burka und Kopftuch trat der Sozialist erst jüngst entgegen: Man müsse den Einwanderern mehr Geduld entgegenbringen. Auch in Sizilien seien vor einer Generation Ehrenmorde, Jungfrauenkult und die Verhüllung von Frauen im öffentlichen Leben noch allseits akzeptierte, katholische Landessitte gewesen - was dem Minister prompt den harschen Protest sizilianischer Politiker einbrachte, die ihre Insel als italienisches Afghanistan verunglimpft sahen.
Trotz Berlusconis Soldatenmission in den Irak hatte Italien bisher keinen Anschlag zu erdulden, dieweil die traditionellen Roten Brigaden - Wiedergänger einer überlebten Ideologie - immer noch aktiv sind. Der Abzug der Truppen aus dem Südirak durch die Regierung Prodi hat das Risiko islamischer Gewalt kurzzeitig weiter sinken lassen. Dennoch sind die Behörden sich bewusst, dass ein einziger Anschlag wie in London, Madrid, Istanbul die vermeintliche Ruhe sofort beenden und das Klima in landestypische Hysterie umschlagen lassen würde. Denn als Mutterland des Katholizismus befindet sich Italien durchaus im Visier fanatischer Muslime, obwohl sich der Vatikan traditionell freundlich gegenüber den Palästinensern verhält und Bushs verheerenden Irak-Krieg von Anfang an vehement ablehnte.
Sorge rund um den Vatikan
Wer heute eine Papstaudienz, wer den Petersdom oder die Vatikanischen Museen besucht, sieht sich ganz anderen Kontrollen gegenüber als noch vor einigen Jahren. Metalldetektoren, diskret allgegenwärtige Carabinieri, bewaffnete Aufpasser in Zivil und Überwachungskameras zeugen von der Sorge rund um den Vatikan. Dass hier - wie auch im Chemiehafen von Venedig - Flugabwehrraketen installiert wurden, lässt sich bei staatlichen Stellen weder bestätigen noch dementieren. Aber man kann getrost ähnlich weitreichende Maßnahmen erwarten.
Umgekehrt sind sich die Italiener bewusst, dass ihr Alltag und auch ihre Kunstschätze nicht umfassend geschützt werden können. So haben Überwachungskameras Verdächtige beim Besuch des Petronius-Doms von Bologna festgehalten, als sie sich hier ein diffamierendes Fresko von Mohammed aus dem vierzehnten Jahrhundert ansahen und die Möglichkeiten einer Sprengung ausloteten. Doch verzichtet man mit italienischer Gelassenheit an vielen eigentlich heiklen Orten noch auf Personen- oder Gepäckkontrollen. Gezielte Attacken auf den Islam, etwa die Entblößung eines Hemdes mit Mohammed-Karikatur durch den einstigen Minister Calderoli live im Fernsehen, haben bei der überschaubaren muslimischen Gemeinde in Italien keineswegs offenen Fanatismus ausgelöst, und tödliche Gewalttaten wegen solcher Provokationen gab es nur im islamischen Ausland.
Ergebnislose Terroristenprozesse
Bereits 2003 erschien ein Buch eines auf Immigranten-Prozesse spezialisierten römischen Anwalts über die Bedrohung durch den islamischen Terrorismus. Der Autor, Carlo Corbucci, kam darin zu dem Schluss, dass in Zukunft nur schwer eine Grenze zwischen der organisierten Kriminalität von Zuwanderern einerseits und Netzwerken von Terroristen andererseits gezogen werden könne. In der Tat verliefen fast alle der wenigen Prozesse gegen vermeintliche islamische Attentäter im Sande anderer Delikte. Ob das aber eine Tatsache ist, die zu Optimismus Anlass gibt?
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Behutsames Füsseküssen
Dirk R Bode (Patou)
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