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Willi-Graf-Kommentar : Schweigen bis zum Tod

Gedenkfeier für die „Weiße Rose“ in der Universität München im Februar 1953. Bild: Picture-Alliance

Heute wäre Willi Graf hundert Jahre alt geworden. Die katholische Kirche erwägt, ihn selig zu sprechen – und sollte den Anlass noch zu anderem nutzen.

          In den Akten des Strafgefängnisses Stadelheim ist unter dem 12. Oktober 1943 vermerkt: „Der Hinrichtungsvorgang dauerte vom Verlassen der Zelle an gerechnet 1 Minute 11 Sekunden, von der Übergabe an den Scharfrichter bis zum Fall des Beiles 11 Sekunden.“ Sechs Monate lang war die Hinrichtung von Willi Graf aufgeschoben worden, weil man darauf rechnete, dass er die Namen von Mittätern preisgeben werde. Aber er schwieg. So hatten seine Saarbrücker Freunde Heinz und Willi Bollinger Zeit, die Maschine, mit der die Flugblätter der Weißen Rose vervielfältigt worden waren, in der Saar zu versenken.

          75 Jahre nach dem Todesurteil des Volksgerichtshofs wird Grafs Widerstand wieder Gegenstand einer juristischen Untersuchung. Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, lässt die Einleitung eines Seligsprechungsverfahrens prüfen. Voraussetzung ist der „Ruf der Heiligkeit“, erworben durch den Märtyrertod für den Glauben oder durch ein heroisches Leben am Leitfaden der Kardinaltugenden. Am Hinrichtungstag diktierte der Fünfundzwanzigjährige dem Gefängniskaplan einen Brief an seine Schwester Anneliese. Beim Anhören der Arie „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ aus Händels „Messias“ solle sie an einen gemeinsamen Konzertbesuch im Münchner Odeon denken. „Allein dieser Glaube ist mir Halt und Stärke.“ Heute, am hundertsten Geburtstag von Willi Graf, feiert Pater Karl Kern in der Jesuitenkirche in der Münchner Fußgängerzone einen Gottesdienst zum Gedenken an den Freund der evangelischen Geschwister Scholl, den, da in Kuchenheim bei Euskirchen geboren, das Erzbistum Köln schon in der Liste seiner Märtyrer führt.

          Pater Kern ist Bundesbruder des Bunds Neudeutschland, dem Graf bis zu dessen Verbot angehörte. Erst vor einigen Wochen ließ Marx bekanntgeben, dass sein Erzbistum auch die Seligsprechung von Romano Guardini anstrebt, dem Inspirator der katholischen bündischen Jugend. Die Schließung eines gedächtnispolitischen Kreises zeichnet sich ab. Graf stand unter dem Einfluss der Lektüre Guardinis, und Guardini hielt 1945 in München die erste Gedenkrede auf die Weiße Rose. Für die Kirche sollte die förmliche Prüfung der Tugenden Willi Grafs freilich Anlass sein, die eigene Stellung zum Widerstand zu überprüfen. 1947 urteilte der Freiburger Generalvikar, Graf und dessen „Gesinnungsgenossen“ hätten „nicht in Einklang mit den christlichen Moralgrundsätzen“ gehandelt. In den Papieren Grafs, über die sich die Anwälte von Engeln und Teufeln beugen werden, finden sich Passagen der scharfen Absage an die saturierte Kirche seines bürgerlichen Herkunftsmilieus. Es steht zu hoffen, dass er nun aber auch nicht als Prophet einer Kirchenkritik vereinnahmt wird, deren Fürsprecher in der Kirche inzwischen an allerhöchster Stelle sitzen. Seiner Schwester schrieb Willi Graf schon am 15. Juni 1941: „Gerade das Christ-Werden ist vielleicht das allerschwerste, denn wir sind es nie und können es höchstens beim Tode ein wenig sein.“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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