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Gedenktagsmanie Der Jahrgang1813

Was kann man mehr oder minder berühmten Biographien entnehmen, die 1813 entweder begannen oder endeten: Ein Beitrag zur grassierenden Aufmerksamkeit für Jahrestage.

Kennen Sie George Shaw? George ohne Bernard Shaw? Nie gehört? Haben wir uns gedacht, kannten ihn nämlich bis gerade eben selbst nicht. George Shaw war der erste Mensch, der den amerikanischen Ochsenfrosch beschrieben hat. Und das graue Riesenkänguru. Und den Nacktnasenwombat. Groß rausgekommen ist Shaw aber mit dem Schnabeltier, das damals, 1798, als man es in Australien entdeckt, sofort erlegt und nach London ans Britische Museum geschickt hatte, eine Riesensensation war.

Jürgen Kaube Folgen:  

Wie wir ausgerechnet jetzt darauf kommen? Nun, wegen 1813. Noch das ganze Jahr über wird nämlich dauernd daran erinnert werden, wer alles 1813 geboren wurde. Was ja tatsächlich verblüffend ist: Wagner und Verdi, zwischen denen sich die Anhänger früher meinten entscheiden zu müssen, das ist kurios. Dann Georg Büchner, der sich bestimmt keine Bühnenweihfestspiele ausgedacht hätte, wäre er so alt geworden. Außerdem auch Friedrich Hebbel, der unbekannt Gewordene, mit dessen „Maria Magdalena“ ältere Semester noch auf der Schule traktiert worden sind - leidende Frau ging auf dem Gymnasium immer -, von dem sie aber besser die Tagebücher gelesen hätten.

Ziemlich große Worte

Außerdem Sören Kierkegaard, der noch nie an Schulen gelesen wurde, aber das meiste ersetzt, was da so gelesen wird. Und dann noch Otto Ludwig, der, wie uns gerade erzählt wurde, in sich verbohrte Erfinder des psychologischen Romans. Wenn man nun all diese Namen nebeneinanderstellt, dann kann man gar nicht anders als fragen, ob diese Männer - 1813 wurde so gut wie keine berühmte Frau geboren, von der Handauflegerin Dorothea Trudel aus der Schweizer Gebetsheilanstalt Männedorf einmal abgesehen - noch irgendetwas gemeinsam haben.

Man kommt dann auf ziemlich große Worte, Worte wie Revolte, Angst, Eros, Drama, Schuld, Mythos oder Realismus. Und macht anschließend die Gegenprobe auf 1813, mit der Liste der Berühmtheiten, die alle 1813 gestorben sind: Scharnhorst, der das preußische Heer reformierte; Bodoni, der große Typograph; Reil, der den Begriff „Psychiatrie“ erfand; Wieland, der poetische Aufklärer; Lagrange, der von den Lagrange-Gleichungen; und schließlich eben Shaw vom Schnabeltier.

Ein Kontrastbild

Und ohne dass man ja viel auf Jahreszahlen geben möchte, ergibt sich jetzt doch ein merkwürdiges Bild. Denn alle, die 1813 abtraten, hatten der Menschheit etwas überschaubar Verständiges, Praktisches hinterlassen. Alle Höchstprominenz hingegen, die 1813 geboren wurde, steht für eine Welt oder jedenfalls die Sicht einer Welt, in der sich mit dem Verstand nicht mehr viel ausrichten lässt.

Eine Welt zum Beispiel, in der ständig Jahrestage begangen werden, auch wenn niemand sagen kann, was der ganze Zufall eigentlich bedeutet. Woran also sollen wir uns erinnern, wenn wir an 1813 denken? Gut, dass bald 1814 dran ist, da wurde Adolphe Sax geboren, der mit dem Saxophon.

Quelle: F.A.Z.

 
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