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Gedenken : Leipzig soll ein Holocaust-Museum erhalten

Nicht weit von Leipzig: das ehemalige KZ Buchenwald Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Deutschland bekommt ein nationales Holocaust-Museum - nicht in Berlin, sondern in Leipzig. Noch aber fehlt es sowohl an dem nötigen Geld als auch an einem klaren Konzept für die Gedenkstätte.

          Pläne, auch in Deutschland ein nationales Holocaust-Museum einzurichten, gibt es schon lange. Seit einigen Jahren bemüht sich die in Hannover ansässige Stiftung „Deutsches Holocaust-Museum“ um die Errichtung einer solchen Institution. Zunächst wollte die Stiftung das Museum in Berlin als ehemaligem administrativen Zentrum der nationalsozialistischen Vernichtungsindustrie angesiedelt sehen. Doch dort stieß Hans-Jürgen Häßler, Vorsitzender des Stiftungsvorstands, auf Einwände. Immer wieder hörte er die Befürchtung, ein nationales Holocaust-Museum werde dazu führen, daß die bestehenden Gedenkstätten weniger öffentliches Geld bekämen. Auch gebe es in Berlin schon genügend authentische Orte der Erinnerung und zudem mit dem Jüdischen Museum und dem Denkmal für die Ermordeten Juden Europas hervorragende Lern- und Gedenkorte. Ganz gewiß, so sagte man Häßler, wäre ein deutsches Holocaust-Museum in Berlin nur eine Einrichtung unter vielen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Also entschied sich die Stiftung „Deutsches Holocaust-Museum“, nach einem anderen geeigneten Ort Ausschau zu halten. Zuletzt waren, wie Häßler berichtet, noch Erfurt und Leipzig im Gespräch. In ihrer jüngsten Sitzung haben sich nun Vorstand und Kuratorium der Stiftung für Leipzig entschieden. Die Stadt ist bereit, der Stiftung den sogenannten Russischen Pavillon auf dem Gelände der Alten Messe für das Projekt zur Verfügung zu stellen. Wie viel Leipzig für das sanierungsbedürftige Gebäude verlangt, ist noch nicht klar. Georg Girardet, Beigeordneter für Kultur, sieht jedenfalls Möglichkeiten für seine Kommune, der Stiftung bei einem Kauf- oder Erbpachtvertrag günstige Konditionen zu gewähren. Zugleich schließt Girardet im Gespräch mit dieser Zeitung jedoch aus, daß sich Leipzig finanziell an dem Projekt beteiligt.

          Enormer Schuldenberg

          Zur Begründung verweist er auf die angespannte Haushaltslage der Stadt. Tatsächlich lastet auf Leipzig ein enormer Schuldenberg, und gerade im Kulturressort steht manches auf der Kippe. Girardet glaubt jedoch, daß es der Stiftung wie geplant gelingen kann, privates Kapital zusammenzubringen: „Bei dem Thema wird sich kaum jemand verschließen.“ Und tatsächlich findet sich auf der Internetseite der Stiftung (www.holocaust-museum.de/) schon heute eine beeindruckende Liste prominenter Unterstützer, die von Alfred Biolek und Kurt Biedenkopf über Friedrich Schorlemmer und Lothar Späth bis zu Wim Wenders reicht. Im Kuratorium sitzen unter anderen Günter Grass, der Theologe Hans Küng, die frühere Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin und der Präsident der Deutschen Unesco-Kommission Walter Hirche. Dennoch warnt der Leipziger Kulturbeigeordnete davor, das Projekt schon als Gewißheit zu betrachten. Schließlich müsse noch enorm viel Geld gesammelt werden.

          Auch mangelt es an einem detaillierten Konzept. Zwar möchte Häßler nach den Vorbildern der Holocaust-Museen in Washington und Jerusalem die emotionale Seite der Besucher ansprechen. Doch der promovierte Archäologe und die Stiftung wollen mehr: Ihnen schwebt eine „umfassende Gesamtdarstellung“ der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft vor. Laut derzeitigem Konzept soll es um nicht weniger gehen als die Präsentation der Geschichte des Nationalsozialismus, seiner gesellschaftlichen Wirkungsweise und Akzeptanz, der von ihm zu verantwortenden Verbrechen gegen die Menschlichkeit, der verschiedenen Opfergruppen, der Täter und Täterkreise, des Widerstands, der deutschen Besatzungsherrschaft in Europa, der verheerenden Folgen des Nationalsozialismus für die Deutschen selbst, der Nachwirkungen des Nationalsozialismus und der Formen und Schwierigkeiten des Erinnerns. Als Schwerpunkt des Museums wird zudem die Aufklärung über Strukturen und Handlungsmechanismen des Neo-Nationalsozialismus angestrebt, und jungen Menschen sollen Möglichkeiten des Engagements für Frieden und gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus aufgezeigt werden.

          Unschärfe in Kauf genommen?

          Das sind alles wichtige Motive, aber es befremdet, sie sämtlich unter dem Rubrum „Holocaust“ versammelt zu sehen. Vielleicht erklärt sich so auch, daß die Autoren des Konzepts für das Haus neben der Bezeichnung „Deutsches Holocaust-Museum“ den Zweitnamen „Dokumentationszentrum zur Geschichte der NS-Diktatur“ eingeführt haben und auch schon mal von einem „Museum über die NS-Gewaltherrschaft“ schreiben. So entsteht allerdings der Eindruck, daß „Holocaust“ und „NS-Gewaltherrschaft“ synonym verwendet werden. Wird hier eine Unschärfe in Kauf genommen, weil die Einrichtung eines „Holocaust-Museums“ leichter durchführbar erscheint?

          Unklar ist auch, wie die Verknüpfung mit bestehenden Einrichtungen organisiert werden könnte. Schließlich gibt es in nicht allzu weitem Umfeld von Leipzig eine Reihe authentischer Orte: etwa das ehemalige KZ Buchenwald, die Euthanasie-Gedenkstätte in Pirna-Sonnenstein oder (besonders nah) das Dokumentations- und Informationszentrum Torgau. Weil die Stadt zwischen 1936 und 1945 als Zentrale des Wehrmachtsstrafsystems diente, wird dort unter anderen auch den Opfern der NS-Militärjustiz gedacht - an sie soll im neuen Museum ebenfalls erinnert werden.

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