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Gedenken an Hrant Dink : Das armenische Zeichen

In Erinnerung an Hrant Dink: Protest vor der türkischen Botschaft in Berlin Bild: Jens Gyarmaty

Für die türkische Justiz ist der Mord an dem Journalisten Hrant Dink aufgeklärt. Für viele Türken nicht. Sie demonstrieren. Auch in Berlin.

          Der Mann sitzt leicht zurückgelehnt auf seinem Stuhl, so wie jemand dasitzt, der weiß, was gleich passieren wird und doch keine andere Wahl hat, als es wieder zu ertragen. Schon viel zu oft hat er diese große Empörung seiner Landsleute bei Erwähnung des Völkermords an den Armeniern erlebt. Er kennt die Wut und das Geschrei und die Argumente, mit denen man ihn des Vaterlandsverrats überführen will.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Gerade ist er deshalb nach Paragraph 301 wegen Beleidigung der türkischen Nation zu sechs Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Nun ist er zu Gast in der Talkshow „Neden?“, der türkischen Variante von „Anne Will“. Ihm gegenüber sitzt Professor Özcan Yeniçeri, Historiker und eingefleischter Nationalist. Der Professor gestikuliert aufgebracht, sagt einen Satz, der bald schreckliche Wirklichkeit werden wird: „Wer sich nur um Grabsteine kümmert, der landet bald selbst im Grab!“ Wenige Wochen später ist Hrant Dink tot, erschossen auf offener Straße vor der armenisch-türkischen Zeitung „Agos“, deren Chefredakteur er war. Der Täter ist ein siebzehnjähriger Nationalist. Er trifft Dink mit drei Schüssen in Nacken und Hinterkopf.

          Prozess und Protest

          Das ist in dieser Woche fünf Jahre her. Tausende von Menschen gingen damals in Istanbul auf die Straße. „Wir alle sind Hrant Dink“, „Wir sind alle Armenier“ und „Wir sind hier, um seinen Kampf fortzusetzen“, war auf ihren Plakaten zu lesen. Auch jetzt wurde wieder demonstriert, im Gedenken an den Ermordeten, aber auch aus Wut über die Justiz. Denn erst in dieser Woche ist in Istanbul der Prozess im Mordfall Dink zu Ende gegangen: Lebenslänglich wegen Anstiftung zur Tat für Yasin Hayal, einen Sesamkringelverkäufer aus Trabzon und Freund des Todesschützen Ogün Samast. Nach dem Mord war Samast sofort verhaftet und im Juli 2011 zu 23 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Dem Verdacht jedoch, dass es Drahtzieher in der Polizei und in nationalistischen Kreisen des Staatsapparates gab, wollte das Gericht nicht nachgehen. Auf den Plakaten, die jetzt bei Demonstrationen in die Höhe gehalten werden, steht: „Gerechtigkeit für Hrant Dink“. Man sieht sie nicht nur in Istanbul, sondern auch in Köln, Düsseldorf und in Berlin.

          Mahnwache für den Journalisten am Köllnischen Park

          Dort haben sich am Donnerstagabend Türken, Armenier und Deutsche gegenüber der türkischen Botschaft zu einer Mahnwache für Hrant Dink versammelt. Trotz der Kälte und des starken Regens sind etwa hundert Leute da. Auf einem Tisch steht ein Foto des Journalisten, davor liegen rote Nelken. Die Fenster der türkischen Botschaft sind hell erleuchtet, doch niemand lässt sich sehen. Warum auch? Keiner auf der Straße erwartet eine Reaktion: Nach Ansicht der türkischen Justiz ist der Mord an Hrant Dink aufgeklärt, und einen Völkermord hat es für die Regierung ohnehin nie gegeben.

          Engagiert gegen Redeverbote

          Doch genau diese Sichtweise wollen viele Deutschtürken nicht mehr akzeptieren - ob sie ihre Heimat schon lange verlassen haben oder hier geboren wurden, ist dabei egal. Was während des Ersten Weltkriegs auf dem Gebiet der heutigen Türkei passierte, bleibt auch mit deutschem Pass Teil ihrer Geschichte. Sie wollen, dass der Genozid nicht länger geleugnet wird. Sie möchten nicht, dass ihre Kinder die Halbwahrheiten der offiziellen türkischen Geschichtsschreibung hören. Auf Unterstützung durch den deutschen Schulunterricht können sie nicht hoffen - er macht den Genozid an den Armeniern nicht zum Thema. Ungefiltert erreicht stattdessen die offizielle türkische Geschichtsschreibung über Satellitenfernsehen und Zeitungen die Wohnzimmer und nistet sich in den Köpfen ein. Zudem lädt die türkische Botschaft Wissenschaftler ein, die für ein sattes Honorar in öffentlichen Veranstaltungen den Genozid leugnen. Die Kluft, die auf diese Weise unter Deutschtürken entsteht, wird immer deutlicher.

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