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Gefälschte Anklage Der erfundene Horror der chinesischen iPad-Fabriken

 ·  Mike Daisey erregte durch die drastische Schilderung der Verhältnisse in einem chinesischen Apple-Zulieferbetrieb große Aufmerksamkeit. Nun musste er öffentlich einräumen, diese Szenen erfunden zu haben.

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Wer sich für die Pathologie der öffentlichen Lüge interessiert, konnte dieser Tage ein bemerkenswertes Schauspiel im amerikanischen Radio verfolgen. Das wöchentliche Dokumentarprogramm „This American Life“ entschuldigte sich eine geschlagene Stunde lang für seine bis dahin erfolgreichste Sendung, eine im Februar ausgestrahlte Show über die Arbeitsbedingungen in einer chinesischen Fabrik des Unternehmens Foxconn, wo Apple-Produkte hergestellt werden. Es war nicht irgendein Sendeplatz: „This American Life“ ist das renommierteste und älteste in einer Reihe von innovativen Themenprogrammen auf NPR (National Public Radio), die eine bemerkenswerte Renaissance des amerikanischen Hörfunks bewirkt haben.

Im Januar hatte das Programm einen vierzigminütigen Auszug aus Mike Daiseys Ein-Personen-Broadwayshow „The Agony and the Ecstasy of Steve Jobs“ gesendet, eingerahmt von einer kurzen Einleitung des Moderators Ira Glass und einem redaktionellen Teil, der die Faktizität von Daiseys Darstellung im Wesentlichen bestätigte. Daisey ist Performance-Künstler; in seinem Broadway-Stück erzählt er, allein an einem Tisch sitzend, wie er die riesige Foxconn-Fabrik in Shenzhen besuchte, um herauszufinden, wo unsere iPhones und iPads hergestellt werden. Das Ergebnis ist „powerful“, wie man im Amerikanischen sagt: eine aufrüttelnde Geschichte über unbekannte Opfer.

Ein Kritiker des Konzerns

Unter Aufbringung aller emotionalen Mittel der Erzählstimme berichtet Daisey, wie er in Shenzhen Arbeitern begegnete, die im Akkord mit Giftstoffen hantieren und sogar Körperteile einbüßen, damit die Digitalgeräte amerikanischer und europäischer Nutzer einen Glasbildschirm erhalten, der nicht zerkratzt, wenn er in der Hosentasche gegen den Schlüsselbund scheuert. „Es ist wie Zauber“, staunt ein alter Chinese mit deformierten Fingern, als Daisey ihm vorführt, wie ein iPad funktioniert. „In diesem Moment wird mir klar“, haucht Daisey ins Mikrofon, „er hat noch nie einen laufen sehen. Dieses Ding, das ihm seine Hand nahm.“

Die Sendung war ein Hit; bis heute ist sie der am häufigsten heruntergeladene Podcast von „This American Life“. Hunderttausende von Unterschriften wurden gesammelt, um Apple zu bewegen, die Arbeitsbedingungen in seinen chinesischen Fabriken zu verbessern. Daisey trat in Talkshows als prominenter Kritiker des Konzerns auf. Die „New York Times“ brachte eine Serie von Artikeln über Apples Auslandsproduktion. Schließlich willigte Apple ein, unabhängige Gutachter in China zuzulassen und die Identität aller Lieferanten offenzulegen - das hatte der Konzern zuvor hartnäckig abgelehnt.

Schon die Dramatik des Bühnendialogs war verdächtig

Die Redaktion von „This American Life“ hatte Daiseys Foxconn-Beschreibungen vor der Sendung überprüft; der Inhalt deckte sich weitgehend mit dem, was über das Unternehmen bekannt war. Nur die chinesische Übersetzerin, Cathy, die Daiseys Augenzeugenbericht hätte bestätigen können, war nirgends aufzutreiben. Ihr Name sei nicht Cathy, sagte Daisey den Redakteuren, sondern Anna und ihre Handynummer sei nicht mehr aktiv, er könne sie nicht erreichen.

Solche Dinge gehen gut, bis sie nicht mehr gutgehen. Rob Schmitz, ein amerikanischer China-Korrespondent, der durch Unstimmigkeiten im Monolog misstrauisch geworden war, machte Cathy ausfindig - sie nennt sich wirklich so - und interviewte sie. Was man an der virtuosen Dramatik des Bühnenmonologs schon hätte erkennen können, wurde nun überdeutlich: Daisey hatte eine Geschichte erzählt. Zwar war er tatsächlich zu Besuch in einigen chinesischen Fabriken gewesen und hatte dort mit Arbeitern gesprochen, aber die folgende Broadwayshow war eine Aufführung, ihre Hauptfigur ein Schauspieler, der Anekdoten und Gerüchte aus unterschiedlichen Quellen verdichtete und in der ersten Person vortrug. Die Menschen, deren unerhörtes Schicksal er uns mit kraftvoller Stimme näherbrachte, existierten in dieser Form nur in seiner Phantasie.

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Frank Kelleter ist Professor am Lehrstuhl Nordamerikastudien der Georg-August-Universität Göttingen.

Quelle: F.A.Z.
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20.03.2012, 16:35 Uhr

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