Wer die Geburtskirche in Bethlehem besucht, braucht innere Stärke. Denn kaum hat man sie betreten, gilt es, einem brodelnden Dickicht aus Sinneseindrücken standzuhalten. Der Schock, den draußen die uralten, meterdicken Mauern, die wirren Fenster, Luken und Schießscharten bereiten, die das eigentliche Gotteshaus bis zur Unkenntlichkeit umklammern, ist dafür nur ein laues Vorspiel.
Im Narthex, der Vorhalle, vermodern schön geformte antike Kapitelle und Friese. Die rötlichen Säulen des Langhauses, zwei Jahrtausende lang betastet und befingert, haben wellige Konturen wie aus Knet angenommen. Auf den Langhauswänden über ihnen sind im staubigen Verputz unregelmäßig Vierecke ausgespart - von Alters- und Schmutzschlieren überzogene Mosaike, über die Kunstführer sagen, sie zeigten Konzile und Heilige. Im Fußboden bedecken hier und da morsche Bohlen schmale Öffnungen. Legen Wächter sie beiseite, werden Reste prächtiger Bodenmosaike sichtbar. Die Trittplatten, von Millionen Fußsohlen, Knien, Handflächen und Lippen wieder und wieder gestreift, glänzen speckig. In ihnen, wie in den Säulen, vor allem aber im Zierrat der modrig riechenden „Geburtsgrotte“ tief unten im Chor der Kirche, müssen Tonnen von Hautfett, Wachs und Salböl versickert sein.
Gute Gründe für die Ernennung
Erst am weltbekannten vierzehnzackigen (nach den vierzehn Geschlechtern im Stammbaum Jesu) Silberstern des Fußbodens erkennt man die Grotte. Alles übrige verschwimmt in einem Meer aus mal mehr, mal weniger zerschlissenem Brokat und Seide, Schnörkeln, Bordüren, Litzen und Schabracken, Bildern, Altären, Ampeln, Kerzen und Glühbirnen. Wäre hier nicht einer der heiligsten Orte der Christenheit, man würde offen von einer Kitschorgie sprechen.
Ein bauliches Kleinod der Antike und des Mittelalters, verpuppt in Kokons unwürdiger Vernachlässigung und frommer Stillosigkeiten - seit zwei Tagen traut man sich noch weniger, dies offen auszusprechen, denn am vergangenen Freitagnachmittag hat die Unesco auf ihrer Jahresversammlung in St. Petersburg die Geburtskirche zum Weltkulturerbe ernannt. Dafür gibt es, unerachtet aller beschriebenen Missstände, gute Gründe: Der Bau, 335 nach Christus von Kaiser Konstantin dem Großen und seiner Mutter Helena gestiftet, ist neben der Grabeskirche in Jerusalem das einzige christliche Gotteshaus der Antike, das im Heiligen Land zumindest in Teilen erhalten ist.
Errichtet über einer Grotte, die nachweislich schon wenige Jahrzehnte nach Christi Tod verehrt und nach einem Brand oder Erdbeben 450 nach Christus wieder aufgebaut und vergrößert wurde, überstand die Geburtskirche den Perser-Sturm im Jahr 614, wurde seit 1161 von den Kreuzfahrern restauriert, blieb bei den Eroberungszügen der Mamelucken intakt und wurde unter der türkischen Herrschaft zwar ihrer Marmorausstattung beraubt, aber nicht beseitigt.
Fünf Jahrezehnte Stillstand
Im Jahr 1670 gestattete es die Hohe Pforte der griechisch-orthodoxen Kirche, das extrem verfallene Bauwerk zu renovieren; 1757, nach ewigem Streit der verschiedenen Konfessionen um die Kirche, teilte sie die Zuständigkeiten zwischen griechisch und armenisch Orthodoxen und Katholiken. Im neunzehnten Jahrhundert erfolgten mehrere historisierende, oft das Erscheinungsbild verfälschende Restaurierungen; 1927, nach schweren Erdbebenschäden, ließ die damalige britische Mandatsverwaltung Instandsetzungen und Ausgrabungen durchführen.
Was damals die Spezialisten eruierten, gilt noch heute: Unter ihrem Tarnmantel aus Gläubigkeitskitsch ist die Geburtskirche ein unendlich kostbares Konglomerat der Epochen und Stile, in dem die Antike und Byzanz, Romanik und Gotik, orthodoxe Ikonen- und lateinische Bildniskunst Kostbarkeiten hinterlassen haben. Mit dem Fortschritt der Grabungstechniken und Forschungstechnologien ließen sich heute sehr viel mehr solcher Schätze aus dem heillosen Gewirr der Um-, An- und Zusatzbauten lösen. Doch seit fünfzig Jahren ist nichts mehr geschehen.
Eine Prügelei unter Geistlichen
Das Dach droht einzustürzen, die Mauern neigen sich. Auch damit begründete Palästina den Antrag auf den Welterbestatus, dessen Zuteilung nun die Politikerin Hanan Aschrawi im Namen „des palästinensischen Volkes“ als einen „Augenblick nationalen Stolzes und Anerkennung seines reichen Erbes und seiner Identität“ feierte. Das Gedächtnis der Antragsteller ist bemerkenswert kurz: Als sich im April 2002 während der zweiten Intifada vierzig bewaffnete Palästinenser samt 160 Zivilisten für 39 Tage in der Geburtskirche verschanzten, scherten sie sich keinen Deut um die Schäden, die die Kämpfe zwischen ihnen und israelischen Militärs anrichteten. Und inwiefern das Gotteshaus grundlegend sein soll für die Identität der vorwiegend dem islamischen Glauben zugehörigen Palästinenser, bleibt fraglich.
Letzteres dürfte auch der Hintergrund für die sofort geäußerten Bedenken der christlichen Kirchen sein, fortan könnte die Geburtskirche in ihrer Funktion einer Wallfahrtsstätte empfindlich beschränkt werden. Es ist das erste Mal seit langem, dass diese Gruppen Einmütigkeit zeigen. Denn im Dezember 2007 und 2011 prügelten armenisch- und griechisch-orthodoxe Priester sich wie Straßenjungs beim traditionellen Kirchenputz zum Weihnachtsfest: Und die katholische Kirche, die ihre Christmette zwangsexiliert in der angrenzenden Katharinenkirche abhalten muss, hat immer wieder Schikane auszuhalten, wenn sie das verbriefte Recht auf Öffnen der stets verschlossenen Türen zwischen St. Katharinen und der Geburtsgrotte beansprucht.
Nur ein einziger Satz schützt das heilige Gebäude
So wenig wie zuvor der Glaube wird nun die Unesco verhindern, dass das ehrwürdige Bauwerk Spielball, Faustpfand und Zankapfel hasserfüllter Parteien ist. Was in St. Petersburg intern wohl als Ausweis politischen Muts angesehen wurde, erweist sich, wie schon so oft, angesichts der Realität als weiterer Beweis der Ohnmacht: Wie so viele Welterbestätten wird auch die in Bethlehem als Mittel zum Zweck missbraucht werden - für Finanzhilfen, Tourismusförderung sowie als stumme Geisel und skrupellos genutzte Festung, sobald es zu bewaffneten Konflikten kommt.
„Hier, in einer kleinen Erdspalte“, schrieb 386 nach Christus der Kirchenvater Hieronymus, der in einem Nebengebäude der Grabeskirche seine Vulgata, die lateinische Bibelübersetzung, vollendete, „wurde der Schöpfer des Himmels geboren.“ Seine Worte sind der einzige, schwache Schutz, der auch die Welterbe-Zeiten überdauern wird.