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Geburtstag von Lee Perry : Das Boot ist toll

„Wir wollen süße Songs und böse Beats einschmelzen, um die Welt der Menschen zu retten“: Lee Perry. Bild: Getty

Schwarze Arche ahoi: Lee „Scratch“ Perry nimmt die Ohren auf eine weite Reise mit, die zwar ins Nichts zwischen den Sternen führt, aber so wiegend und schaukelnd vonstatten geht wie eine Seereise bei heiter ungefährlichem Seegang.

          Bevor Taschencomputer und Stöpselkopfhörer das Wissen darüber ganz vertrieben haben, wie das ist, wenn aus einem riesengroßen Lautsprecher ein Schlagzeug sein Geschwisterchen, das Menschenherz, zum Tanzen auffordert, während der Bass als sprechender Blutkreislauf eines Engels das Gehör verflüssigt, bis es sich für einen Gesichts- und Geschmackssinn hält, der Leuchten und Süße wahrnimmt, wo Fülle und Tiefe sind – bevor das alles Geschichte wird, weil die Leute nur noch Medien benutzen, die das Großerlebnis Musik zum Nebengeräusch verniedlichen, sollte man sich dem Schaffen von Lee „Scratch“ Perry noch einmal rückhaltlos ausliefern. Man erlebt dann die einzige Spielart der köstlichen Lähmung „Klangrausch“, die zugleich Entrückung ist und weder jemanden überwältigen, noch irgendetwas Ausgedachtes verherrlichen will.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Und wenn es der Moment, an dem man sich dem Sound ergibt, dann besonders gut meint, wird man plötzlich verstehen dürfen, was diese Stimme eigentlich mitteilt, dieses erdig-außerirdische, knarzknackig trällernde Organ, das sich in Hall zu kleiden weiß wie ein früher Sommermorgen in klare Himmelsweite und dabei unverständliche Weisheiten über Clint Eastwood und das Recht auf Ruhm zum Besten gibt oder die Ankunft eines Astronauten ankündigt, der die Ohren auf eine weite Reise mitnehmen wird, die zwar ins reine Nichts zwischen den Sternen führt, dabei aber so wiegend und schaukelnd vonstatten geht wie ein Weg übers Meer bei heiter ungefährlichem Seegang.

          Der Erfinder dessen, was man Reggae nennt

          Lee (eigentlich: Rainford oder Reinford Hugh) Perry hat als Produzent das mit erfunden, was man „Reggae“ nennt, und das mit definiert, was man als „Dub“ kennt. Von wo auch immer man sich diesen Stilen nähert, stets winkt eine Ahnung von Monotonie lässig herüber wie der Kapitän eines kleinen Frachters, der Tonnen von milden Drogen geladen hat und gleich anlegen wird – na, gleich, bald, nicht sofort, morgen ist auch noch ein Tag, gemächlich, allmählich: Sie trifft nie ganz ein, diese erwartete Monotonie, die Heidegger wohl „das Ein-Tönige“ genannt hätte, sie bleibt angekündigt und unerfüllt, denn im entscheidenden Moment schreit (wie auf einer der allerallerersten Reggae-Platten, nach Meinung mancher: der ersten echten, „People Funny Boy“, produziert von Perry) ein Baby, das sich darüber freut, dass nur Musik, nicht Sprache, es taufen kann, oder irgendein Akzent wird kaum merklich so verschoben, dass oben nach unten kippt und hinten sich mit einem Mal vorne zeigt, wie bei der Verschiebung eines einzigen Wortes in einem Satz oder der Ersetzung mehrerer Wörter durch andere – statt „Das hört sich doch alles gleich an“ also etwa „Das höre ich mir doch gleich alles an“.

          Diesen zweiten Satz mag sagen, wer begreift, was sich in der Monotonieverheißung bedeutender Schlepp- oder Schnappmusik, also etwa in Doom Metal, Minimal Techno, Surfmusik, Drone Rock oder bei manchen Bluesleuten, so ungreifbar wie unbestreitbar durch die besten Stücke schlängelt: die nervenelektrische Beweglichkeit mikromusikalischen Denkens nämlich. Wenigen ist dieses Denken so sehr zweite Natur wie Perry, bei dessen Kunst die Empfindung „immer das Gleiche“ nur da aufkommt, wo man falsch hört, nämlich „sich konzentriert“, um die Werke zu lesen wie Gedichtzeilen, während man sich in Wahrheit darin umsehen sollte wie an einem Ort, den nie zuvor ein Mensch betreten hat.

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