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Gedenkstätten Anordnung muß sein

16.03.2005 ·  Die Historiker Ulrich Herbert, Norbert Frei und Götz Aly haben einen Plan. Sie verlangen von der Bundesrepublik eine „Gesamtaussage“ zum Nationalsozialismus und möchten Berlins Gedenkstätten einem hauptamtlichen Direktor unterstellen.

Von Patrick Bahners
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Vor zwei Wochen ging aus der deutschen Hauptstadt eine überraschende Nachricht in die Welt: „Historiker fordern Gesamtdarstellung des NS-Regimes“! Da fehlte flankierend nur die Schlagzeile: „Nach Oscar-Flop: Deutsche Filmindustrie entdeckt Hitler“.

Wer eine Gesamtdarstellung des NS-Regimes sucht, muß in eine Buchhandlung gehen. Als die Deutsche Verlags-Anstalt begann, die auf drei Bände angelegte Geschichte des „Dritten Reiches“ aus der Feder des berühmten englischen Historikers Richard J. Evans übersetzen zu lassen, ließen sich deutsche Fachkollegen des Autors mit der Einschätzung vernehmen, eine solche populäre Gesamtschau des Forschungsstandes möge auf dem globalen Buchmarkt ihren Wert haben, werde dem hiesigen Publikum aber nichts Neues bieten.

Konzertierte Aktion

Doch Ulrich Herbert, Norbert Frei und Götz Aly richteten ihre Forderung, die sie in einer konzertierten Aktion auf einer Tagung der Bundeszentrale für politische Bildung vortrugen, ja gar nicht an Verlagsbranche oder Buchpreisjurys. Die Gesamtdarstellung des NS-Regimes, die ihnen ein Desiderat ist, soll nicht zwischen Buchdeckeln realisiert werden, sondern an Stellwänden und in Vitrinen, im Medium der historischen Ausstellung - und zwar im Auftrag des Staates.

Wo die Staatsministerin für Kultur bislang nur erwog, den Institutionen, die in Berlin die nationalsozialistischen Staatsverbrechen dokumentieren, die Kooperation unter dem Dach einer neu zu errichtenden Stiftung zu ermöglichen, da schwebt den Gelehrten nicht bloß eine Dachorganisation, sondern ein komplett neues Gebäude vor.

Ein gemeinsames Projekt

Das Denkmal für die ermordeten Juden mit seinem Ort der Information, die Topographie des Terrors auf dem Gelände der Gestapo-Zentrale und die Wannsee-Villa als Ort der massenmörderischen Beschlußfassung sollen „gemeinsam das Projekt ,Dokumentation der NS-Verbrechen' bilden“ und zu diesem Zweck von einem hauptamtlichen Direktor „geführt“ werden - so der Plan, den Ulrich Herbert am 4. März in diesem Feuilleton begründet hat.

Um die Aufregung einordnen zu können, die die Eingabe der prominenten Projektgruppe nicht nur bei den von den Neubauplänen Betroffenen hervorgerufen hat, muß man das Haus beim richtigen Namen nennen: Eine Behörde soll entstehen, ein Amt für nationales Gedächtnis. Ausdrücklich hat Herbert seinen Vorschlag nicht auf die Erwartung administrativer „Synergieeffekte“ gestützt.

Peinliche Bauruine

So kann beim Für und Wider nicht den Ausschlag geben, ob dem gesuchten Gesamtdirektor die Überlistung des Berliner Schlendrians zuzutrauen wäre, der für die peinliche Bauruine der Topographie verantwortlich ist. Es geht ums Große und Ganze, um Politik. Was würde die Schaffung der Dauerstelle eines Projektleiters NS-Gesamtdokumentation für die Öffentlichkeit der Republik bedeuten?

Es gäbe dann in allen vergangenheitspolitischen Streitfällen einen geborenen Gutachter, dem kraft Amtes das erste Wort zufiele. Man hört die Radiomeldungen schon: „Berlin. In der Kontroverse um die als antisemitisch kritisierte Rede des Bundestagsabgeordneten H. sagte der Direktor der Bundesstiftung Dokumentation der NS-Verbrechen...“ Es redete dann eben nicht nur der Leiter eines universitären Zentrums für Antisemitismusforschung. Oder der Beiratsvorsitzende eines von mehreren hauptstädtischen Informationsorten. Und auch nicht der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte. Das IfZ, das in Berlin nur eine Abteilung unterhält, ist seiner Alimentation durch Bund und Länder zum Trotz eine Einrichtung der reinen Forschung.

Politische Autorität

Der Oberaufseher über das gesamte Gedenkstättenpersonal spräche demgegenüber mit anderer, nämlich auch mit politischer Autorität. Seines Amtes wäre es ja, Sorge zu tragen für die Version der verbrecherischen Vorgeschichte unseres Staates, die der Staat selbst präsentieren möchte - an den „authentischen“ Orten des Verbrechens, fußläufig zu den authentischen Orten heutigen Regierens, so daß Staatsgäste und Touristen dann gerne zum Mahnmal hingehen und zur Topographie weitergehen.

Angesehenste Fachvertreter

Mit dem politischen Fingerspitzengefühl, das nötig ist, um mehrsprachige Schrifttafeln dem jeweils erreichten Stand des moralischen Bewußtseins anzupassen, müßte sich in der Person des Direktors höchster wissenschaftlicher Sachverstand verbinden. Denn soll er, wie es Herbert, Frei und Aly wollen, ohne Einrahmung durch Beiräte die Gewähr für eine Gesamtdarstellung auf der Höhe der Forschung bieten, dann muß er unter den angesehensten Fachvertretern gesucht werden, Forschern vom Rang Herberts, Freis und Alys.

Die aus gedenkkalendarischem Anlaß beschlossene Einschränkung des Versammlungsrechts läßt ahnen, daß künftig immer häufiger umstritten sein wird, welche Meinungen über den Nationalsozialismus überhaupt unter anständigen Menschen geäußert werden dürfen. In der Geschichtspolitik geht es um den Zutritt zum öffentlichen Raum; wer gegen das Tabu der Relativierung verstößt, zieht das moralische Todesurteil auf sich.

Ein Zeichen der Zeit

Als Resultat des Gedenkjahres zeichnet sich ab, daß man von Vertreibung und Ausbombung nicht mehr reden sollte, ohne im selben Satz den deutschen Angriffskrieg als „die“ Ursache dieser Handlungen zu benennen. Die CDU-Bundesspitze soll sich darum gekümmert haben, daß die entsprechenden Sprachregelungen bis hinunter auf die Ebene von Berliner Bezirken Beachtung fanden.

Das Verbot, die NS-Herrschaft zu billigen, zu verharmlosen oder zu rechtfertigen, eröffnet zeithistorischen Sachverständigen ein weites Feld. Wurden sie vor Gericht bislang hinzugezogen, um Einzelfragen wie Opferzahlen oder die Form von NS-Symbolen zu klären, so kann es künftig mit dem Staatsanwalt zu tun bekommen, wer die falsche Gesamtdarstellung zitiert. Insofern ist die Forderung, es nicht mehr den Leitern der einzelnen Berliner Gedenkstätten zu überlassen, ihre Ausstellungen im Lichte der fortschreitenden Forschung zu aktualisieren, ein Zeichen der Zeit.

Protest der linken Historiker

Vor zwanzig Jahren rief das Vorhaben des Bundeskanzlers Kohl, ein Museum der deutschen Geschichte einzurichten, den Protest derjenigen Historiker hervor, die im Fach den linksliberalen Ton angaben. Süffisant wurde angemerkt, nur Diktaturen brauchten eine autorisierte Version der Nationalgeschichte. Nun soll neben die künftige Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums eine zweite offiziöse Gesamtschau der nationalsozialistischen Epoche treten.

Herbert und Frei, geboren 1951 und 1955, werden bisweilen noch als „jüngere“ Vertreter ihrer Disziplin apostrophiert; das belegt die prägende Kraft der Gründerheroen der „kritischen“ Historie, deren Nachfolger sie ihrer politischen wie wissenschaftlichen Sozialisation nach sind. Frei bekleidete in Bochum den Lehrstuhl Hans Mommsens und wechselte kürzlich nach Jena als Nachfolger von Lutz Niethammer, dem Lehrer Herberts. In dem gerade erschienenen Aufsatzband „1945 und wir“ rührt Frei die Trommel wider die Relativierer; daß die Deutschen Opfer sein wollen, soll ihnen durch eine Gesamtbetrachtung des von ihnen Angerichteten ausgetrieben werden.

Das Pathos des Malochers

Diese kämpfende Wissenschaft ist Herberts Metier nicht. Er will durch Arbeit wirken, kultiviert das Pathos des akademischen Malochers. Daß er den alteuropäischen Typus des Historikers, der wie Ranke oder Heinrich August Winkler das Ohr der Mächtigen sucht, für ein Auslaufmodell hält, spielte hinein in seinen Entschluß, einen Berliner Ruf abzulehnen und in Freiburg zu bleiben.

Dieser Gestus des Sachlichen in der zweiten Generation der „kritischen“ Geschichtswissenschaft bildet einen merkwürdigen Kontrast zu der Robustheit, mit der die regierenden Achtundsechziger geschichtspolitische Signale setzen. Der Kanzler findet nichts dabei, die Siegesparaden der Allierten abzunehmen, und der Außenminister verhängt über frühere Parteigenossen unter den Angehörigen seines Amtes die damnatio memoriae. Der Bundesregierung bleibt in der Verwirrung, die sie umfängt, als Reminiszenz einer Gesamtstrategie eine letzte Gewißheit - historisch auf der richtigen Seite zu stehen.

Moralischer Optimismus

Dieser moralische Optimismus begegnet in Herberts Projekt des Gedenkdirektorats in der abgekühlten Variante der wissenschaftsbürokratischen Phantasie: Wer sich auf der Höhe der Zeit bewegt, hat den Überblick. Frei hat ausgesprochen, wie er sich die „Gesamtaussage“ des Berliner Gedenkparcours denkt: Hitlers Reich war eine „Konsensdiktatur“.

Freilich muß die von diesem Begriff implizierte Gesamtdeutung als höchst strittig gelten, wie in diesen Tagen der Rezensentenstreit um Alys „Volksstaat“ vor Augen führt. Was soll die „Gesamtsicht“ nach Herberts Willen zeigen? Das „Gesamtphänomen“ im „Gesamtzusammenhang“. Er greift dem zu ernennenden Direktor nicht vor, variiert die Leerformeln der histoire totale, statt sie andeutend zu füllen. Es kommt nicht darauf an, was man sagen will. Alles ist eine Frage der Organisation. Losung: Das Gedenken muß sich „durchgreifend professionalisieren“.

Zwang zur Distanzierung

Herberts Schüler Nicolas Berg hat in einer beeindruckenden Untersuchung dargelegt, wie die Denkstile der Nachkriegshistorie durch den Zwang zur Distanzierung affiziert wurden. Die Betonung der Eigendynamik von Sachzwängen bei Martin Broszat und Hans Mommsen dekodiert Berg als Verdrängung von Verantwortung.

Mit Herberts Biographie über Werner Best, den Stellvertreter Heydrichs, ist aus dem polykratischen Chaos rivalisierender Dienststellen wieder der Täter hervorgetreten - in der modernen Gestalt des fanatischen Experten. Administrative Rationalität wurde kontaminiert durch wissenschaftliche Ideologie: Es ist eine Lehre aus dieser Erkenntnis, wenn Herbert eine Historiographie ohne weltanschauliche Beimischungen produzieren möchte. Aber seine Absolutsetzung des Fachmannprinzips gibt Grund zu der Frage: Sollte auch die neueste Sachlichkeit in der NS-Forschung den Bann ihres Gegenstandes nicht gebrochen haben?

Victor Klemperer erzählt von dem Autoschlosser, der sich der Reparatur eines Vergasers mit den Worten brüstete, das habe er doch „fein organisiert“ - so überfüttert war er „mit der Vorstellung, daß jede Arbeit erst organisiert, das heißt auf eine disziplinierte Gruppe von einem Anordner verteilt werden müsse“. Die Berliner Gedenkstätten können ihre Arbeit ohne die Anordnungen eines professionellen Durchgreifers tun. Wo Geschichte zum Material der Politik wird, verhindert Polykratie die totale Immobilmachung des freien Fragens.

Quelle: F.A.Z., 17.03.2005, Nr. 64 / Seite 33
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Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

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