Home
http://www.faz.net/-gqz-6x0hw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Gedenken an Hrant Dink Das armenische Zeichen

21.01.2012 ·  Für die türkische Justiz ist der Mord an dem Journalisten Hrant Dink aufgeklärt. Für viele Türken nicht. Sie demonstrieren. Auch in Berlin.

Von Karen Krüger
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)
© Jens Gyarmaty In Erinnerung an Hrant Dink: Protest vor der türkischen Botschaft in Berlin

Der Mann sitzt leicht zurückgelehnt auf seinem Stuhl, so wie jemand dasitzt, der weiß, was gleich passieren wird und doch keine andere Wahl hat, als es wieder zu ertragen. Schon viel zu oft hat er diese große Empörung seiner Landsleute bei Erwähnung des Völkermords an den Armeniern erlebt. Er kennt die Wut und das Geschrei und die Argumente, mit denen man ihn des Vaterlandsverrats überführen will.

Gerade ist er deshalb nach Paragraph 301 wegen Beleidigung der türkischen Nation zu sechs Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Nun ist er zu Gast in der Talkshow „Neden?“, der türkischen Variante von „Anne Will“. Ihm gegenüber sitzt Professor Özcan Yeniçeri, Historiker und eingefleischter Nationalist. Der Professor gestikuliert aufgebracht, sagt einen Satz, der bald schreckliche Wirklichkeit werden wird: „Wer sich nur um Grabsteine kümmert, der landet bald selbst im Grab!“ Wenige Wochen später ist Hrant Dink tot, erschossen auf offener Straße vor der armenisch-türkischen Zeitung „Agos“, deren Chefredakteur er war. Der Täter ist ein siebzehnjähriger Nationalist. Er trifft Dink mit drei Schüssen in Nacken und Hinterkopf.

Prozess und Protest

Das ist in dieser Woche fünf Jahre her. Tausende von Menschen gingen damals in Istanbul auf die Straße. „Wir alle sind Hrant Dink“, „Wir sind alle Armenier“ und „Wir sind hier, um seinen Kampf fortzusetzen“, war auf ihren Plakaten zu lesen. Auch jetzt wurde wieder demonstriert, im Gedenken an den Ermordeten, aber auch aus Wut über die Justiz. Denn erst in dieser Woche ist in Istanbul der Prozess im Mordfall Dink zu Ende gegangen: Lebenslänglich wegen Anstiftung zur Tat für Yasin Hayal, einen Sesamkringelverkäufer aus Trabzon und Freund des Todesschützen Ogün Samast. Nach dem Mord war Samast sofort verhaftet und im Juli 2011 zu 23 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Dem Verdacht jedoch, dass es Drahtzieher in der Polizei und in nationalistischen Kreisen des Staatsapparates gab, wollte das Gericht nicht nachgehen. Auf den Plakaten, die jetzt bei Demonstrationen in die Höhe gehalten werden, steht: „Gerechtigkeit für Hrant Dink“. Man sieht sie nicht nur in Istanbul, sondern auch in Köln, Düsseldorf und in Berlin.

Dort haben sich am Donnerstagabend Türken, Armenier und Deutsche gegenüber der türkischen Botschaft zu einer Mahnwache für Hrant Dink versammelt. Trotz der Kälte und des starken Regens sind etwa hundert Leute da. Auf einem Tisch steht ein Foto des Journalisten, davor liegen rote Nelken. Die Fenster der türkischen Botschaft sind hell erleuchtet, doch niemand lässt sich sehen. Warum auch? Keiner auf der Straße erwartet eine Reaktion: Nach Ansicht der türkischen Justiz ist der Mord an Hrant Dink aufgeklärt, und einen Völkermord hat es für die Regierung ohnehin nie gegeben.

Engagiert gegen Redeverbote

Doch genau diese Sichtweise wollen viele Deutschtürken nicht mehr akzeptieren - ob sie ihre Heimat schon lange verlassen haben oder hier geboren wurden, ist dabei egal. Was während des Ersten Weltkriegs auf dem Gebiet der heutigen Türkei passierte, bleibt auch mit deutschem Pass Teil ihrer Geschichte. Sie wollen, dass der Genozid nicht länger geleugnet wird. Sie möchten nicht, dass ihre Kinder die Halbwahrheiten der offiziellen türkischen Geschichtsschreibung hören. Auf Unterstützung durch den deutschen Schulunterricht können sie nicht hoffen - er macht den Genozid an den Armeniern nicht zum Thema. Ungefiltert erreicht stattdessen die offizielle türkische Geschichtsschreibung über Satellitenfernsehen und Zeitungen die Wohnzimmer und nistet sich in den Köpfen ein. Zudem lädt die türkische Botschaft Wissenschaftler ein, die für ein sattes Honorar in öffentlichen Veranstaltungen den Genozid leugnen. Die Kluft, die auf diese Weise unter Deutschtürken entsteht, wird immer deutlicher.

Der Journalist Cem Sey weiß, wie schwer es ist, sie zu überbrücken. Er steht zwischen den Demonstranten, verteilt Fackeln, begrüßt Freunde und Bekannte. Im vergangenen Jahr hat er das „Hrant Dink Forum Berlin“ mitinitiiert. Im Sinne des ermordeten Journalisten, der sich zeitlebens gegen Redeverbote ausgesprochen hat, bemüht sich der Verein um Aufklärung durch Dialog. Armenier, Deutsche und Türken gehören dem Forum inzwischen an - nur deshalb stehen sie an diesem Abend gemeinsam hier. Für Sey reichen die Möglichkeiten des Dialogs aber über die Versöhnung hinaus: „Nicht die Religion ist der große Hemmschuh bei der Integration, sondern der türkische Nationalismus. Seine wichtigste Säule ist die Völkermord-Debatte. Wenn wir sie auch nur ein wenig verändern, erleichtert sich auch hier das Zusammenleben.“

Drei Frauen lösen sich aus der Menge, eilen über die Straße, vorbei an den Polizisten am Eingang der Botschaft, und legen einen schwarzen Kranz vor die Tür: „Für Hrant Dink, für Gerechtigkeit“ steht darauf. Eine der Frauen ist Silvina Der-Meguerditchian, Enkelin armenischer Überlebender. Sie zittert, nicht nur vor Aufregung: Die Furcht der Großeltern vor den Tätern wurde an folgende Generationen weitergegeben. Sie sitzt tief.

Stolz und Mord

Die Künstlerin schildert ihr Unbehagen gegenüber der türkischen Gesellschaft in einer Videoperformance, die gerade im Berliner Ballhaus Naunynstraße zu sehen ist - als Teil eines Performance-Parcours mit dem Titel „§301 - Die beleidigte Nation“. Er ist eine gelungene Annäherung der vornehmlich türkischstämmigen Schauspieler an das Leben und Wirken Hrant Dinks. Das kleine Kreuzberger Kiez-Theater informiert, ohne zu belehren. Es weckt bei den Zuschauern ein Gespür dafür, warum die Diskussion über den Völkermord in der Türkei und andernorts so schwierig ist.

Am eindringlichsten schildert die Performance „Neden?“ von Regisseur Züli Aladağ die Gegensätze, die es zu überwinden gilt. Sie spielt Szenen der gleichnamigen Talkshow aus dem Jahr 2006 nach. Züli Aladağ verkörpert Hrant Dink: Ruhig und mit der Aura eines Menschen, der vom vielen Kämpfen müde ist, aber dennoch die Dinge beim Namen nennen will, sitzt er auf der Bühne, und lässt die Ungeheuerlichkeiten von Schauspieler Fabian Joest Passamonte als Professor Özcan Yeniçeri über sich ergehen: Hrant Dink sei Schuld daran, dass das Ausland schlecht über die Türkei rede, ruft der Professor. Noch schlimmer aber sei, dass man türkische Großväter als Völkermörder verunglimpfe. Aladağ beteuert, erklärt, hebt beschwichtigend die Hände: „Widersprecht mir, widerlegt mich, bringt Neues vor, aber verbietet und verurteilt mich nicht“, zitiert er Dink. Die Performance endet mit dem Foto, das Dinks zugedeckten Leichnam auf der Straße zeigt. In der Türkei ist es ein Symbol für den Kampf um Meinungsfreiheit, hier sehen es viele zum ersten Mal.

Vage Erinnerungen

Viel Bildungsbürgertum ist unter den Zuschauern, auch junge Deutschtürken sind gekommen. Die Elterngeneration fehlt. Dabei gehört sie hier in Kreuzberg, wo sich Läden, Banken und Ärzte so sehr auf türkische Kunden eingestellt haben, dass man dort auch ohne Deutsch zu können ein gutes Leben führt, zur direkten Nachbarschaft. Die Ankündigungsplakate im Viertel müssen sie gesehen haben. Sie zeigen Züli Aladağ mit verschlungenen Tätowierungen im Gesicht. Besonders ältere Türken wissen um ihre Bedeutung: Jungtürkische Soldaten und Zaza-Kurden fügten armenischen Frauen während des Völkermords solche Zeichen zu - im Falle der Soldaten, um die Frauen zu stigmatisieren, im Falle der Zaza-Kurden (bei ihnen zeigen Tätowierungen die Stammeszugehörigkeit an), um sie zu retten. Ist ein Innehalten beim Anblick der Plakate schon ein Schritt zur Annäherung?

„Viele Türken könnten es gar nicht aushalten, sich das Stück anzusehen. Es verletzt ihren Stolz. Der Gedanke, dass die eigene Familie vielleicht in das Morden verwickelt war, tut weh“, sagt Aladağ. „Es gibt sehr aufgeklärte Türken. Für andere jedoch stellt das Thema den Bestand der Türkei in Frage. Das ist zwar Unsinn, wird aber so wahrgenommen.“ Der Regisseur ist Deutscher, hat die meiste Zeit seines Lebens hier verbracht. Seine Familie stammt aus dem osttürkischen Van, dort wurde Züli Aladağ geboren.

Bis zum Jahr 1915 lebten viele Armenier in der Region; sie waren die Nachbarn und Freunde von Aladağs Vorfahren. Als Teenager habe er das erste Mal von den Ereignissen im Jahr 1915 gehört: bruchstückhafte Erinnerungen aus dem Familienkreis, nichts Konkretes, viel Relativierendes. Diese Erfahrung teilt er mit vielen. „Wie in der Türkei wird es auch hier noch Zeit brauchen, bis sich die Menschen für die Vergangenheit öffnen. Oft sind es Filme, Zeitungsberichte und Bücher, durch die sich etwas bewegt. Sie erreichen mehr, als wenn mit Druck auf einer anderen Version der Geschichte bestanden wird.“

Lesen und weinen

Ein Buch, das diese Wirkung hat, stammt von Fethiye Çetin, der Anwältin der Familie Dink. Ende der siebziger Jahre vertraut ihre Großmutter ihr ein Geheimnis an: Sie sei nicht als Türkin, sondern als Armenierin geboren worden. Während des Todesmarsches in die syrische Wüste entführte sie ein türkischer Gendarm, der später ihr Stiefvater wurde. Erst im Jahr 2000, nach dem Tod der Großmutter, ging Fethiye Çetin damit an die Öffentlichkeit.

Das Buch „Anneannem“ schildert, wie sie den Schrecken des Völkermords in vielen Stunden des Erzählens noch einmal gemeinsam durchleben: Großmutter und Enkelin, Armenierin und Türkin. Die Autorin, die als Kind begeistert nationalistische Gedichte aufsagte und Armenier durch die Schulbücher nur als Feinde kannte, macht keinen Hehl daraus, wie sehr sich zunächst alles in ihr gegen die Offenbarungen sperrte. Am Ende jedoch siegt die Annäherung, quer zu aller nationalistischen Rhetorik. Das Buch wird derzeit in neunter Auflage verkauft, auch in türkischen Buchhandlungen in Deutschland.

Desinteresse am Völkermord

Vor allem Türken mittleren Alters kämen in seinen Laden und fragten danach, sagt Metin Ağaçgözgü von der türkischen Buchhandlung „Regenbogen“, die direkt am Kottbusser Tor im Stadtteil Kreuzberg liegt. Es habe in der Türkei für viel Aufsehen gesorgt. „Auch ich habe es gelesen und dabei viel geweint“, sagt Ağaçgözgü.

Unter dem Titel „Meine Großmutter. Erinnerungen“, liegt das Buch nun auch auf Deutsch vor. Jahrelang hatte man sich in der Türkei darum bemüht, einen größeren deutschen Verlag dafür zu finden. Doch niemand wollte es verlegen - ein Ausdruck des Desinteresses, das man hier dem Völkermord an den Armeniern noch immer entgegenbringt. Schließlich nahm sich der winzige Verlag auf dem Ruffel des Buches an. Am Montagabend wird Fethiye Çetin mit ihrem Buch zu Gast im Theater Ballhaus Naunynstraße sein. Es gebe nichts, wofür man sich in der türkischen Geschichte schämen müsse, sagen türkische Nationalisten. Die Anwältin sieht das anders.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1975, Redakteurin im Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Seehofers Coup

Von Christian Geyer

Ohne Sensation keine Aufmerksamkeit: Das ZDF versucht es trotzdem. Ein „vertrauliches“ Nachgespräch aus dem Interview mit Horst Seehofer wurde gesendet. Nur leider ohne Inhalte. Mehr 1 20