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Gedanken eines Außenministers Entfesselt

26.01.2012 ·  Europa solle sich nicht totsparen, schreibt Guido Westerwelle im „Handelsblatt“. Ob sich die Kanzlerin, die anderen EU-Ländern das Sparen vorschreiben will, davon inspirieren lässt?

Von Nils Minkmar
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Mit höherem Lebensalter kommt auch die Muße, die Dinge mit Abstand zu erörtern. Ein Mann von fünfzig Jahren mag also am Fenster stehen, auf das kalte, graue Land sehen und vor sich hin murmeln: „Überfordern wir Deutsche unsere Partner mit den strengen Bedingungen für mehr Haushaltsdisziplin?“. Mit zunehmenden Lebensjahren hat man schon Reisen absolviert, man hat die Welt gesehen und denkt ganz neu nach. „Was mache ich hier?“, fragte sich Bruce Chatwin. „Vernachlässigen wir das Thema Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit in Europa?“, fragt sich Guido Westerwelle. Er hat seine Gedanken aufgeschrieben - übrigens beginnen ja viele in der zweiten Lebenshälfte mit dem Schreiben.

Gestern druckte jedenfalls das „Handelsblatt“ die Gedanken des ehemaligen Vorsitzenden der nun auch fast schon ehemaligen FDP. Darin stand manch Bedenkenswertes, vor allem über den Kurs der Kanzlerin, den der Autor klug kritisierte. In einer Rundmail hatte der Chefredakteur des Blattes, Gabor Steingart, geschrieben: „Der Grundgedanke ist nicht deshalb falsch, weil er von Guido Westerwelle kommt.“ Das war wieder so gemein. Die Leute schließen vom jungen Westerwelle auf den neuen, schreibenden und denkenden Mann in den besten Jahren, der doch im Dezember fünfzig wurde.

Europa soll gönnen können

Gütiger und ruhiger schaut Guido Westerwelle auf ein Europa, dem er die Segnungen öffentlichen Geldes angedeihen lassen möchte: Die nicht verbrauchten Mittel des Strukturfonds sollten für Bildung und schöne Dinge fließen, man solle sich doch nicht totsparen, sondern, so schrieb er sinngemäß und seine rheinischen Wurzeln bedenkend, gönnen können. Das dürfte die Kanzlerin inspirieren, die doch so gestresst ist, gerade jetzt, kurz vor dem neuesten Gipfel zur letzten Chance, wo sie den anderen EU-Staaten die deutsche Austerität vorschreiben möchte.

Aber sie ist da ganz verknotet, schon körpersprachlich: „Fesseln abstreifen“, empfiehlt der ihr bekannte Autor des „Handelsblatts“, es könnte der Titel eines Bestsellers werden, Yoga am Jakobsweg und so. Nachdenken musste man nach dieser Lektüre, aber auch lachen: „Der Autor“, behauptet die Redaktion unter dem Text, „ist Bundesaußenminister.“ Sie haben nicht geschrieben, in welchem Land er sich das antut. Vielleicht Bhutan, wo die Herzen und Seelen weit sind und Europa auch? Oh, wer weiß. Man wird vergesslich mit den Jahren, jedenfalls was solche Details angeht.

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Jahrgang 1966, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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