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Gefahr durch Islamisten (3) Das Böse kommt von außen

20.07.2007 ·  Alle sechzehn amerikanischen Geheimdienste haben sich zusammengetan und warnen die Vereinigten Staaten vor weiteren Terrorschlägen. Der Zeitpunkt dieser Warnung kommt dem Präsidenten nicht ungelegen. Denn sein Werbefeldzug für den Irak-Krieg hat gerade begonnen.

Von Jordan Mejias, New York
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Eine altersschwache Dampfleitung fliegt in die Luft, und sogleich kehrt die Angst zurück. Der Terror hat New York im Griff, ohne wirklich in Erscheinung zu treten. Der Anschein eines Anschlags genügt.

Mögen auch Leute wie Michael Chertoff, der für den Heimatschutz zuständige Minister der Regierung Bush, noch so viel Spott ernten, wenn sie unheilvoll orakeln. In diesem Sommer, so hatte er der „Chicago Tribune“ erklärt, könnte für das Land die Gefahr eines Terrorangriffs steigen.

Die Warnung führte er auf seinen Instinkt, sein „Bauchgefühl“ zurück. Das war nicht nur unglücklich formuliert, sondern nahm auch seinem Hinweis auf die Bedrohung, die Islamisten für die Vereinigten Staaten nach wie vor darstellten, jede Dringlichkeit. Chertoffs Bauch mag indes nicht die einzige Quelle seines Wissens gewesen sein.

Das Bild eines gefährdeten Landes

Was er im Kopf hatte, aber wohl noch nicht öffentlich erklären durfte, kam jetzt zum Vorschein, als sechzehn amerikanische Geheimdienste in einer gemeinsamen Erklärung, einem „National Intelligence Estimate“, ihre Lagebeurteilung kundtaten. Nicht ganz überraschend war es, dass die Geheimdienstler Chertoffs „Bauchgefühl“ bestätigten.

Die wenigen Passagen ihrer Untersuchung, die für die Öffentlichkeit freigegeben wurden, zeichnen das Bild eines gefährdeten Landes. Während der nächsten drei Jahre, also weit über diesen Sommer hinaus, seien die Vereinigten Staaten einer „anhaltenden und sich wandelnden Bedrohung“ ausgesetzt.

„Die Hauptbedrohung“, heißt es in der Studie, „geht von islamischen Terrorgruppen und -zellen aus, vor allem von Al Qaida, die ihren Antrieb im unverminderten Streben finden, das Land anzugreifen, und in einem fortgesetzten Bemühen dieser Terrorgruppen, sich anzupassen und ihre Fähigkeiten zu verbessern.“ Al Qaida plane Angriffe, die in ihren Ausmaßen nicht hinter denen des 11. September zurückständen.

„Al Qaida in Mesopotamien“

Als besonders gefährlich wird die im Irak agierende Organisation von Al Qaida bezeichnet. Der Irak-Krieg helfe „Al Qaida in Mesopotamien“, Kontakte zu knüpfen und Erfahrung für einen Angriff auf Amerika zu sammeln, zugleich könne Al Qaida mit dem Verweis auf seinen irakischen Zweig den Eifer sunnitischer Extremisten neu entfachen, leichter Geld auftreiben, Mitglieder anwerben und indoktrinieren.

Womit der Bericht der Geheimdienste zwangsläufig in die Washingtoner Schusslinien gerät. Denn um die Frage, ob der Irak-Krieg, wie der Präsident behauptet, den Kampf gegen Terroristen in die Ferne verlegt hat oder, wie ihm seine Gegner vorhalten, nicht doch eher die Bedrohung für Amerika noch verschärft, kreist eine der zentralen politischen Debatten des Landes.

Die Regierung in der Zwickmühle

Die Geheimdienste kommen zwar zu dem Schluss, dass die global geführte Kampagne gegen den Terror die Gefahr eines Angriffs von Al Qaida auf die Vereinigten Staaten eingeschränkt habe. Aber der Eifer der Terroristen, das Land anzugreifen, habe sich nicht verringert.

Offen gelassen wird, ob die Bürger jetzt in größerer Sicherheit leben als vor dem 11. September. Selbst Präsidentschaftskandidaten aus ein und derselben Partei sind unterschiedlicher Ansicht. Hillary Clinton hält Amerika, dank verstärkter Schutzmaßnahmen, für sicherer, ihr Rivale Barack Obama fühlt sich weniger sicher, trotz aller Schutzmaßnahmen.

Beide glauben, der Irak-Krieg habe die Bedrohung des Landes erhöht. Die Regierung befindet sich derweil in einer Zwickmühle. Sie muss die Angst schüren, um nicht ganz die Unterstützung für den Irak-Krieg zu verlieren, darf sich jedoch nicht nachsagen lassen, sie habe nicht genug für den Heimatschutz getan und die Sicherheit des Volkes aufs Spiel gesetzt.

Konsens und kein „Beweis oder Erkenntnis“

Der Bericht über die Bedrohung der Vereinigten Staaten ist als Konsens der Geheimdienste zu verstehen, wie er sich über die vergangenen Monate herausgebildet hat. Ausdrücklich wird darauf verwiesen, dass die Einschätzung auf unvollständigen Informationen beruhe, dass sie nicht als „Faktum, Beweis oder Erkenntnis“ zu begreifen sei. Auch dadurch werden die Ergebnisse für politische Interpretationen anfällig.

Schon der Zeitpunkt der Veröffentlichung hat viel Skepsis ausgelöst. Kann es Zufall sein, dass der Senat gerade über einen Truppenabzug debattiert, dass der Präsident einen Werbefeldzug für den Irak-Krieg begonnen hat und es ihm darum gewiss nicht ungelegen kommt, wenn das amerikanische Volk von Fachleuten an seine terroristische Gefährdung erinnert wird?

Antiamerikanische Rhetorik in vielen Weltgegenden

Amerikaner dürften sich heute weniger bedroht fühlen als viele Europäer. Der Irak-Krieg findet in weiter Ferne statt, seit dem 11. September ist das Land von Anschlägen verschont geblieben. Die Mahnungen einer Regierung, die Terrorangst politisch instrumentalisiert und jetzt bei einer Mehrheit jeden Respekt verspielt hat, werden oft nicht mehr ernst genommen.

Darin liegt eine Gefahr, der auch die Studie der Geheimdienste nur schwer entgegenwirken kann. Sie fasst gleichwohl triftig zusammen, wie radikale Ideen dank des Internets sich immer weiter und schneller verbreiten, antiamerikanische Rhetorik sich in vielen Weltgegenden zuspitzt, Terrorzellen sich in westlichen Ländern vermehren und gewaltbereite Segmente in der muslimischen Weltbevölkerung Zulauf haben.

Muslime besser ausgebildet

Allerdings gibt es auch einen Lichtblick. „Wir vermuten“, so der Bericht, „dass die interne muslimische Bedrohung wahrscheinlich nicht so ernst ist wie in Europa.“ Das deckt sich mit Eindrücken und Umfragen aus den letzten Jahren. Auf die vom „Council on American-Islamic Relations“ gestellte Frage, ob amerikanischen Muslimen zuzutrauen sei, im Krieg gegen den Terror mitzuziehen, antworteten 41 Prozent der befragten Amerikaner mit Ja, 36 Prozent hatten dazu keine Meinung und 23 Prozent bezweifelten, dass auf ihre muslimischen Mitbürger Verlass sei.

Ein ideales Ergebnis ist das nicht, aber es deutet durchaus darauf hin, dass sich das Misstrauen gegenüber dieser Bevölkerungsgruppe in Grenzen hält und ihr nicht von vornherein terroristische Tendenzen unterstellt werden. Amerikas Muslime sind besser ausgebildet als der Rest der Bevölkerung, sie verdienen mehr, fühlen sich nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt und sind bereit, sich zu assimilieren, Bürger in der neuen Heimat zu werden. Nicht vom Islam im Inland, sondern von Islamisten aus dem Ausland kommt, wie die Geheimdienste es bestätigen, die Bedrohung für die Vereinigten Staaten.

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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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