04.01.2002 · Der Semiotiker als Kolumnist: Umberto Ecos Streichholzbriefchen im "L'Espresso" sind in Italien eine Institution.
Von Holger Christmann"Wir leben in düsteren Zeiten - nicht nur wegen der tragischen Dinge, die geschehen, sondern auch, weil man sehr subtil sein müsste, um zu verstehen, was geschieht. Aber die Zeiten sind nicht günstig für Subtilitäten." Schlechte Bedingungen für einen wie Umberto Eco, der jetzt seinen 70. Geburtstag feierte.
Seit März 1985 schreibt der Gelehrte, den die meisten durch Roman-Bestseller wie "Der Name der Rose" oder "Baudolino" kennen, in dem italienischen Wochenmagazin "L'Espresso" - früher jede Woche, heute im zweiwöchigen Rhythmus - subtil über "Gott und die Welt"; in letzter Zeit etwa den Krieg in Afghanistan und die "Potter-Mania".
Im Namen des Streichholzheftchens
Die Kolumne trägt den Titel "La Bustina di Minerva". Der Nicht-Italiener rätselte, was der Name wohl bedeuten mag: War denn Minerva, die Stadtgöttin Roms und Göttin vieler wichtiger Dinge (Krieg, Frieden, Kunstfertigkeit) für ihre Briefe bekann? Die Lösung war viel einfacher: Der Name ist von den Streichholzheftchen hergeleitet, die eine Firma namens Minerva unter die Leute bringt.
Auf diesen Streichholzheftchen kann man sich Notizen machen, wenn man im Restaurant sitzt oder in der Eisenbahn. Auf diesen gedachten oder echten Streiholzdeckeln macht sich Eco Gedanken über den seltsamen Erfolg der Fernsehserie "Derrick und die Leidenschaft für das Mittelmaß", über die Unverständlichkeit von Ausstellungskatalogen, über die seltsamen Interessen der Literaturkritik oder darüber, welche Folgen Fiktionen haben, wenn sie als Tatsachenberichte missverstanden werden (etwa die "Schriften der Weisen von Zion", die Hitler als Argument für eine jüdische Weltverschwörung dienten).
Dass er dabei über Micky Maus und Voltaire gleichermaßen belesen schreibt und immer wieder Denkmuster findet, die in Hoch- und Trivialkultur gleichermaßen auftauchen ("Platon im Striptease-Lokal"), macht seine semiotischen Texte für ein breites Publikum lesenswert.
Mit den neuen Technologien - Computer, Internet - befasste sich Eco in der "Bustina" schon, als die meisten Verteter seiner Zunft noch naserümpfend ihrer Schreibmaschine "Monica" die Treue hielten. Das Internet faszinierte ihn als neue "babylonische Bibliothek".
Kommentare zu Mac und MD DOS
Über Macintosh und MS-DOS schrieb er im September 1994 eine schon legendäre "Bustina". Darin beantwortete er die selbstgestellte Frage, warum Macintosh katholisch ist und DOS protestantisch. "Macintosh ist gegenreformatorisch und wurde von der ration studiorum der Jesuiten beeinflusst. Es ist fröhlich, freundlich, kompromissbereit. Es verrät den Gläubigen, wie sie Schritt für Schritt vorankommen." MS DOS nennt Eco hingegen "beinah calvinistisch". "Es erlaubt die freie Auslegung der Schrift, verlangt schwierige persönliche Entscheidungen ... und hält es für selbstverständlich, dass nicht jeder Erlösung findet."
Da sich auch die feinste Masche abnutzt, haben Ecos Kommentare heute nur noch selten den Überraschungswert der frühen Jahre. Gerüchten zufolge schreibt er die Kolumne auch nicht mehr jede Woche selbst, was auffallende Qualitätsunterschiede erklären würde. Dass Unterscheiden gut ist, diese Botschaft Ecos hat jedoch auch heute nichts von ihrer Erinnerungswürdigkeit verloren. Kürzlich kritisierte er eine Umfrage, deren Ergebnis war, dass die Mehrheit der Linken die Beweggründe Bin Ladins verstünde. Es gelte zu unterscheiden zwischen "verstehen, erklären, rechtfertigen und teilen", schrieb er daraufhin. Intellektuelle ermahnt Eco auf die ihm eigene nette Art, dass sie aufhören sollen, törichte Fragen zu stellen (Ist Heidegger schuld an der Krise der Linken? War Ariost für die Rücknahme des Edikts von Nantes verantwortlich?) oder Werk und Biographie eines Autors unzulässig zu vermengen.
Die Liebe zum Trivialen und das Faszinosum Harry Potter
Wie spitz seine Feder immer noch sein kann, zeigt seine jüngste "Bustina". Unter der Überschrift "Schadet Harry Potter den Erwachsenen?" beschreibt Eco zuerst, warum Harry Potter so erfolgreich ist (zum Beispiel weil die Autorin Klassikern wie Oliver Twist, Aschenputtel und Marry Poppins Erfolgsrezepte entnommen hat), um dann als besonders gefährdete Leserschaft jene Erwachsenen aufzumachen, die früher keine Märchenbücher lasen, aber bei denen heute schon eine Fernseh-Sendung genügt, um die okkultesten Bedürfnisse in ihnen zu wecken.
Eco ist fasziniert von der Welt des Trivialen. Aber heute wird ihm das Triviale fast zu übermächtig: etwa in der schablonenhaften Diskussion um die Anschläge auf das World Trade Center und ihre Folgen. Immer wenn er in der Literatur fündig wird, läuft Eco zu Hochform auf. Sein jüngster Fund: Ein Gespräch über Afghanistan zwischen Sherlock Holmes und Watson. In solchen Momenten beweist Eco, dass Belesenheit tatsächlich klug macht - keine schlechte Botschaft in Zeiten des omnipräsenten Instant-Wissens.