26.05.2004 · Der Rauswurf des Architekten Peter Zumthor bei der „Topographie des Terrors“ ist der Schlußstrich unter einem finanziellen, administrativen, architektonischen und erinnerungspolitischen Fiasko.
Von Heinrich WefingPeter Zumthor ist nicht mehr der Architekt der Berliner Gedenkstätte "Topographie des Terrors". Bund und Land haben den Schweizer, wie gemeldet, am Dienstag von seinem Auftrag entbunden, eine Dokumentations- und Ausstellungshalle zu bauen, nachdem eine Studie des Bundesbauministeriums zu dem Ergebnis gekommen war, das Projekt berge trotz mehrfacher Preiserhöhungen und mancher Überarbeitung immer noch erhebliche Kostenrisiken.
Die drei Treppentürme, die nach der im Jahr 2000 verhängten Stillegung der Baustelle wie Monumente des Scheiterns auf dem ehemaligen Prinz-Albrecht-Gelände herumstehen, sollen abgerissen werden. Das Projekt wird neu ausgeschrieben, und die fünfzehn Millionen Euro, die das Vorhaben bislang verschlungen hat, werden der Staatskasse unter dem Stichwort "Berliner Sumpf" abgebucht. Ob Zumthor, der 1993 einen Wettbewerb gewonnen hatte, gegen seine Ausbootung klagen wird, prüfen gerade seine Anwälte,
Ein Schlußstrich
Kulturstaatsministerin Weiss und ihr Berliner Amtskollege Flierl haben mit dieser Entscheidung einen Schlußstrich gezogen unter ein finanzielles, administratives, architektonisches und erinnerungspolitisches Fiasko, das sich über ein Jahrzehnt hingezogen hat. Sie wollen nun einen neuen Anfang versuchen. Sie haben damit einen Mut und eine Tatkraft bewiesen, die ihnen in der Vergangenheit immer mal wieder abgesprochen worden waren.
Die Demonstration der Entschlossenheit, das Elend dieser Baugeschichte nicht ins Unendliche zu verlängern, dürfte den zuständigen Kulturpolitikern deshalb leichter gefallen sein, weil sich die Stimmung in der Stadt und der Kritik so erkennbar gegen den Architekten gedreht hatte. Seine unerschütterliche Sturheit, seine zehnjährige Weigerung, die konstruktiven und statischen Probleme seines Entwurfs überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, haben zuletzt auch seine Sympathisanten verstört. Sein in mehreren Interviews verbreiteter Ärger über das Procedere der Auflösung seines Vertrages ist verständlich. Für Dolchstoßlegenden aber taugt das Ende nicht. Zumthor hat zu lange zu hoch gepokert und auf die immerwährende Belastbarkeit Berlins gerechnet. Diese Kalkulation ist sowenig aufgegangen wie die der Baukosten von zuletzt fast vierzig Millionen Euro.
Großmannssucht und Gier
Bei seinem Rauswurf - und nichts anderes als ein Rauswurf ist die hastig ins Werk gesetzte Trennung von dem Schweizer - freilich darf die Entschiedenheit der Kulturpolitiker in Bund und Land nun nicht enden. Genauso zügig muß jetzt ein neuer Architektenwettbewerb ausgeschrieben werden, genauso schnörkellos müssen die Auslobungsbedingungen geklärt werden. Großmannssucht und die Gier nach Meisterarchitekten dürfte den Bauherren vergangen sein.
Die Berliner Bauverwaltung, die in Vorwendezeiten einen ausgeprägten Hang zur Sammlung von Starbaumeistern entwickelt hatte, ist entmachtet; die Kostenseite des Vorhabens scheint endlich unter Kontrolle genommen. Offenbar zieht ein gewisser Pragmatismus in die Planungen ein. Die Stiftung "Topographie des Terrors" hat bereits angekündigt, ihren Raumbedarf und das Nutzungsprofil des künftigen Dokumentationszentrums noch einmal präzisieren zu wollen. Das kann nur hilfreich sein.
Aufzählung von Widersprüchen
Es beantwortet aber noch nicht die heikle Frage, welche Gestalt das Dokumentationszentrum für die "Topographie" bekommen soll, nun, da Zumthors artifizieller Minimalismus im Archiv der Baugeschichte abgelegt ist. Jeder Versuch einer Antwort endet in einer Aufzählung von Widersprüchen. Der kommende Bau muß gleichermaßen karg und markant sein. Sparsam in der Gestik, funktionell und zurückhaltend, darf sich aber gleichwohl nicht in der Beliebigkeit eines Gewerbekisten-Funktionalismus verlieren. Er muß dem verwunschenen, vermaledeiten, struppigen Ort hinter dem Gropius-Bau, an dem die Terror-Zentralen standen, seine eigentümliche Anmutung lassen, kann als Architektur aber auch nicht einfach hinter dem Gelände und der Faszination des Authentischen verschwinden.
Jede Flucht in die Neutralität nämlich verstellen die muskulösen Nachbarn, der elegante Gropius-Bau ebenso wie das ehemalige Reichsluftfahrtministerium gleich jenseits des Mauerstreifens. Eine eigenständige Präsenz aber sollte das künftige Ausstellungshaus vor allem auch deshalb besitzen, weil es unvermeidlich seinen Platz neben den beiden anderen zentralen Gedenkorten Berlins behaupten muß, dem Holocaust-Mahnmal und dem Jüdischen Museum mit ihren symbolisch hochaufgeladenen Architekturen.
Bittere Ironie
Der nächste, der immerhin schon dritte Wettbewerb für das Gelände, stellt wiederum extrem schwierige Anforderungen an die Teilnehmer. Unlösbar sind sie nicht. Es gibt durchaus Bauwerke, die Markanz und Eigenständigkeit mit Spröde und Bescheidenheit zu verbinden wissen. Und es ist nicht ohne bittere Ironie, daß eines der überzeugendsten Beispiele solcher Architektur ausgerechnet von Zumthor selbst stammt: seine Schutzpavillons für römische Ausgrabungsfunde in Graubünden - ein Bau, dessentwegen die Berliner Auslober seinerzeit überhaupt darauf kamen, den Architekten aus der Schweiz zum Wettbewerb einzuladen.
Er beweist nebenbei (wenn es dafür überhaupt eines Beweises bedürfte), daß Zumthor ein bedeutender Architekt ist. In Berlin hat er unglücklich agiert. Seine Entlassung ist unerfreulich, aber richtig. Doch gibt es wahrlich keinen Anlaß, ihn als Alleinschuldigen des Debakels der "Topographie" zu brandmarken.